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Ausgabe November 2015
Tod und Wiedergeburt. Von der Inkarnation zur Empfängnis. Von Dr. Ralph Metzner

Der Bewusstseinsforscher und Gelehrte Dr. Ralph Metzner forscht seit mehr als vierzig Jahren u.a. zur Frage des Lebenszyklus, einem Thema, zu dem er auch ein Buch veröffentlicht hat. Er beleuchtet dabei besonders den für die meisten schwer wahrnehmbaren,

Ich bin inzwischen, in Übereinstimmung mit den asiatischen und westlichen esoterischen Lehren über die Wiedergeburt, zur Überzeugung gelangt, dass sich die Seele die Familie und Gemeinschaft, in der sie empfangen und geboren wird, aussucht, unter göttlicher Führung und gemäß karmischen Vorbedingungen. So können Faktoren karmischer Verbindungen oder Verpflichtungen der Seele in die Wahl einer Stammfamilie einfließen. Das Bewusstwerden der aktuellen Seelenverbindung mit den Eltern oder Großeltern (und manchmal mit noch weiter zurückliegenden Vorfahren der Elternlinie) kann auf ein Individuum sehr heilend und stärkend wirken. Es kann zu einem Gefühl für eine bedingungslos unterstützende Rückenstärkung und zu einem tieferen Verständnis des eigenen Lebenszwecks führen.
Wenn es die Bestimmung einer Seele ist, Musiker/in zu sein, könnte sie eine Familie wählen, in der die Eltern oder Großeltern selbst Musiker sind und dieses besondere Talent fördern. Jemand, der Wissenschaftler werden will, könnte sich eine Familie mit wissenschaftlichen Begabungen oder Neigungen suchen. Einige Seelen entscheiden sich offenbar dafür, in sehr reiche Familien geboren zu werden, vielleicht um zu lernen, wie sie mit Reichtum in Übereinstimmung mit ihrer spirituellen Bestimmung umgehen, ohne verführt und geblendet zu werden. Andere wählen vielleicht, in die Not der Armut geboren zu werden, um zu lernen, mit ihren Umständen zurechtzukommen oder um ideelle Werte zu entwickeln.
Wenn sich Menschen auf die Seelenvereinigung und den Rat der Lebensvorausschau einstimmen, wissen, fühlen und spüren sie, in hoher spiritueller Bewusstheit, dass sie die Wahl getroffen haben, hier zu sein, auf der Erde, in diesem besonderen Leben und mit dieser besonderen Bestimmung (oder Bestimmungen).
Das kann eine lebensverändernde Erkenntnis sein, die alle unsere anderen Bestrebungen, Verwirrungen und Frustrationen in eine tiefere Perspektive rückt. Es ist dieser Moment der Wahl und der Freiheit, den das berühmte Zen-Koan meint: Was war dein ursprüngliches Gesicht, bevor du geboren wurdest? In anderen Worten: In welche Richtung hast du geschaut, was war deine ursprüngliche Intention?
Dieser Ort der Gemeinschaft und des Rats der Seelen, aus dem die Wahl der Wiedergeburt kommt, befindet sich aus der Perspektive der normalen linearen Zeit vor der Empfängnis; wir können ihn daher durch rückläufiges Erinnern erreichen. Aber er ist auch jetzt noch gegenwärtig, bis zum Ende unserer jetzigen Inkarnation, so dass wir ihn durch direkte Divination erreichen können - und dann diese wissende, fühlende, spürende Bewusstheit durch unsere Persönlichkeitsstruktur oder unsere „inneren Körper“ hinunter- und in unseren physischen Körper hineinbringen können (in einem Seeleninfusion genannten Prozess).
Die sehr erfahrene intuitive Heilerin Caroline Myss nennt die Vereinbarung zwischen den Seelen einen heiligen Vertrag. Sie sagt: „Ein Heiliger Vertrag ist eine Abmachung, die deine Seele trifft, bevor du geboren wirst.“ Sylvia Browne beschreibt den Prozess der Wahl als den Entwurf einer Karte, welche die wichtigsten Lebensereignisse und Umstände in einer Art Vorausentwurf enthält.
Es gibt mehrere verschiedene Zuordnungen der wichtigen Typen von Lebenswegen, denen eine Seele folgen kann, wenn sie einmal inkarniert, empfangen und geboren ist. Einige, wie Caroline Myss, setzen die Absichten der Seele in Zusammenhang mit demjenigen der zwölf Tierkreiszeichen, unter dem sie geboren wurde; die esoterische Arica-Lehre benutzt die neun Punkte des antiken Enneagramms, um neun Typen der Orientierungen und Wertvorstellungen der Seele zu beschreiben; mein weiser Freund Angeles Arrien hat ein Paradigma von vier wichtigen „Wegen“ beschrieben (Krieger, Lehrer, Heiler, Visionär). In einem nächsten Buch dieser Reihe werde ich sechs wichtige Lebenswege oder Tätigkeitsfelder in der Gesellschaft beschreiben, die eine Seele wählen kann, konzentriert auf eines oder zwei oder drei davon kombiniert.
In den Divinationen des Rats der Seelen beschäftigen wir uns weniger mit den Details der einzelnen Wege, sondern mehr mit dem Prozess, bei dem eine Person selbst ein inneres Gefühl, ein Wissen oder eine Intuition über ihren Lebenszweck erlangt. Tatsächlich habe ich beobachtet, dass schon die Kommunikation mit dem Rat der Seelen und das Erfahren und Wahrnehmen, dass das eigene Leben hier auf der Erde tatsächlich einen tieferen, geistigen Zweck hat, auch ohne weitere Details, einen großen Unterschied ausmachen kann. Es gibt der Person einen Maßstab, um zu entscheiden, ob ihre Arbeit, ein Ort, der Beruf oder die Partner, mit denen sie zu tun hat, im Einklang mit dem Lebenszweck stehen - und um sie, wenn sie es nicht sind, zu verlassen, ohne Bedauern oder Beschuldigung. Durch solche Divinationsarbeit kam ich zum Schluss, dass Seelen Herausforderungen lieben, allem Anschein nach - denn sie wählen oft nicht einen einfachen Weg. Das ist besonders dann so, wenn die Seelen an einen Punkt ihrer Entwicklung kommen, an dem sie erkennen, dass das passive Geschehenlassen von karmischen Mustern, die unser Leben und Schicksal bestimmen, kein Weg der Befreiung ist.
Die Raum-Zeit-Dimension der Erde ist die einschränkendste und beschwerlichste unter all den Dimensionen, in denen sich unsere Existenz entfaltet. Wir erkennen das immer wieder, wenn wir die Auflösung von Raumzeit und Materialität erfahren und in Träumen oder Visionszuständen die inneren Ebenen besuchen. Die Schwierigkeit rührt aus der Tatsache, dass eine menschliche Inkarnation in der Dimension von Raum, Zeit und Materie grundsätzlich mehr oder weniger abgeschnitten ist von dem Bewusstsein ihres spirituellen Ursprungs und Wesens.
Das ist die Bedeutung der spirituellen Tradition Asiens (sowohl der Hindus als auch der Buddhisten), dass die Ausgangsbedingung für ein menschliches Leben bei der Geburt Un-Bewusstheit oder Nicht-Bewusstheit (avidya) ist. Der Sanskrit-Begriff, wörtlich „nicht-wissend“ und manchmal missverständlich als „Ignoranz“ oder „Täuschung“ übersetzt, bezieht sich auf die Nicht-Bewusstheit eines neu geborenen Kindes über seine wahre spirituelle Herkunft als Seele, als Kind göttlicher Abstammung.
Die Seele, alle drei Seelen (Mutter, Vater und Kind), wissen auf dieser Ebene, dass - wenn wir erst einmal in einem irdischen Schoß empfangen und dann in die Zeit-Raum-Welt irdischer Bedingungen/Verhältnisse geboren worden sind - sozusagen alles möglich ist. Jegliches Wissen über unseren Ursprung und unsere Mission kann vergessen werden, sogar die Existenz der Seele kann verleugnet oder in den unbewussten Persönlichkeitsschichten von Mutter, Vater und Kind begraben werden. Das ist die Herausforderung, das Risiko, die Prüfung - und die Lektion.
Sobald bei der Empfängnis der erste Schritt in die biologische Form gemacht ist, erscheinen die Schleier des Vergessens, die Hüllen der Konditionierung, überlagern sich während der gesamten pränatalen Epoche und kulminieren mit hoher Intensität im Trauma der Geburt, besonders wenn diese ohne Rücksicht auf das Bewusstsein und das spirituelle Wesen des Kindes vonstatten geht.

Das Erkennen des eigenen Lebenswegs und Ziels
Bei den Divinationsritualen zur Abstammung, nach der Verbindung mit der Familie, den Vorfahren und Helfern zur Klärung offener Fragen oder Probleme, empfehle ich den Teilnehmenden normalerweise, nach dem Weg, den Zielen und der Arbeit ihres Lebens zu fragen. Es ist wohl nicht überraschend, dass unsere Lebensaufgabe oft mit der Familiengeschichte verbunden ist, direkt oder indirekt. In meinem eigenen Fall teilte ich die Liebe zu Büchern mit meinem Vater, der ein Bibliophiler und Verleger war. Aber als er mir anbot, in das Buchverlagsgeschäft der Familie einzusteigen, lehnte ich ab und sagte, ich wolle lieber selbst Bücher schreiben, als mich an Produktion und Verlag zu beteiligen (auch wenn ich jetzt doch damit zu tun habe).

Der Tod und das Nachtodleben
Ein Cartoon, der im Newsletter der Associationfor Pre- and Perinatal Psychölogy veröffentlicht wurde, zeigt ein Zwillingspaar nebeneinander im Mutterleib vor ihrer Geburt. Einer von ihnen fragt: "Gibt es ein Leben nach der Geburt?" und der andere antwortet: "Wir wissen es nicht. Niemand ist zurückgekommen, um es uns zu erzählen."
Der Witz verweist auf die paradoxe Analogie zwischen Geburt und Tod -eine Analogie, die durch die Forschungen der prä- und perinatalen Psychologie, die in den vorigen Kapiteln beschrieben wurde, noch deutlicher geworden ist. Diese Arbeit hat ergeben, dass die Geburt nicht nur ein Prozess der Säugetierphysiologie ist, sondern die subjektive Erfahrung einer Seele, die in einer völlig neuen und unbekannten Phase ihrer Existenz auf der Erde auftaucht.
Geburt und Tod waren schon immer die anerkannten und herkömmlichen Übergänge, die das menschliche Leben begrenzen. Die persönliche Geschichte unserer Existenz in der menschlichen Gesellschaft wird als Zeitspanne zwischen Ge-burts- und Todesdatum erzählt und im Gedächtnis behalten. Was nach dem Tod kommt - "das unentdeckte Land, von des Bezirk / Kein Wandrer wiederkehrt" -, ist ein großes Mysterium geblieben, das von Gefühlen der Angst, der Trauer und des Verlusts überschattet ist. In diesem Kapitel werden wir die Erkenntnisse der Forscher aus dem Bereich der Thanatologie und der Nahtoderfahrungen (NTE) diskutieren, ebenso wie einige philosophische und spirituelle Lehren, die ein neues Licht auf den Tod und das Sterben werfen. Auch hier können wir sehen, dass der physiologische Prozess des Sterbens von einer subjektiven Erfahrung der Seele begleitet ist, die durch eine große Transformation geht, aus einer bekannten in eine beängstigend unbekannte Welt.
Geborenwerden und Sterben sind nicht nur phänomenologisch ähnliche Übergänge, sie sind auch physiologisch und erfahrungsmäßig miteinander verschränkt. Wie Stanislav Grof geschrieben hat, ist die Geburt "(...) ein potenziell lebensbedrohliches Ereignis. Das Gebären beendet auf brutale Weise die intrauterine Existenz des Fötus. Er oder sie stirbt als ein im Wasser lebendes Wesen und wird als Luft atmendes Wesen geboren, in einer physiologisch und auch anatomisch anderen Lebensform." (Grof: The Psychology of the Future, S. 32)
Die buddhistischen, hinduistischen und andere esoterische Lehren von Reinkarnation und Wiedergeburt sprechen von einer dreistufigen Folge - der Tod, die mittlere Phase oder der Nachtod und die Wiedergeburt. Ausführliche Kartographien, sogenannte Totenbücher, existieren in vielen Kulturen und beschreiben die Landschaften nach dem Tod. Hier können wir die Konvergenz der Erfahrungen der Geburt und des Sterbens erkennen: Die Passage durch den Geburtskanal ist gleichzeitig der Tod des fötalen Selbst und die Geburt eines neugeborenen menschlichen Selbst. Wenn also der Prozess der Geburt unausweichlich von einer Art Sterben begleitet ist (oder ihm vorausgeht), ist es dann ebenfalls wahr, dass der Prozess des Sterbens von einer Art Geburt in eine neue und wesentlich erweiterte Welt begleitet wird (oder ihm folgt)?
Genau diese Idee findet man in den Schriften des bemerkenswerten deutschen Wissenschaftlers, Forschers und Philosophen Gustav Theodor Fechner (1801-1887). Fechner wird in der Geschichte der Psychologie als einer der Begründer der experimentellen Psychologie betrachtet. Er war ausgebildeter Physiker, lehrte und schrieb über Wissenschaften, hatte jedoch auch eine mystische Veranlagung und ein phänomenal breites Spektrum von Interessen. Fechner erblindete fast bei experimentellen Beobachtungen der Sonne und musste fast ein Jahr in völliger Dunkelheit verbringen. Als er wieder aus dieser zufallsbedingten Tod-/Wiedergeburts-Initiation herauskam, war er hellsichtig geworden und schrieb Bücher wie Das Seelenleben der Pflanzen und Eine vergleichende Anatomie der Engel.

Aus: Der Lebenszyklus des Menschen mit freundlicher Erlaubnis des Verlages.



Ralph Metzner promovierte in den 60er Jahren in Oxford und Harvard zum Doktor der Philosophie und der klinischen Psychologie. Metzner ist ein Urgestein der psychedelischen Forschung: Zusammen mit Timothy Leary und Richard Alpert war er an einer Studie im Rahmen eines Psilocybin-Forschungsprojekts an der Harvard Universität beteiligt. Während den 70er Jahren widmete er sich zehn Jahre lang intensiv dem Agni Yoga, einem Meditations-System, bei dem das Prinzip von Feuer und Licht in geistige Energie verwandelt wird. Er schrieb in den letzten vierzig Jahren zahlreiche Bücher und Publikationen zur psychedelischen Bewusstseinsforschung und ist ein profunder Kenner dieser Szene.

Buchtipp: Ralph Metzner, Der Lebenszyklus des Menschen - Inkarnation, Empfängnis, Geburt, Tod, Nachtod, Reinkarnation, Übersetzung: M. Bröckers, 148 S., Broschur im Nachtschatten Verlag


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