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Ausgabe September 2015
Warum wir fühlen, wie wir fühlen. Von Thomas Hohensee


Worüber ärgern Sie sich? Was macht Ihnen Angst? Was bringt Sie dazu, zu lieben?
Normalerweise antwortet man auf solche Fragen so etwas wie: „Respektlosigkeit empört mich.“ „Es macht mir Angst, bei Dunkelheit unterwegs zu sein.“ „Hundebabys lassen mein Herz schmelzen.“
Aber ist das wirklich so? Kann eine Situation Gefühle hervorrufen?
Ärgern sich wirklich alle Menschen über respektloses Verhalten? Gibt es nicht Leute, die gern im Dunkeln spazieren gehen? Was ist mit denen, die Hunde nicht mögen, nicht einmal die kleinen, tapsigen?
Es sind offenbar nicht die äußeren Umstände, die uns so oder so fühlen lassen. Es kommt auf unser Bewusstsein an. Sonst müssten alle Menschen das Gleiche empfinden.
Stellen wir uns vor, dass jemand uns rüde anrempelt. Wir drehen uns empört um und stellen fest, dass die Person blind ist. Sofort ist unser Ärger verraucht. „Der kann ja nichts dafür“, denken wir und fragen: „Kann ich Ihnen helfen?“
Oder wir sehen eine große, schwarze Spinne. Je nachdem, ob wir denken: „Oh, eine Tarantula graziosa, wie interessant!“ oder „Iiiieh, die ist ja widerlich, hoffentlich kriecht sie nicht an mir hoch!“ fühlen wir uns völlig unterschiedlich.
Die Dinge sind, wie sie sind. Erst unsere Bewertung der Dinge löst Begeisterung, Ekel oder Gleichgültigkeit aus.
Meistens gehen uns unsere Bewertungen allerdings so rasend schnell durch den Kopf, dass sie uns nicht einmal bewusst werden. Auf Nachfrage schwören wir dann Stein und Bein, überhaupt nichts gedacht, sondern sofort Angst, Ärger oder Freude empfunden zu haben.
Viele Menschen glauben deshalb, ihren Gefühlen ausgeliefert zu sein. „Wenn ich Sahnetorte sehe, muss ich einfach zugreifen“, „Das war ein Preisangebot, das ich nicht ablehnen konnte“, behaupten sie. Letztlich wissen wir es aber besser: Wer hat nicht schon darauf verzichtet, jemand anderen zusammenzustauchen? Sei es, weil derjenige der Chef oder Profiboxer (oder beides) war. Man hat seinen Arbeitsplatz oder seine Gesundheit dem Wutausbruch vorgezogen. Sogar die sprichwörtliche heiße Herdplatte zwingt uns nicht, zurückzuzucken. Wir können uns bewusst entscheiden, den Schmerz auszuhalten. Wäre es anders, gäbe es keine Yogis.
Mit etwas Übung können wir lernen, bestimmte Gefühle wie es uns gefällt, bewusst hervorzurufen. Wie müssten wir zum Beispiel über eine bestimmte Frau auf der Straße denken, um Respekt oder Bewunderung zu empfinden? Vielleicht so: „Die ist vielleicht Ärztin und hat in ihrer letzten Nachtschicht einem Kind das Leben gerettet“. Wollen wir Mitleid in uns auslösen, könnten wir uns sagen: „Die sieht ganz schön mitgenommen aus, wer weiß, was sie erlebt hat, die Arme“.
Möchten wir uns ärgern, müssten wir etwa denken: „So eine arrogante Ziege. Die glaubt wohl, nur weil sie einen teuren Kaschmirmantel trägt, sei sie etwas Besseres“.
Wir fühlen allerdings nur dann in einer bestimmten Weise, wenn wir von dem, was wir denken, überzeugt sind. Nicht jede Fantasie oder jeden Einfall nehmen wir gleich ernst.
Wollen wir also unsere Gefühle ändern, müssen wir Gedanken finden, die wir wirklich glauben. Umgekehrt, wenn wir bestimmte Überzeugungen aufgeben wollen, könnten wir uns fragen: „Entspricht das, was ich da denke, den Tatsachen?“ „Ist es möglich, dass ich mich hierin irre?“ „Wie denken andere darüber?“ „Hilft es mir, so zu denken, wie ich es tue?“
Immer dann, wenn wir darauf bestehen, dass etwas so sein sollte, wie wir es wollen, bauen wir dadurch Anspannung und Stress auf. Es ist nichts falsch daran, sich Menschen und Dinge anders zu wünschen, als sie in der Realität sind. Aber wenn wir unbedingte Forderungen an uns, an andere und unsere Umgebung stellen, sollten wir den Preis für diese Einstellung kennen. Je weniger wir akzeptieren, desto mehr leiden wir.
Wir haben die Wahl. Wir können wegen jeder Kleinigkeit an die Decke gehen, aber wir können auch entspannt bleiben, indem wir die Realität anerkennen, wie sie ist. Auch unsere Gedanken und Gefühle dürfen sein, wie sie sind. Kein Problem! Aber sie müssen nicht bleiben, wie sie sind, wenn wir es nicht wollen.
Neue Gedanken sind wie unbekannte Wege. Wir müssen sie öfter gehen, um mit ihnen vertraut zu werden. Manchmal müssen wir uns sogar erst einen Weg durch das Gestrüpp unserer gewohnten Überzeugungen bahnen. Aber es lohnt sich.
Denn unsere Gefühle haben keine Macht über uns, sondern wir über sie. Wir beachten sie, aber wir sind ihnen nicht ausgeliefert. Wir bestimmen selbst, was wir fühlen, indem wir unsere Aufmerksamkeit lenken und unsere Innen- und Außenwelt bewerten. So können wir von Ärger auf Toleranz, von Angst auf Vertrauen und von Niedergeschlagenheit auf Hoffnung umschalten. Wir sind frei.

Thomas Hohensee ist Autor mehrerer Bestseller, darunter „Gelassenheit beginnt im Kopf“ und „Glücklich wie ein Buddha“ Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt einige Hunderttausend. Sie sind in sieben Sprachen übersetzt. Als Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Seminarleiter lehrt er, wie ein glückliches, entspanntes und erfolgreiches Leben gelingt. Mehr unter www.thomashohensee.de


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