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Ausgabe September 2015
Ich bin alles... und noch viel mehr. Von Mo Feuerlein

Selbstbilder sind Spiegelungen, die uns auf Vergangenes zurückwerfen. Unser volles Potenzial kann sich entfalten, wenn wir das Bemühen um eine eigene Identität spielerischer angehen - und alten Ballast abstreifen. Transpersonale Methoden wie schamanische

Haben Sie einmal diesen Augenblick erlebt, an dem Sie sich selbst durch ganz neue Augen sehen? Ich meine wirklich SEHEN, mit ganz offenem Herzen und unverstelltem Blick? Ohne die drückende Brille des ewigen Kritikers, dem die Frisur nie richtig sitzt und der immer was zum Nörgeln findet? Er taucht ganz unvermittelt auf, dieser Moment. Ich habe ihn erlebt, wenn ich nach einem durchtanzten Ritual völlig befreit von mentalem Ballast eins mit meinem Körper und meiner Seele bin. Aber auch wenn nach lang gestauter Traurigkeit und Schmerzen, die ich kaum spüren konnte, endlich Tränen fließen konnten. Nach einigen dieser so befreienden Phasen der Reinigung verfing sich mein Blick eher zufällig in einem Spiegel und ich konnte sie mit einem mal sehen, die ganze Schönheit, die Tiefe, die Zartheit, die Kraft, die mir - wie uns allen - zueigen sind. Das war wie ein Aufatmen, wow, es ist alles da, auch bei mir... Es ist ein wunderbares Geschenk, sich einmal selbst ganz neu und unvoreingenommen zu begegnen.

Der Tanz im Spiegelkabinett
Im Alltag haben wir diese Perspektive meistens nicht. Wir sind eingewickelt in einem Wirrwarr aus Fremd- und Selbstzuschreibungen, die uns zwar Identifikationen geben, aber auch gleichzeitig im Zaum halten. Das fängt - innerhalb eines Lebens betrachtet - schon in frühester Kindheit an. Ein Neugeborenes, dass sich willkommen fühlt, macht sich noch völlig unbefangen an die Selbstentdeckung, ohne ein bestimmtes Ziel und ohne äußere Erwartungen. Seine Bewegungen, seine Aufmerksamkeit ist intrinsisch motiviert, sie kommt aus eigenem Antrieb und aus ur-eigenen Bedürfnissen. Ich bin überzeugt, dass darin auch eine Erklärung dafür liegt, dass Lernen bei Kleinkindern in so einer phänomenalen Geschwindigkeit passiert. Aber wir lernen nicht nur Neues, sondern auch, uns entsprechend den Reaktionen unserer Umgebung zu verhalten, wir speichern Erfahrungen von Zustimmung oder Ablehnung, Ignoranz und Attraktion. Wir fangen an, uns zu vergleichen und in Relation zu setzen: Das kann ich gut, das bin ich und so bin ich nicht. Aus diesem Erfahrungsspeicher weben wir letztendlich eine Art Überlebensmuster von Vorstellungen und vermeintlichen Gewissheiten, wer wir sind und wie wir zu sein haben. „Spieglein, Spieglein an der Wand“, heißt es im Märchen. Es ist auch nicht grundsätzlich „falsch“, den Spiegel zu befragen. Problematisch wird es nur, weil wir durch die Reflexionen der Außenwelt irgendwann völlig geblendet sind und aufgestülpte Identitäten für unser wahres Selbst halten.

Karmische und systemische Verstrickungen
Spätestens ab dem siebten Lebensjahr beginnen auch systemische und karmische Aspekte auf unser Leben einzuwirken. Solche Dynamiken sind zunächst unbewusst und werden als schicksalhaft empfunden: Die Frau, die für ihre Familie bis zur Selbstaufgabe geht, und dann - wie schon ihre eigene Mutter und Großmutter von ihrem Mann verlassen wird. Der Sohn, der wie schon in den Generationen davor, als schwarzes Schaf von der Familie ausgestoßen wird. In solchen familiären Ordnungssystemen können sich „durchgereichte Identitäten“ regelrecht in den eigenen Leib einschreiben. Bei einem meiner Klienten wirkte diese systemische Verflechtung so massiv, dass sein Unterbewusstes zunächst nicht auf seinen eigenen Namen, sondern nur auf den Namen seines Großvaters reagierte! Dies war ihm selbst gar nicht bewusst, der kinesiologische Muskeltest brachte es eher zufällig zu tage. Erst nach dem es gelungen war, die energetischen Verknüpfungen aus seinem Körper-Seele-Geist-System zu lösen und er in einer schamanischen Traumreise buchstäblich in die Familiengruft gestiegen war, um den Sarg des Verstorbenen zu schließen, konnte er sich voll und ganz mit seinem eigenen Namen identifizieren. Gleichzeitig hatten wir eine Erklärung dafür gefunden, dass es ihm in seinem Leben bis dato nie gelungen war, sich mit voller Energie für seine eigenen Ziele einzusetzen. Seit die Verstrickungen aus seinem Feld gelöst sind, findet er mehr Klarheit und Zielstrebigkeit in seinem Leben.

Die Verstandesebene verlassen
Es gibt so viele Wege wie Menschen, um die eigene Essenz, das eigene Wesen (wieder-) zu ent-decken. Die Kombination aus Kinesiologie und Schamanismus liebe ich, weil sie den Verstand ein Stück weit „mitnimmt“, ihm sozusagen Futter gibt, aber gleichzeitig die Lösung unserer Probleme dem Körper und den uns unterstützenden Spirits überlässt. Ich empfinde das oft so, als wenn meine Klienten schon ab dem Moment, ab dem wir uns mit dem kinesiologischen Muskeltest vorsichtig an ein Thema herantasten, in eine andere Ebene switchen. Sie fangen an, den analysierenden Verstand ein Stück weit loszulassen und sich auf die in ihnen gespeicherte Körperweisheit einzulassen. Vermutlich liegt dies daran, dass es dem Verstand nicht gelingt, sich gleichzeitig auf das Gespräch, sensorische Körperreize und die eigene Innenwahrnehmung zu konzentrieren. Durch das Testen geraten die Gehirnwellen erwiesenermaßen in einen leichten Trancezustand. Dies entlastet nicht nur Therapeut und Klienten. Es schafft auch eine wunderbare Voraussetzung um Nichtmehr-Dienliches auf sanfte Weise gehen zu lassen und neue Wege und Räume zu betreten.

Spirituelle Selbstkonzepte
Mir gefällt es, wenn die Arbeit mit dem Selbst auf spielerische Weise geschieht. Wenn wir versuchen, unsere Konditionierungen allein auf der Verstandesebene zu analysieren und zu lösen, ersetzen wir die alten nur durch neue Selbstkonzepte: „Ich bin ein Scheidungskind, deswegen habe ich Angst vor echten Bindungen...“. Das Gleiche geschieht, wenn wir uns mit früheren Leben, aufgestiegenen Meistern oder seelischen Ursprungsgeschichten zu stark identifizieren. Solche Verbindungen können zwar für den Moment hilfreich sein, um uns mit unserer Essenz in Kontakt zu bringen. Aber wenn sie herangezogen werden, um uns vor uns selbst oder anderen zu erklären oder darzustellen, oder um unser „Spirituelles Ego“ zu füttern, können sie wiederum nur Hilfsgerüste sein, die unser eigentliches Selbst verstellen.
Letztendlich komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass es gar nicht darum geht, irgendeinen fixen Wesenskern von uns frei zu legen. Wir kommen uns vermutlich näher, wenn wir frei, beweglich und im selbstbewussten Austausch bleiben. Das Unvergängliche ist sowieso einfach da, es braucht keine Konzepte, keine Einstellungen, keinen Beruf. „In La Kesh“, der alte Maya-Gruß transportiert dieses bedingungslose „Ich bin Du und Du bist ich“. Mit wesentlich fixeren Worten manifestiert sich Gott in der am häufigsten tradierten Bibelübersetzung: „Ich bin, der ich bin“. Dem bekannten US-Autor Neale Donald Walsch zufolge enthält dieser Satz einen kleinen Übertragungsfehler. Es sollte eigentlich heißen: „Ich bin das (alles). Ich existiere mit allen zusammen, untrennbar, doch weitläufig.“ Es geht darum, weit zu bleiben, uns nicht zu sehr festzulegen, aber auch keine Konzepte kategorisch auszuschließen. Wir brauchen immer wieder Konzepte, um uns zu ankern und gesellschaftlich zu orten. Die Kunst besteht darin, sie immer wieder loszulassen.
Das Schöne an den Phasen, in denen uns dies gelingt ist, dass wir unsere Energie nicht mehr in ewigen Selbstbetrachtungen verlieren, sondern sie unmittelbar in die Gestaltung unseres Lebens fließen lassen. Dann kann unsere Seele im vollen Licht erstrahlen.

Monika Feuerlein ist Begründerin der Praxis Lebensrad. Sie bietet kinesiologische und schamanische Begleitung für Erwachsene und Kinder in Berlin-Prenzlauer Berg und in Müncheberg/Märkisch Oderland. www.lebensrad.net


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