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Ausgabe Juli 2015
Mangel und Fülle. Erfüllung finden, ohne sie zu suchen. Von Jochen Meyer


Es gibt Tage, da fällt es mir schwer, das Positive zu sehen. Ukraine-Krise, der neue Konflikt des Westens mit Russland, die Ausbreitung des IS-Terrors und das Flüchtlingselend im Mittelmeer, die Griechenland-Hetze in Politik und Medien, Pegida und der zunehmende Rassismus innerhalb unserer eigenen Gesellschaft: Der Wahnsinn scheint kein Ende zu nehmen. Überall Mangel, Elend und Ausgrenzung statt eines neuen, solidarischen Miteinanders, das wir dringend bräuchten. Überall der Rückfall in alte, untaugliche Muster der Konfliktbewältigung statt eines offenen, partnerschaftlichen Aufeinanderzugehens. In solchen Momenten fühle ich mich umgeben von Unheil, spüre meine Ohnmacht und frage mich, wie ich in einer immer mehr aus den Fugen geratenden Welt glücklich und erfüllt leben soll.
Hilfreich erscheint mir die Einsicht, dass wir in der Polarität von Fülle und Mangel leben und stets zwischen beiden Polen hin- und herpendeln. Das Eine gibt es nicht ohne das Andere: Wir können nicht immerzu erfüllt sein, genauso wenig wie wir immer im Mangel sind. Viel ist gewonnen, wenn wir uns unser Unerfülltsein zugestehen und uns dafür nicht verurteilen. Erst dann finden wir zu einem konstruktiveren Umgang damit, bei dem wir unsere Mangelgefühle daraufhin untersuchen können, was an Sehnsucht nach Veränderung in ihnen verborgen ist und wo wir aufgefordert sind, uns weiterzuentwickeln. Hinter jedem unerfüllten Gefühl – etwa dem Gefühl von Angst oder Verunsicherung angesichts der gegenwärtigen Krisen – stecken unerfüllte Bedürfnisse; vielleicht ein Bedürfnis nach mehr Sicherheit oder nach mehr Kooperation zwischen den Menschen. Vielleicht können wir uns dieses Bedürfnis ja ein Stück weit erfüllen, sobald wir es als solches erkennen – oder das Leiden loslassen, wenn wir erkennen, dass sich dieses Bedürfnis im Moment nicht erfüllen lässt.

Auf das schauen, was an Fülle da ist
Wann immer ich in einem Mangelgefühl feststecke, versuche ich, erst einmal zu realisieren, was im Moment in meinem Leben alles gut läuft: Mein Körper ist gesund und ermöglicht mir, mich einigermaßen wohl zu fühlen. Ich habe ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Mein Kühlschrank ist gefüllt. Ich komme finanziell über die Runden, selbst wenn es manchmal Engpässe gibt. Ich lebe in einem der wenigen Länder mit einigermaßen funktionierender Infrastruktur, medizinischer Versorgung und Alterssicherung. Ich habe einen Job, der mir Freude bereitet und in dem ich überwiegend etwas Sinnvolles tue. Wenn ich all diese Dinge registriere, bemerke ich, dass es objektiv keinen Grund gibt, mich bedroht zu fühlen. Ich fühle mich vielleicht unerfüllt, aber mein Leben ist nicht in Gefahr. Wie erfüllt wir uns fühlen, hat viel damit zu tun, wie wir unsere Situation wahrnehmen und ob wir das Glas eher als halbvoll oder als halbleer betrachten. Oft hilft es schon, wenn wir auf das schauen, was bereits an Fülle da ist statt auf das, was fehlt oder gerade nicht funktioniert.
Ich kenne aber auch Situationen, in denen mein Mangelgefühl ein wichtiger Indikator dafür ist, dass ich etwas in meinem Leben ändern soll. Mein Mangel an Erfülltsein ist dann nicht mit einem bloßen Perspektivwechsel zu beheben, sondern verlangt tatsächlich eine Veränderung bestimmter Lebensgewohnheiten oder Verhaltensmuster. Erfüllung finden wir, wenn wir gut in Kontakt sind – mit uns selbst, mit anderen, mit dem Leben. Erfüllung erleben wir, wenn wir das richtige Maß an Kontakt finden und uns mit anderen verbunden fühlen.

Erfüllung gibt es nur jenseits der Komfortzone
Erfüllung finden wir, wenn wir uns tiefer einlassen – wenn wir uns neue Erfahrungen zumuten, neue Dinge ausprobieren, beherzter auf andere zugehen und im Kontakt mit anderen über uns hinauswachsen. Wir können nicht erfüllt leben, wenn wir in unserer Komfortzone verharren und auf Distanz zum Leben bleiben. Wir können den Mangel nicht beenden und auch nicht durch noch so viel „innere Arbeit“ auflösen, wenn wir innerlich stagnieren und uns um anstehende Wachstumsschritte drücken. Offenbar sind wir als menschliche Wesen so angelegt, dass wir immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden wollen, immer wieder Neues hinzulernen und seelisch daran wachsen wollen. Und aus dieser Anlage ergibt sich eine notwendige Spannung zwischen Momenten der Erfüllung und solchen der Nichterfüllung. Offenbar brauchen wir das Unerfülltsein, um uns weiterzuentwickeln. Weil dies oft Angst macht, haben wir zahllose Ablenkungsstrategien entwickelt, die zwar scheinbare Erfüllung versprechen, uns aber von unserem eigentlichen Bedürfnis nach tieferem Kontakt abschneiden: Ob wir in übertriebener Geselligkeit, extremer Geschäftigkeit, exzessivem Medienkonsum, der Anhäufung materieller Reichtümer oder anderen Formen von Sucht nach Erfüllung suchen, stets folgen Ernüchterung und innere Leere auf die kurzen Momente scheinbarer Befriedigung. Insofern führt nur die Frage weiter, was uns denn wirklich nährt und wahre Erfüllung geben kann.

Einige Zutaten für ein erfülltes, lebendiges Leben:
Draußen sein, den Kontakt zur Natur genießen,
Kreativ sein, sich schöpferisch betätigen und verwirklichen,
Sport treiben, tanzen, sich bewegen, den Körper pflegen,
Sinnerfüllung im Beruf finden, den richtigen Platz einnehmen,
Meditieren, Yoga praktizieren, achtsamer werden – mehr innere Zufriedenheit finden,
Gute Gespräche mit Freunden führen, ein stabiles Netz von Beziehungen aufbauen, seelischen Halt finden und geben,
Sich dafür engagieren, dass es anderen besser geht. Persönlich dazu beitragen, dass diese Welt besser wird. Achtsam registrieren, was alles Gutes von einem ausgeht,
Sich mit Gleichgesinnten verbinden und verbünden. Gemeinsame Interessen teilen, gemeinsam gute Dinge bewirken, gemeinsam gute Beziehungen unterhalten.

In der Zusammenschau all dessen können wir sagen: Was uns nährt, sind gute Beziehungen! Auch eine vertrauensvolle Liebesbeziehung ist wichtig, um sich erfüllt fühlen zu können – aber sie ist nur ein Faktor von vielen. Falls Sie denken, Ihr Leben könnte erst dann wieder erfüllend sein, wenn Sie einen neuen Partner gefunden haben, möchte ich Sie warnen: Erfüllung finden wir in einer Liebesbeziehung, wenn wir sie schon vorher in uns selbst und im Leben gefunden haben und von dort in unsere Beziehung mitbringen. Sonst erwarten wir von unserem Partner, dass er uns Erfüllung schenkt und unsere Löcher stopft. Dann machen wir unser Glück von anderen abhängig, anstatt uns selbst um ein erfüllendes Leben zu bemühen.

Im Raum jenseits von Fülle und Mangel
Auf der Alltagsebene geht es also häufig darum, dass wir uns selber nähren und aus uns selbst heraus ein immer erfüllenderes Leben leben. Doch auf einer höheren Ebene finden wir erst zu einem neuen Zugang, wenn wir das permanente Suchen nach Erfüllung loslassen. Denn umso mehr wir nach Erfüllung suchen, desto größer wird das, was uns scheinbar fehlt. Umso stärker wir suchen, desto größer wird der Mangel. Würde es uns denn wirklich besser gehen, wenn wir in einem permanenten Zustand der Erfüllung lebten? Wenn wir den Mangel ein für allemal beseitigt hätten? Wäre dauerhafte Erfüllung wirklich erfüllend oder würde sie nicht vielmehr einen ganz neuen Mangel erzeugen? Wenn Mangel und Fülle einander bedingen, macht es keinen Sinn, gegen das eine anzukämpfen und dem anderen ewig hinterherzurennen. Was, wenn wir die wahre Fülle eines erfüllenden Lebens darin sehen würden, dass wir beides erfahren, beidem ausgesetzt sind? Was, wenn wir genau darin den wunderbaren und manchmal verrückten Reichtum des Lebens entdecken könnten? Erlauben wir uns, im Mangel erfüllt zu sein und die Polarität von Fülle und Mangel zu akzeptieren, dann könnte es doch einen Weg geben, wahre Fülle zu finden, ohne nach ihr zu suchen.

Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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