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Ausgabe Oktober 2015
Somatische Intelligenz. Von Thomas Frankenbach

Um uns gut zu ernähren, brauchen wir keine Ernährungsideologien, sondern in erster Linie unser eigenes Körpergefühl rund ums Essen. Und das lässt sich systematisch trainieren.

Es ist das wohl älteste evolutionäre Wissen des menschlichen Körpers überhaupt und hat uns über Jahrmillionen das Überleben gesichert: die Somatische Intelligenz. Sie geht einher mit der ganz ursprünglichen Fähigkeit des „Witterns und Spürens“, mit unseren Instinkten, unserer Intuition und dem so genannten Bauchgefühl - und ist doch noch viel, viel mehr.
Es war Mitte der 1990er Jahre, ich studierte gerade Ernährungswissenschaften, da kam ich eher durch Zufall denn per Lehrplan zum ersten Mal mit dem Begriff der Somatischen Intelligenz, der Weisheit unseres Körpers, in Kontakt. Das Thema berührte mich so tief, dass es zu einem meiner größten Herzensanliegen wurde, und aus meiner Sicht zu einem der grundlegendsten therapeutischen Prinzipien überhaupt. Somatische Intelligenz ist die Fähigkeit unseres Körpers, uns anhand von spezifischen Signalen hoch präzise anzuzeigen, welche Kost uns ganz individuell - je nach Anlagen und Lebenssituation - zuträglich ist, und welche wir lieber meiden sollten. Heute kann ich sagen, dass dieses Thema mein Leben - und auch das von vielen meiner Klienten - wirklich grundlegend zum Besseren hin verändert hat. Viele, auch ich selbst, konnten so endlich eine Ernährungsweise für sich finden, die wirklich zu ihnen passt - zu ihren individuellen Bedürfnissen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Viele konnten damit ihr individuelles Idealgewicht erreichen und bis heute halten. Und viele konnten endlich die Sicherheit mit ihrem Körper finden, die sie sich schon so lange gewünscht hatten.

Von Geburt an
Fangen wir mal ganz von vorne an. Wussten Sie, das sich ein gesundes, normalgewichtiges Baby nicht überessen kann? Von Geburt an weiß jeder Mensch aufgrund seiner Körperintelligenz, wann er hungrig ist und wann satt. Wenn ein gesundes Baby gesättigt ist, hört es auf zu trinken oder zu essen. Wenn es genug hat, wendet es den Kopf von der Mutterbrust ab und lässt sich auch nicht zwingen, sein Fläschchen leer zu trinken. Dieses Beispiel zeigt ganz klar, dass es bestimmte biologische Sensoren in uns gibt, die regeln, wie viel und was wir essen sollten, um gut versorgt, leistungsfähig und konzentriert zu sein. Hunger und Sattheit lassen sich also nicht trainieren. Beim Überessen hingegen handelt es sich zum Großteil um ein über Jahre eingeübtes Verhalten. Denn durch Erziehung, Reiztechnologie und Zeitökonomie haben es viele von uns schon als Kinder wieder verlernt, den Signalen, die der Körper uns gibt, Aufmerksamkeit zu schenken.

Hören, was der Körper braucht
Vor einigen Jahren verbrachte ich eine gute Woche in einem Yoga-Ashram. Zur gleichen Zeit kam auch eine Gruppe von Neulingen an, die hier das Meditieren erlernen wollten. Zweimal am Tag gab es ein langes Büfett mit köstlichen Speisen. Mir fiel auf, wie einige der Neuankömmlinge am ersten Tag darüber herfielen, als hätten sie tagelang nichts mehr zu essen bekommen. Auch waren sie relativ laut und unruhig und wirkten noch ein bisschen entfernt davon, sich in irgendeiner Weise meditativ versenken zu können.
Aber dann geschah etwas Beachtliches: Nach ein paar Tagen hatten »die Neuen« bereits einige Grunderfahrungen mit dem In-sich-Hineinspüren gesammelt. Und ich bemerkte, wie sich im Zuge dessen ihre Körperhaltung, ihre Ausstrahlung und auch ihr Lautstärkepegel harmonisiert hatten. Sie wirkten aufrechter, strahlender und mehr »in ihrer Mitte«. Interessanterweise schlug sich diese Wesensveränderung auch in ihrem Essverhalten nieder. Neigten sie bis kurz vorher noch dazu, das Büfett in schöner Regelmäßigkeit fast leer zu futtern, so traten sie jetzt viel ruhiger und ausgeglichener an die große Tafel. Sie wählten besonnen ihre Mahlzeiten aus, suchten bewusst aus, was ihnen Lust machte und bekam, und verzehrten ihr Essen genussvoll, langsam und in Ruhe. Je mehr sie mit der Zeit lernten, zur Ruhe zu kommen und ihr Gedankenkarussell auszuschalten, desto mehr spürten sie sich und desto besser nahmen sie auch ihre Ernährungsbedürfnisse wahr.

Nicht das Essen ist das Problem
Die meisten Menschen, mit denen ich wegen Ernährungs- und Gewichtsproblemen arbeite, haben ein beeindruckendes Ernährungs- und Diätwissen. Wenn ich allerdings ihre Fähigkeit anschaue, sich selbst wahrzunehmen, wird mir immer wieder klar, dass die meisten von ihnen genau hier einen riesigen Entwicklungsbedarf haben. Auffallend oft haben sie verlernt zu spüren, wie gut die einzelnen Speisen überhaupt zu ihren Anlagen und Bedürfnissen passen oder ob sie sich wirklich noch hungrig oder schon längst satt fühlen. Nicht das Essen selbst ist also das Problem, sondern die Schwierigkeit, die eigenen Bedürfnisse wirklich zu spüren.
Hier spiegelt sich ein schwieriges Muster unserer modernen Gesellschaft, in der immer mehr auf den Faktor Verstand und Wissen und weniger auf die Fähigkeit zu fühlen und zu spüren gesetzt wird.
Über die Jahre suchte ich Rat bei zahlreichen Neurowissenschaftlern und den unterschiedlichsten Körper- und Psychotherapeuten, die sich für meine Fragen interessierten. Daraus hat sich ein Konzept entwickelt, das auf die systematische Wiederherstellung unseres Urwissens beim Essen konzentriert ist statt auf Diätwissen. Je mehr ich nun mit meinen Klienten darauf achtete, gezielt die hoch spezifischen Signale ihres Körpers aufs Essen wieder zu entschlüsseln, desto passgenauer begannen sie auch wieder, sich zu ernähren. Nicht das rigide Einhalten von Kostplänen führte also zu einem harmonischeren Gewicht, mehr Wohlbefinden und Gesundheit, sondern das gezielte Fördern von Eigenwahrnehmung und Ausgeglichenheit. Frei von Dogmen. Ohne Selbstzweifel. Und frei von Druck und Zwängen.


Somatische Intelligenz - Gezielt Körpersignale verstehen lernen
Hinter der faszinierenden Gabe der Somatischen Intelligenz steckt, wie die neuere Forschung zeigt, eine hoch komplexe Leistung unseres vegetativen, unwillkürlichen Nervensystems. Forscher vermuten sogar, dass uns das sogenannte Vomeronasal-Organ – ein Teil des Geruchssystems im Gehirn, das beispielsweise über den Empfang von Sexuallockstoffen (Pheromonen) bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle spielt – auch bei der Auswahl einer individuell förderlichen Nahrung unterstützt.
Über Somatische Intelligenz verfügt also jeder Mensch. Nur nutzt nicht jeder seine Begabung gleich gut. Jedem von uns steht es jedoch offen, wieder zu lernen, wieder besser auf die Botschaften zu lauschen, die der Körper uns sendet. Thomas Frankenbach hat hierzu in über 15 Jahren ein kompaktes Trainingskonzept entwickelt.



Thomas Frankenbach ist der Autor des Ernährungs-Bestsellers „Somatische Intelligenz“. Auf ihn vertrauen seit Jahren weltweit Stars und führende Spitzensportler - psychologisch, ernährungs- und trainingsbezogen. Basierend auf seinem Verständnis vom Menschen als einer Leib-Seele-Einheit, hat Thomas Frankenbach über 15 Jahre ein einzigartiges Übungsprogramm entwickelt, um Menschen beim Essen und Trinken wieder an ihre Körperintelligenz heranzuführen.

Buchtipp:
Thomas Frankenbach, Somatische Intelligenz - Hören was der Körper braucht, 206 S., Hardcover, € 14,95, Koha Verlag 2014


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