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Ausgabe Oktober 2015
Pflanzenlieder und Heilgesänge. Von Petra Hinze

Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jedes Wesen hat einen eigenen Ton und eine damit verbundene eigene Welt.

Heil- und Pflanzengesänge sind in vielen schamanischen Kulturen ein Bestandteil einer Heilsitzung. Die Gesänge begegnen dem Wesen der Krankheit oder des Problems unabhängig vom Verstand. Diese heiligen Gesänge und Töne bilden einen Teppich unterschiedlichster Energiemuster. Sie können in das menschliche Gewebe eindringen und Blockaden, die sich auf körperlicher, geistiger oder auch spiritueller Ebene befinden, lösen. Diese Klänge sind in Verbindung mit den Kräften der Natur, dem Kosmos und können uns in die Ganzheit einweben.
Wie erhalten Schamanen Zugänge zu diesen heiligen Gesängen? Was bedarf es, um diese Lieder zu empfangen? Ein Meister der Pflanzenlieder ist Yerpun Solar aus Ecuador. Er geht den Pfad der heiligen Medizin, hat bei vielen Schamanen Süd- und Nordamerikas gelernt und gelebt. Er selbst beschreibt seinen Weg wie folgt: „Es ist ein unendlicher Weg, er hat kein Ende. Es ist ein Weg der Sterne, wo wir uns an unser altes Gedächtnis erinnern.“ Auf seinem Weg stellte er sich die Frage, wie die alten Weisen die Anwendung der Heilpflanzen entdecken konnten. Einer seiner Lehrer erzählte ihm, er spreche mit den Pflanzen. Er lausche ihnen und sie erzählten ihm ihr Wissen.
Jede Pflanze ist mit einem Geist beseelt und hat ihren eigenen Gesang. Dieser Gesang ist die Art und Weise, wie diese Einheit kommuniziert und wirkt. Oft sind diese Gesänge auf einen Ton reduziert, wie beim Rezitieren von Mantren. Das hilft, den Geist zu sammeln und sich zu zentrieren. Es ist faszinierend, diesen einen Ton zu finden, der alles umarmt. Dieser Ton kann auch leicht variieren, zu einer Melodie oder einem Lied mit Text wachsen. Begleiten kann man diesen Ton, diesen Gesang mit Rasseln, Trommeln oder anderen Instrumenten.
Diese Melodie „malt“ und durchdringt den Körper und kann einen allumfassenden Heilungsprozess ermöglichen. Die Frequenz macht diese Veränderung, sie hilft, dass die Person die Verbindung und das Gleichgewicht wieder aufbauen kann. In diesem Kosmos ist das Verständnis der Gesundheit sehr breit gefasst und beschränkt sich nicht nur auf die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit umfasst alle Aspekte des physischen, mentalen, spirituellen und sozialen Wohlbefindens in der sichtbaren und unsichtbaren Dimension. Ebenso wirken diese Frequenzen auf die Umwelt, in der wir uns befinden.
Um mit den Pflanzen zu kommunizieren, durchläuft man einen Klärungsprozess, den man im Amazonasgebiet „Dieta“ nennt. Während einer Diät zieht man sich für eine bestimmte Zeit in den Wald zurück und verzichtet freiwillig auf gewisse Dinge des Alltags. Eine Diät kann 15 Tage, einen Monat oder sogar Jahre dauern, die Länge kann variieren.
In diesem Prozess hat man nur zu bestimmten Zeiten mit dem Lehrer Kontakt. Der Rückzug beinhaltet auch sexuelle Abstinenz und unterschiedliche Formen des Fastens. Das Essen ist sehr einfach, so dass der Körper und alle Organe gereinigt werden. Die Organe sind wie Behälter für unser Un-Bewusstsein. Alle unsere unbewussten Informationen sind in all unseren Organen enthalten, in unserem Herz, in unserem Magen etc. Mit der Diät werden die Organe und damit die unbewussten Informationen, die sie tragen, geklärt und gereinigt. Dies ist notwendig, damit die Energie ansteigen kann, sich im Inneren ansammelt und gespeichert wird, um genügend Brennstoff zu haben, um mit der Pflanzenkraft in Kontakt zu kommen. Gleichzeitig erhält man sehr starke und tiefe Träume. In dieser Tradition werden sie Ensueño genannt, sie sind stärker als luzide Träume, sie sind ein Zugang zum anderen Teil der Realität. Diese Entwicklung kann sich über Wochen oder Jahre hinziehen. Der Klärungsprozess der Diät ermöglicht uns eine andere Art des Sehens. Mit diesem Sehen können wir Wissen erlangen, das uns ein neues Können und Handeln ermöglicht.
Um zu können, musst du wissen und um zu wissen, musst du sehen. Das ist ein Weg. Diese drei Aspekte sind grundlegend im Heilungsprozess, im Lehr- und Lernprozess. Lernen und Heilen gehen zusammen, sie sind untrennbar, ein Heilungsprozess ist gleichzeitig ein Lernprozess.
In den Traditionen des Amazonasgebietes werden während der Zeit des Rückzugs verschiedene Pflanzen eingenommen: Pflanzen die fokussieren, die helfen, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden und diese zu transformieren. Dabei zeigen sich die Geister, welche in allen Bäumen und Pflanzen sind.
In Träumen zeigen die Geister sich als Menschen, als Tiere, als Wesen aller Arten und enthüllen die alten Heilmethoden, die heiligen Gesänge. Die Gesänge sind Melodien, mit denen die Pflanzen kommunizieren. Wenn die Melodien anfangen zu kommen, erfährt man Heilung. Dann ist die Kraft da, die benötigt wird, um die Geister zu rufen. Denn sie sind es, die heilen. Der Schamane ist lediglich ein Instrument, ein Kanal, der sich geklärt hat und Energie auflädt, damit die Geister dem Ruf folgen können. Dafür verwenden wir die Gesänge. Besungen werden jedoch nicht nur Menschen auf der Suche nach Heilung, sondern auch andere Lebewesen oder Orte. Mit manchen Gesängen ehren wir die Pflanzen selbst.
In jeder Kultur gibt es eine ganze Reihe von heiligen Pflanzen. Die Pflanzen lehren uns, wie wir uns mit dem Wissen und den alten Weisheiten verbinden. Es ist Zeit, uns an unsere eigenen Gesänge zu erinnern.


Die Autorin Petra Hinze führt eine Heilpraxis in Berlin, hält Seminare und Rituale, auch zusammen mit der Gesundheitspraktikerin Anja Stöppler,
weitere Infos zur Arbeit der Autorin auf www.petra-hinze.de


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