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Ausgabe September 2015
Beitragsreihe 2015 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Staphisagria - Ritter wider der bürgerlichen Zwangsmoral


H. Schäfer: Welches Mittel passt für unser heutiges Interview?
Andreas Krüger: Staphisagria - das Stephanskraut, delphinium staphisagria, der Rittersporn. In den Pflanzennamen verbergen sich schon zwei Dinge, die uns weiterhelfen, um das Mittel zu erfassen und einzusetzen. Wir arbeiten an der Samuel-Hahnemann-Schule ja viel über ein Verständnis der Arzneimittel durch das Bild, das sie in der Natur von sich geben - wir nennen es auch Signatur. Hier haben wir zum einen den Ritter, den Kämpfer für Gerechtigkeit, den Romantiker, den Idealisten, den Don Quichotte und der ist ein Staphisagria-Held par excellence. Und dann haben wir den Delphin: das lebendigste, erotischste, kommunikativste und eines der zärtlichsten Tiere, die es auf diesem Planeten gibt. Selbst autistische Menschen, die sich im Kontakt mit anderen Menschen schwer tun, fangen an zu berühren, zu lächeln und Zärtlichkeit auszutauschen.

Wie kann ein Mittel zwei so unterschiedliche Aspekte abdecken? Zum einen den Panzer und zum anderen das Spielerisch-Sinnliche?
Der Ritter steht für den Panzer, den Kampf, die Wut und auch für deren Unterdrückung. Staphisagria ist das wichtigste Mittel für alle Krankheiten, die durch unterdrückte Wut auftreten und es ist das wichtigste Mittel für alle Erkrankungen, die auftreten, wenn der Mensch das in ihm imminente Delphinische unterdrückt, also Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Sex und Beziehungswunsch - kurz: Es ist das wichtigste Mittel für Unterdrückung. Deswegen ist Staphisagria auch eins der wichtigsten Mittel für Karzinome im Bereich der Genitalien. Wer sich mit dem großen Liebesforscher Wilhelm Reich beschäftigt und von ihm in dem Buch "Entdeckung des Orgons" das Kapitel "der Krebs" gelesen hat, der wird natürlich mit diesen Zusammenhängen konfrontiert, wie wichtig es ist, diese Energie zu leben und fließen zu lassen und wie verheerend es ist, wenn diese Energie unterdrückt wird.

Wie immer meine Frage: Haben Sie konkrete Beispiele?
Wie immer: Ja. Es gibt zwei Erlebnisse, die mich sehr beschäftigt haben. Das eine fand im Herbst 2010 statt, als ich mit einer Frau zusammen ein Seminar anbot: "Orgasmus - nein danke!". Es ging darum, warum wir unsere Sinnlichkeit nicht so leben, wie wir sie leben könnten. In diesem Seminar - wo keine verklemmten, sondern eher dem Leben offen eingestellten Teilnehmer mitmachten - gab es am Anfang eine Trance, wo sich jeder eine Skala vorstellen sollte, inwieweit er sein persönliches sinnliches Potential in diesem Leben lebt. Das Ergebnis dieser Übung war katastrophal, denn von den 50 Anwesenden hatten nur zwei einen Wert von über 50. 80% dieser jungen, dynamischen, esoterisch interessierten Teilnehmer hatten Werte, die zwischen 10 und 20 lagen.

Das klingt ja schon fast unwahrscheinlich. Was war das zweite Erlebnis?
Das zweite für mich erschreckende Erlebnis hatte ich auf einem Schamanenseminar. Wir bilden mit dem Engel-Wolf-Hexen-Seminar an der SHS auch Schamanen aus. Hier gibt es ein Format aus dem Bereich der magischen Operation, wo sich der Schamane vorstellt, irgendetwas aus dem Körper eines Menschen herauszuoperieren. Es ist eine uralte schamanische Technik und es gibt von vielen magischen Operateuren immer wieder den Hinweis, dass viele Frauen, die mit ihrer Sexualität Schwierigkeiten haben, aus früheren Leben Keuschheitsgürtel mitbringen, die sie in diesem Leben noch immer in ihrem Energiesystem mittragen und die verhindern, dass heute etwas Schönes passieren kann. Diese Keuschheitsgürtel kriegt man weder mit Psychoanalyse noch mit Gestalttherapie weg, aber Staphisagria hilft, diesen Keuschheitsgürtel aus früheren Leben zu sprengen.

Das hört sich ja definitiv so an, als wenn viele Menschen ihre Sinnlichkeit unterdrücken.
Zu dem Thema "Unterdrückung der Sinnlichkeit" gibt es Statistiken, die belegen, dass sich Paare, die länger als 25 Jahre verheiratet sind, kaum noch anfassen. Wir leben in einer Gesellschaft, die nach außen hin angeblich befreit ist, aber intern sieht es ganz anders aus. Für alle Menschen, die aufgrund dieses Themas erkranken, ist Staphisagria ein Mittel, um ihre Krankheiten loszuwerden. Und darüber hinaus ist es ein Mittel, um die Chips aus dem Gehirn zu entfernen, die man ihnen irgendwann in den letzten 5000 Jahren eingepflanzt hat. Reich nennt es "bürgerliche Zwangsmoral". Der Ritter wählt seinen Panzer freiwillig, aber wenn wir uns panzern, weil wir unsere Lebendigkeit und unsere Lust nicht leben dürfen, dann kriegen wir einen sogenannten Zwangspanzer.

Gibt es ein konkretes Patientenbeispiel?
Heute hatte ich einen Patienten, der nach einer furchtbaren Liebesenttäuschung vor 10 Jahren Asthma bekam. Seitdem war er nie mehr verliebt, denn er hatte sich nach eigenen Worten "eine Rüstung angezogen, dass nichts mehr an ihn rankommt." Seine ganzen sinnlichen Impulse hat er "runtergeschluckt". Als ich dann "Asthma", "Folgen von unglücklicher Liebe" und "unterdrückte Sexualität" in den Computer gab, erschien als einziges Mittel Staphisagria.
Ich möchte noch auf eine Sache eingehen, die in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist und ich merke, dass ich doch manchmal ein weltfremder Romantiker bin. Ich gehe immer davon aus, dass wir eine aufgeklärte Gesellschaft sind und dass die Welt in Ordnung ist. Aber sie ist nicht in Ordnung. Es gibt in Deutschland 30% Männer, die vor ihren PCs masturbieren. Es gibt eine riesige Industrie, die Pornofilme herstellt, die dann vor PCs konsumiert werden und die Menschen in eine Isolation treibt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, anderen Menschen zu begegnen. Ich finde es interessant, dass Japan weltweit das Land mit den meisten Krebserkrankungen ist. Es gibt kein Volk auf dieser Welt, was auf sexueller Ebene so distanziert ist wie die Japaner. Die machen herrliches Zen, herrliche Kalligraphien, herrliche Sushis, aber sie habe eine sehr fragwürdige Sexualmoral. Es ist das einzige Land, wo es Bordelle mit Gummipuppen gibt. Dafür ist Staphisagria das wichtigste Mittel: Man hat seine Sexualität abgekoppelt, virtualisiert, entsozialisiert und es ist nur noch eine körperliche Befriedigungshandlung, die natürlich unbefriedigend ist und die Menschen in eine Isolation treibt.

Ist das in Deutschland auch verbreitet?
Leider so, wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann. Ich habe in den letzten Jahren mindestens sechs Beziehungen in die Brüche gehen sehen, weil die Jungs ihre Laptops haben liegen lassen und die Frauen - warum auch immer - die Pornos entdeckten. Erwachsene, gebildete Männer mit erotischen Frauen verpuffen ihre sexuelle Energie pornoguckend vor ihren Laptops. Als ich mit den Frauen redete, sagten sie, dass die Frauen auf den Laptops entwürdigender waren als wenn er eine schicke Sekretärin gehabt hätte. Wär' auch nicht so toll gewesen - aber Videos… damit haben sich die Männer vor ihnen entwürdigt.

Damit sind wir wieder bei dem Leitsymptom Unterdrückung.
Sämtliche Porno-Laptop-Geschichten sind nur Kompensationshandlungen auf Unterdrückung. Wenn im Kindergarten Leibtherapie an der Tagesordnung wäre und ab der 6. Klasse der Haka-Tanz der Maori auf dem Stundenplan stünde und ab der 10. Klasse Liebeskunde - dann wäre diese Welt eine andere. Wilhelm Reich hat gesagt: "Wir können ökonomische Verhältnisse immer wieder ändern. Wir können eine Revolution nach der anderen machen, aber es wird immer einen Rückfall in die Barbarei geben, solange wir nicht in einer Gesellschaft, die wir befreien wollen, das Zentrale unseres Menschseins befreien: nämlich unsere Sexualität." Reich sagte, dass jede ökonomische Revolution ohne eine Revolution der Sexualökonomie scheitert. Ich denke, dass die Homöopathie eine revolutionäre und damit eine lebens- und lustfreundliche Medizin ist. Sie ist nicht nur in der Lage, Krankheiten zu heilen, sondern auch, Mut zu machen, um Menschen aus ihren Verstecken aufstehen und bekennen zu lassen: "Ja, hier stehe ich. Ich bin ein lustvolles sexuelles Wesen - und das ist gut so." Staphisagria ist ein Mittel, das Mut macht, uns in unserer Sinnlichkeit zu zeigen. Darum möchte ich allen Menschen raten, JA zu ihrem Delphin zu sagen, JA zu ihrem Ritter zu sagen und JA zu ihrer Lust zu sagen. Viva delphinium staphisagria!

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst.
Buchtipp:
Heiler und heiler werden - Gespräche über die Heilkunst, Verlag Simon + Leutner, 2013


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