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Ausgabe November 2015
Phönix aus der Asche. Von Katja Neumann

Für alte Naturheilweisen wie dem Schamanismus ist der Tod nur einer von vielen Zyklen, der dringend notwendig ist, damit die Natur ihren Lauf nehmen kann. So wird mit dem Tod viel natürlicher und gleichzeitig demütiger umgegangen als wir es hier kennen un

Ohne Flügel
An nichts zu glauben ist wie keine Flügel zu haben. Die Seele sitzt in einem goldenen Käfig mit offener Tür und kann nicht abheben, kann sich nicht ausdehnen und verhungert geradezu vor vollen goldenen Schüsseln. Seele möchte frei sein, fliegen, ganz weit weg, um wieder heimzukehren. Seele braucht das als Nahrung wie der Körper das Essen.
Wenn wir uns reduzieren auf unsere kleine alltägliche Welt, gefangen zwischen Abwasch, Arbeit und Fernseher, definiert über Titel, Leistung, Dogmen und glatter Oberfläche, behandelt von einer Medizin, die nur das Symptom herausschneidet und den Schmerz betäubt, ohne zu fragen, warum Seele denn weint, schrumpfen die Seelenflügel, mit denen wir alle geboren wurden zu kleinen nutzlosen Stumpfen und wir hüpfen am Boden rum und rudern mit den Armen, schlagen um uns und haben vergessen, was uns fehlt.
Von dem Moment an, wenn wir geboren werden, fangen wir schon an zu sterben. Und während dieses einen kleinen Lebens sterben wir viele Male. Wir empfinden das nicht mehr bewusst, da wir Zyklen nicht mehr zelebrieren. Vor lauter Geschäftigkeit verpassen wir unsere eigenen kleinen Tode und Auferstehungen.
In alten Naturreligionen stirbt jeder Tag für die Nacht, jede Jahreszeit für die nächste, die Kindheit für die Jugend… einfach jeder Zyklus, um immer wieder einem neuen Platz zu machen. Es wird ehrfürchtig das Alte verabschiedet und ekstatisch das Neue begrüßt. Das schafft Ruhephasen genauso wie Vorfreude auf das, was kommt. Die Stille, die Nacht, der Schatten sind Teil des Ganzen und werden nicht negiert und wegrationalisiert.

Sterben heißt Leben
Schamanen kennen verschiedene Formen, das Sterben zu üben. Sie tun dies auf verschiedenen Ebenen. Ganz praktisch und physisch kann das ein Sprung von einer hohen Klippe sein. Natürlich denken wir, dass das keiner überleben kann, aber das geht. Was für uns an Wunder grenzt, ist uralte schamanische Praxis der totalen Selbstaufgabe und Dematerialisierung, eine jahrelange intensivste-quantenphysische Vorbereitung, von der wir rein theoretisch wissen, dass es funktionieren kann, aber uns mit Sicherheit die Zweifel und die Angst scheitern lassen würden. Denn zögern darf man nicht, keine Sekunde. Das ist also für uns nicht empfehlenswert, wenn wir nicht vorzeitig die Seiten wechseln wollen. Auch ein Erschießungsritual, bei dem sich zeigt, wer ein guter Schamane ist, gute Kontakte zu seinen Spirits hat und fähig ist, sich selbst zurückzuholen, fällt für uns eher aus. Da muss der Glauben schon sehr stark sein.
Aus dem afrikanischen Schamanismus gibt es Geschichten über das Springen durch ein von mehreren Leuten gehaltene Tierhaut wie ein Trampolin. Diese Haut dient als Tor in eine andere Dimension. Nur ein guter Schamane war dann weg (ein schlechter saß vermutlich verdattert auf seinem Hosenboden und hatte die Karriere als Schamane verwirkt). Erstaunlicherweise – zumindest für unser reduziertes Vorstellungsvermögen – war das Wegkommen für die meisten Schamanenschüler nicht das Problem, sondern das Zurückfinden in unsere Dimension und keiner weiß, was aus denen geworden ist, die nicht mehr wieder kamen. Für uns mutet das an wie der 9 ¾ Bahnsteig bei Harry Potter oder Szenen aus „Die Fliege“ (wer das noch kennt…).
Schamanen taten und tun dies alles nicht, weil sie lebensmüde sind oder um sich zu opfern, sondern es dient dem Seelenwachstum, der Häutung, also dem Abstreifen von altem Ballast und vor allem der Initiierung: Es ist ein Meisterweg. Es verändert grundlegend die Sicht auf Leben und Tod, denn erst wer das Sterben versteht, versteht das Leben. Oft waren es die beschriebenen Mutproben bzw. Selektierung fähiger von unfähigen Schamanen, denn nicht jeder eignet sich zum Wandler zwischen den Welten. Vielleicht wollte deswegen nicht jeder schnell mal Schamane werden, denn das überlegt man sich schon gut, ob man dem wirklich gewachsen ist…
Eine weitere sehr heilige Zeremonie, die auch bei uns wieder Gefallen gefunden hat, die man den kleinen Tod nennt, ist das Trinken von Ayahuasca. Ganz wissenschaftlich gesehen, ist es einfach so, dass die Substanzen, die dabei im Körper freigesetzt werden, in dieser Konzentration sonst nur bei der Geburt und eben beim Sterben produziert werden. Ganz visionär beschrieben, kommt man so auch in Welten, die Lebenden normalerweise vorenthalten sind, stirbt manchmal dort viele Tode, um hinterher heiler und weiser daraus hervorzugehen.

Alltagstauglicher…
…geht es auch. Da wir viele alte Bräuche und Rituale so nicht praktizieren können, schon schlichtweg, weil uns hier in der Stadt die Natur dazu fehlt, das Wissen sowieso genauso wie das jahrelange Training (um uns nicht in Lebensgefahr zu bringen) und nebenbei der Glaube an andere Dimensionen oder Welten, so können wir doch eine Ahnung davon bekommen, indem wir uns auf die innere Reise begeben. In schamanischer Tradition, begleitet durch monotones Trommeln, kommt man, wenn der Kopf es zulässt, recht einfach in einen leichten Trancezustand und auch dort kann man das Sterben üben. Es nennt sich Zerstückelungserlebnis. Das ist im Erleben nicht so schlimm wie es erst mal klingt, denn das Zerstückeltwerden, um das man seine geistigen Helfer bittet (auch hier ist der Glaube an helfende Wesenheiten durchaus nützlich), findet rein auf der nicht-physischen Ebene statt, aber es erfordert dennoch Mut. Wenn ich es in meinen Gruppen vorschlage, kann ich immer an den leicht entsetzten Gesichtern sehen, wer davon das erste Mal überhaupt hört. Denn der erste Reflex ist natürlich immer, sich zu schützen und sich nicht auch noch freiwillig einer vermeintlichen Gefahr auszusetzen – weder physisch noch seelisch. In Wirklichkeit ist es aber ein Geschenk und eine Gnade, das zu erfahren und erleben zu dürfen.
Man bittet also seine Krafttiere und Lehrer um eine Zerstückelung während einer schamanischen Reise und Sie können sicher sein, die wissen sofort, worum es geht. Wenn es ein guter Zeitpunkt dafür ist, wird auch gleich damit begonnen, wenn dem nicht so ist, kommen Sie unter Umständen unverrichteter Dinge zurück. Nicht wir bestimmen den richtigen Zeitpunkt, sondern die Spirits. Wenn es aber soweit ist, kann die Zerstückelung auf vielen verschiedenen Wegen passieren, manche werden gefressen, andere gekocht, zersägt oder verbrannt – Ziel ist immer, die komplette Auflösung der sichtbaren Existenz – des Köpers, den man auf der Reise meist so sieht, wie er physisch auch existiert. Was übrig bleibt, ist ein pures Sein und viele sehen sich selbst als Lichtpunkt, der der Zerstückelung unversehrt zuschaut. Ich empfinde diesen Zustand immer als ungemein angenehm, erleichternd und glückselig. Vielleicht, weil es dem Urzustand von Seele nahe kommt – ungebunden und frei, nicht begrenzt durch einen Körper, der in ein Flugzeug steigen muss, um fliegen zu können, der Stunden braucht um von A nach B zu kommen… Am Ende der Reise bekommt man sich bzw. seinen Körper zurück, allerdings wie erneuert. Man kann es vielleicht vergleichen mit der Wartung eine Fahrzeugs: Verschleißteile wurden ausgewechselt, Blockaden im Motor gelöst, das Getriebe geölt, vielleicht sogar die Leistung erhöht, je nachdem, was dran war und auch angemessen an dem, dem wir gewachsen sind.
Jedes Zerstückelungserlebnis ist ein kleiner inszenierter Tod und gleichzeitig eine Initiierung, vor allem ins Leben. Mit jedem Mal, das man das erleben darf, schwindet ein Stück der Angst vor dem großen Tod, die Berührungsängste werden kleiner, man schließt sogar Freundschaft. Und das Erstaunliche ist: Die Flügel wachsen wieder. Den Tod zu negieren, ist eine Beschneidung des Lebens, denn er gehört zur Familie, er ist der zweite Flügel. Und DANN können wir unsere Schwingen ausbreiten und uns erheben. ...Flieg Seele flieg!



Katja Neumann arbeitet mit uralten schamanischen Heilweisen in ihrer Naturheilpraxis in Berlin. Weitere Infos: www.katja-neumann.de


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