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Ausgabe Juli 2015
Glück und Erfüllung. Von Wolf Schneider


Wir suchen Glück und Erfüllung, so weit, so gut. Aber welcher Teil in uns sucht da etwas, und was genau wird da gesucht? Mit einer bewusstlosen Suche nach Glück oder einer Art wie der des american dream, der da seinen pursuit of happinez manchmal sehr rücksichtslos betreibt, ist es noch nicht getan. Vor allem dann, wenn man sieht, welche Kollateralschäden solche Suche meist hinterlässt, innerhalb und außerhalb des suchenden Menschen. Glückssuche auf Kosten von Umwelt, Tieren und Pflanzen, auf Kosten der nach uns folgenden Generationen, nicht zuletzt bei solch einer bewusstlosen Suche auch auf Kosten des eigenen Glücks. Das ja die verflixte Eigenschaft hat, sich umso schneller zu verflüchtigen, je mehr wir davon besessen sind, es zu finden: Das Glück hat uns verfolgt, aber wir waren schneller!
Und auch die Suche nach Erfüllung enthält solch gegenläufiges Teufelszeug, denn dabei verkennen wir zu leicht die Polarität von Fülle und Leere und tendieren dann dazu, auf der Suche nach Erfüllung, die Entleerung zu vergessen. Und schütten in unserer Fasziniertheit von irgendwas Erfüllendem unsere innere Leere zu. Meist bemerken wir den Verlust erst dann, wenn wir in uns, und manchmal auch um uns herum, keinen Platz mehr haben, uns auszudehnen. Leere kann sehr wertvoll sein! Sie ist Freiraum, der etwas aufnehmen kann.
Bei zu viel Fülle ist kein Platz mehr für Neues, auch Willkommenes, Begehrtes. Deshalb kann eine Entleerung glückbringender sein als eine Erfüllung. Das gilt vom Stuhlgang über die Entrümpelung der Abstellkammer bis hin zum Lösen oder Beenden belastender Beziehungen und sich wiederholender Gedankenmuster.

Ich oder die anderen?
Und wie ist es mit dem Egoismus und dem Altruismus? Ist es überhaupt gut, das eigene Glück zu suchen, während andere leiden?
Die herkömmliche Philosophie setzt das Streben nach Eigennutz oder Eigenglück noch immer dem Streben nach dem Nutzen oder Glück der anderen entgegen. Was für eine künstliche Trennung! Als hätten der Nutzen und das Glück von mir nichts mit dem von dir und all den anderen zu tun. Von der Fiktivität der Grenze zwischen beidem – Wer bin ich eigentlich? Wo ist da die Grenze zum anderen? – mal abgesehen.
Ohne andere Menschen bekomme ich nichts zu essen, keine Kleidung und kein Dach überm Kopf, von Liebe und Anerkennung ganz schweigen. Ohne andere gibt es für mich kein Glück und keine Erfüllung. Das Streben nach Glück und Erfüllung auf die Kreise um mich herum auszudehnen, ist deshalb nur intelligent, auch vom egoistischen Standpunkt aus. Altruismus ist intelligenter Egoismus.

Suchende und Getriebene
Auch die Frage, ob wir unsere Glückssuche vorantreiben oder von ihr getrieben werden, spielt eine Rolle. Meist werden den Treibenden die größeren Chancen eingeräumt, glücklich zu werden, denn sie setzen sich bewusst Ziele und dürfen so hoffen, sie auch zu erreichen. Bei den Getriebenen, die sich ihre Antriebe nicht selbst gewählt haben, ist das seltener der Fall, zumal dann, wenn deren Antriebe (z.B. Rache, Zerstörung, jemand etwas beweisen müssen) eher geeignet sind, Unheil zu schaffen.
Aber selbst die von positiven Zielen bewusst Motivierten kommen damit an Grenzen: Was, wenn du alles erreicht hast, was du wolltest? Manch einer ist daraufhin schon in eine tiefe Lebenskrise gestürzt. Vor allem dann, wenn das Ziel ein äußeres war (Geld, Ruhm, Macht). Und auch dann, wenn die Intensität des Strebens nach dem Ziel das eigentlich Erfüllende war, und nicht das Erreichen.

Glück auf der Zeitachse
Wir suchen nach einem weniger entfremdeten Leben in den Städten und vor den Bildschirmen von PCs, in Jobs für Firmen, deren Ziele wir nicht teilen und werden dann vielleicht zu Adepten eines schamanischen Weges. Aber auch die schamanische Suche nach Sinn, Heimat und Geborgenheit in etwas Natürlicherem führt nicht immer zu bleibendem Glück. Zunächst mal deshalb, weil diejenigen von uns, die das Vergangene nicht verunglimpfen – sei es ihre Kindheit (»Ich habe mich manipulieren lassen!«) oder die Frühzeit ihrer Kultur (»Ach, was waren wir primitiv!«) –, meist dazu neigen, es stattdessen zu romantisieren und beschönigen. Wir können zwar regredieren, biografisch ebenso wie kulturell, aber wir können nicht zurück. Auch in eine uns noch so glücklich erscheinende Frühzeit können wir nicht zurück.
Die Idealisierung des Vergangenen ist ebenso irreal wie die Idealisierung der Zukunft. Beides ignoriert den Charakter des Phänomens Zeit. Beides sind Fluchten, die die Gegenwart vermeiden, die doch die einzige Zeit ist, in der wir etwas für unser Glück tun können. Ben Furmann hat mit seinem Buchtitel »Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben« (auf Deutsch erschien das Buch 1999) recht, aber die Entscheidung für eine solche Kindheit haben wir jetzt! Ebenso wie die für eine glückliche Zukunft: Apokalyptiker zu sein ist kein Zeichen von spiritueller Tiefe.

Leiden und Ekstase
Und wie ist es mit dem Leiden? Hat der Buddha denn recht mit seinem Slogan »Das Leben ist Leiden«? Oder eher Osho mit seiner Devise: »Ich nehme euch euer Leiden nicht ab, es ist nur eine Maske. Eure wahre Natur ist Ekstase!«
Ich meine, dass wir das Leiden nicht vermeiden können. Das Leben ist Leiden, weil wir uns immer mit irgendwas identifizieren und dann hängt unser Befinden davon ab, ob unser Schiffchen auf dem Ozean des Lebens von guten Winden in die richtige Richtung getrieben wird oder im Sturm kentert. Andererseits haben wir als Menschen die Chance, unser Bewusstsein zu erweitern und dabei alles das, womit wir zusammenhängen, mit hineinzunehmen in unser Bewusstsein von dem, wer oder was wir sind – und können so die Ekstasen erfahren, von denen Osho und die anderen Mystiker sprechen.

Leidenschaftlich leben
Buddhas Diktum »Das Begehren ist die Ursache des Leidens« kann leicht missverstanden werden und dann zur Apathie führen, zu Interesse- und Ziellosigkeit. Wenn auch das Beenden des Begehrens nicht mehr begehrt wird, ist das eine höhere Ebene der Freiheit von Begierde. Dann wehren wir uns nicht mehr gegen die Leidenschaften, was sowieso ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen ist – wer es versucht, unterdrückt oder verdrängt sie meist nur.
Sondern dann machen wir uns die Leidenschaften und uns antreibenden Gefühle bewusst und sehen sie im Kontext ihres Entstehens und Vergehens, ihrer inneren und äußeren Ursachen. Weder kleben wir an ihnen, noch wehren wir sie ab und reifen so inmitten der Fülle eines intensiv gelebten Lebens allmählich zu Lebenskünstlern heran. Unglück, Enttäuschungen, Verluste, Schmerzen, nichts wird uns dabei erspart, aber all das knechtet und ängstigt uns nun nicht mehr, denn nun wissen wir um das Kommen und Gehen der Gefühle, Emotionen und Leidenschaften und werden dabei allmählich stiller, tiefer, weiter.


Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kursleiter. 1971-75 Studium an der LMU München. 1975-77 in Asien. 1979-81 Ausb. z. Gruppenleiter.
Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theater, Kabarett, Humorworkshops. www.connection.de


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