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Ausgabe Juli 2015
Was uns wirklich nährt. Gespräch mit Christian Meyer

Der Berliner Psychotherapeut und Advaita-Lehrer Christian Meyer antwortet zur Frage nach den Motiven des Menschen im Allgemeinen und dem Motiv für eine spirituelle Praxis im Besonderen.

KGSBerlin: Christian, glaubst du, man kann jedem Menschen ein allgemein benennbares Haupt-Motiv für sein Leben unterstellen, das ihn im Wesentlichen antreibt? Ist das Leben aller Menschen immer auch ein Streben nach Glück? Und ein Beenden von Leid?
Den Menschen treibt das Streben nach Selbsterhaltung, nach Vermehrung, also Sex und sozialer Zusammengehörigkeit; dazu das Streben nach Sicherheit. In der Evolution war das Streben nach Sicherheit grundlegend; wir hätten schwierige Situationen wie Eiszeit und die großen Hungersnöte sonst niemals überlebt. Der Mensch strebt nach angenehmen Situationen. Er will dem Schmerz ausweichen.
Darüber hinaus hat der Mensch ein Bedürfnis nach Wahrheit, das Bedürfnis zu verstehen und zu erkennen. Und jeder Mensch hat die Sehnsucht nach GanzSein und EinsSein, hat eine tiefe Sehnsucht danach, seine wahre und eigentliche Natur zu erkennen, die Zeitlosigkeit und Grenzenlosigkeit und den Frieden und die Glückseligkeit, die damit verbunden sind.
Etwas ganz anderes ist es, ob ihm diese Bedürfnisse bewusst sind oder ob er sie verdrängt, weil er sie gar nicht artikulieren kann und keine Hoffnung hat, diese Wünsche je zu verwirklichen. Dann werden sie verschoben auf Ersatzbefriedigungen. Zudem führt die ICH-Vorstellung dazu, dass ganz eigene ICH- Bedürfnisse entstehen: jemand Besonderes zu sein, besser und anders als die anderen, Recht zu behalten und Kontrolle auszuüben. Recht zu behalten ist dann viel wichtiger als glücklich zu sein; das Opfer-Bild aufrechtzuerhalten, selbst dann, wenn es einem gut gehen könnte. Das ICH verdreht die Selbsterhaltung zu maßloser Gier und das Bedürfnis nach sozialem Zusammenhalt zu maßlosem Macht-Streben.
Angenehmen Situationen hinterher zu rennen und dem Schmerz auszuweichen, führt nicht wirklich zu Glück. Beim Versuch, dem seelischen Schmerz auszuweichen, entsteht innere Anspannung und Verkrampfung, die erst ein Vielfaches von Leid hervorrufen. Das Streben nach Vergnügungen verhindert, dass sich die Erfüllung in der Erfahrung des jetzigen Augenblicks findet.
Bisher ist es ja nur ein kleiner Teil der Menschheit, die das Streben nach dem Ende von Leid mit dem kompromisslosen Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit verbinden, die wirklich wissen wollen, wer wir eigentlich sind.
In meiner Arbeit mit Menschen erlebe ich, dass Aufwachen immer häufiger geschieht. Aber insgesamt ist es doch eine verschwindend kleine Zahl von Menschen, die wirklich aufwachen und die grundlegenden Wahrheiten entdecken wollen!

Ausgehend vom Gedanken einer transpersonalen Antriebs-Dynamik, kann man demzufolge auch sehen, was ihn am besten nährt? Was er dafür am ehesten braucht?
Es hilft, andere aufgewachte Menschen kennen zu lernen, dann erlebt er hautnah, dass Aufwachen für ganz normale Menschen möglich ist, und damit auch für ihn. Die Sehnsucht aufzuwachen bekommt nämlich keine Energie, solange ich es nicht für mich selber für möglich halte. Dann braucht er Unterstützung durch einen Lehrer oder Lehrerin, natürlich einen, der selber aufgewacht ist und etwas vom Aufwachen und von der Arbeit mit Menschen versteht.
Was ihm eigentlich hilft, ist die Entwicklung der Fähigkeit, wirklich loszulassen – zunächst im Körper, dann in der Seele und vor allem im Kopf – und einfach geschehen zu lassen: den ganzen inneren Prozess, das Tieferfallen in den inneren Abgrund, die ganze innere Bewegung des Fühlens, wenn einer nichts tut. Das ist zwar etwas, das er alleine zu entdecken und zuzulassen hat, aber ohne einen Lehrer ist es praktisch unmöglich. Natürlich gibt es Beispiele von Menschen, die aufgewacht sind, ohne einen Lehrer gehabt zu haben. Die sind aber allesamt durch fundamentale existentielle Situationen von Krankheit oder Todeserfahrung gegangen oder, wie bei Eckart Tolle, zu einem Loslassen durch eine tiefe langandauernde Depression. Der Lehrer ist ein Spiegel, der Lehrer zeigt ihm, wie er das Loslassen behindert, der Lehrer gibt ganz präzise Hinweise, was der eine oder die andere tun kann oder bearbeiten kann, damit das Loslassen und Geschehenlassen vollständiger wird. Da in meiner Arbeit viele Schüler und Schülerinnen aufgewacht sind, machen wir eine Forschung darüber, wie sich ihr Leben ändert und was ihnen geholfen hat. Jede und jeder nennt als einen Faktor die Arbeit mit dem Lehrer.

Was ist mit den anderen Menschen, den Freunden oder den Lebensgefährten?
Sowohl als auch. Ein fester und wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit besteht darin, dass ich den Menschen die Methoden des Wachstums und des Loslassens gründlich und ausführlich beibringe: Unterstützung in der Körperarbeit, Atemarbeit, Polaritäts- und Konflikt-arbeit, bestimmte Formen der Trance-Arbeit und klare Kommunikation. Dann können die Schülerinnen und Schüler selber zu zweit oder in Kleingruppen miteinander arbeiten; sie sind nicht darauf angewiesen, nur dem spirituellen Lehrer zuzuhören oder zu einem Therapeuten zu rennen. Und es gibt noch einen klaren zusätzlichen Vorteil: Indem zwei Menschen abwechselnd arbeiten und den anderen begleiten, lernen sie auch, sich selber annehmend und wirksam unterstützend zu begleiten. So wächst wirkliche Selbstannahme, Selbstvertrauen, Authentizität und Selbstliebe.
Die Beziehung zum Mann oder zur Frau kann natürlich unterstützen und helfen, genauso wie die Beziehung zu Freunden. Sie können aber auch im Weg stehen, weil durch das miteinander umgehen gegenseitig immer wieder die Trance der eigenen Geschichte verstärkt wird, weil in den Routinen des Alltags und der Oberflächlichkeit des Kontaktes und der Kommunikation die eigene Suche nach der Wahrheit und dem Wesentlichen immer wieder schnell zugedeckt wird und man von dem, was einen wirklich bewegt, abgelenkt wird. In der Beziehung ist es am besten, wenn beide der Wahrheit mehr verpflichtet sind als der Beziehung; dann ist die Chance größer, dass ich mich nicht verkaufe.

Gibt es noch etwas, das nähren und helfen kann?
Ja, etwas sehr Wichtiges, nämlich neue, eigene Erfahrungen und Entdeckungen und die Erfahrung, dass ich sie selber gemacht habe. Der spirituelle Lehrer ist ja nicht dazu da, Sachen zu erzählen, die einer dann glauben oder ablehnen kann; vielmehr hat er Hinweise zu machen und Vorschläge, wie man selber zu neuen und heilsamen Erfahrungen kommt. Er gibt Hinweise, wie einer die innere Tiefe, die unter mehreren Gefühlsschichten vergraben ist, entdeckt. Hinweise darüber, wie man sich auf neue und wirklich heilsame Weise den Gefühlen gegenüber verhält. Dann macht einer mit diesen Hinweisen neue Erfahrungen oder eben nicht. Da kann man selber beurteilen, ob die Hinweise richtig waren. Jedenfalls ist es nur die eigene Erfahrung, der geglaubt und vertraut werden kann. Wenn einer dann zum ersten Mal ein Gefühl, vielleicht eine Angst, bis zu Ende fühlt, von der er vorher glaubte, sie nicht aushalten zu können, dann wächst sein Selbstvertrauen und seine innere Freiheit, Stück für Stück. Solche Erfahrungen, die dann zu wirklichen Einsichten führen, sind nährend. Dann kann auch das Aufwachen möglicher werden.

Christian, vielen Dank für das Gespräch.


Christian Meyer, Jg. 1952, spiritueller Lehrer, Dipl.-Psych., lebt in Berlin. Nach dem Studium mehrjährige Lehrtätigkeit an Universitäten und psychotherapeutische Praxis. Als er 1998 seinen Lehrer Eli Jaxon-Bear traf, erkannte er seine wahre Natur und unterstützt seitdem Menschen aufzuwachen. Seit 1999 Zentrum „zeit-und-raum“ in Berlin, Retreats und Treffen im ganzen deutschsprachigen Raum. Seminare und Details unter www.zeitundraum.org

Das neue Buch von Christian Meyer: AUFWACHEN IM 21. JAHRHUNDERT erschien im Verlag J. Kamphausen


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