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Ausgabe Juni 2015
Beitragsreihe 2015 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Medorrhinum - Genug ist nicht genug


Andreas Krüger stellt in seiner Beitragsreihe ein weiteres wichtiges homöopathisches Arzneimittel vor.

H. Schäfer: Um welches Mittel soll es heute gehen?
Andreas Krüger: Ich möchte heute über Medorrhinum sprechen und damit über das Thema „genug ist nicht genug“. Es ist ja so, dass die meisten Menschen, die in meine Praxis kommen, darunter leiden, dass sie Mangel erleben. Und somit kann ich sagen, dass mich dieser Mangel nährt, denn ich wäre 90% meiner Klienten los, wenn sie glücklich verliebt wären. Aber da Charlottenburg zu 80% aus Nicht-Verliebten besteht, habe ich dieses Problem nicht – obwohl ich das Gegenteil anstrebe, sowohl als Lehrer als auch als Therapeut. Diese Tatsache spreche ich an, weil das Mittel Medorrhinum sowohl für den, der es bekommt, als auch für denjenigen, der mit diesem Menschen zu tun hat, viel Leid verhindern kann.
Der Medorrhiniker ist in seiner hypertonen, d. h. voll entwickelten Form ein Mensch, der aussieht, als wenn er überhaupt keine Probleme hat. Der Medorrhiniker ist laut, er ist in seiner Fülle, er liebt, er ist poetisch, er zieht sich bunt an und man denkt: wow – Alexis Sorbas! Alexis Sorbas ist der klassische Medorrhiniker. Jetzt könnte man sagen: Wären doch alle Menschen so, dann wäre diese Welt sehr glücklich. Eine Kommune aus Medorrhinikern wäre bestimmt lustig, laut, tantrisch und vielleicht gäbe es auch ab und zu eine Prügelei oder die eine oder andere Leberzirrhose vom vielen Ouzo, aber eigentlich wäre es eine ganz lustige Welt. Das Problem ist nur, wenn Medorrhiniker in Charlottenburg wohnen, denn hier fallen sie zwischen den ganzen graufarbigen Anzügen auf wie bunte Hunde.

Was in Griechenland sicher anders ist…
Mein erstes großes medorrhinisches Heilerlebnis hatte ich, als ich das erste Mal nach Griechenland kam, nachdem ich mein Leben lang immer nur hörte: Du bist zu laut, du willst zu viel, du redest zu viel, du liebst zu viel – und auf einmal waren alle Griechen viel lauter als ich. Auf einmal war ich in Griechenland ein kaum zu verstehender, schüchterner junger Mann. Das war nach 30 Jahren Charlottenburg ein herrliches Erlebnis: Ich war auf einmal nicht mehr der Zombie, sondern die untere Norm.

Warum sollte man denn Medorrhiniker überhaupt therapieren?
Es gibt dieses wunderbare Lied von Konstantin Wecker: „Genug ist nicht genug“. Dieses Lied zeigt die Wesensart und unter Charlottenburger Verhältnissen auch auf eine gewisse Art und Weise die Pathologie des Medorrhinikers. Eine Pathologie ist ja nicht an sich krank, sondern definiert sich auch über das Verhältnis, wie der, der das angeblich hat, zu seiner Umwelt steht. Rudolf Steiner sagte einmal: Krankheit ist Gesundheit am falschen Ort. Man könnte also sagen, in einem kretischen Dorf oder in einer kretisch-tantrischen Osho-Kommune ist der Medorrhiniker überhaupt nicht krank, weil er da am richtigen Ort wäre. In Charlottenburg ist er – außer im Zwiebelfisch am Savignyplatz, wo man von abends bis morgens mit Sicherheit betrunkene Medorrhiniker antrifft – am falschen Ort und dadurch pathalogisiert. Andererseits heißt Gesundheit auch, dass man sich anpassen kann. Das bedeutet wiederum, dass jemand, der immer laut sein muss, der immer viel haben will, der immer sagt „genug ist nicht genug“ auch nicht gesund ist, wenn er sich nicht an eine andere Form anpassen kann. Anpassung ist also eine Form von Gesundheit und Medorrhinum ist ein großes Hilfsmittel für tantrische Kretaner, um sich an Verhältnisse in Charlottenburg anzupassen.

Beispiel?
Ein medorrhinischer Mensch verliebt sich. Dann ist es für ihn völlig normal, dass er das auch ausdrückt, indem er den Server seiner Geliebten mit 27 Rilkegedichten pro Stunde samt Bildern und Liebeserklärungen überhäuft. Wenn seine Geliebte eine ganz normale Charlottenburger Therapeutin ist, dann kriegt die unter dem Ansturm dieser medorrhinischen Welle eventuell Durchfall, aber mit Sicherheit ein beklemmendes Gefühl. Und sie wird ihn ganz schnell entfreunden, weil sie sich von seiner Fülle bedroht fühlt. Nun hat der Medorrhiniker leider eine gewisse Pathologie, dass er meistens die Menschen obsessiert, die nicht so sind wie er. Er hat die Wahnidee, dass er Menschen mit seinem Feuer, seiner Kraft und seiner Leidenschaft regelrecht in den Erfolg und in die Fülle treiben muss. Medorrhinum ist übrigens ein großartiger Verkäufer und verkauft auch gerne andere, indem er z. B. anderen zu vollen Praxen verhilft.

Haben Sie ein konkretes Beispiel von einem Patienten?
Ich hatte einen Patienten, der sich immer wieder für Menschen begeisterte oder sich verliebte und dann seine Gefühle völlig unzensiert ausdrückte, aber immer wieder merken musste, dass die anderen sich umso weiter zurückzogen, je mehr er machte. Und wir wissen ja von dem rezitierten Gedicht von Nelson Mandela, dass nichts bedrohlicher ist als das eigene Licht. Wenn wir jetzt als schüchterne oder an uns zweifelnde Menschen auf so jemanden treffen, der sich für uns interessiert und sich für unseren Erfolg einsetzt, der erscheint uns bedrohlich. Andererseits – und das ist ein Teil der Pathologie – sucht sich der Medorrhiniker oft gerade Leute, die dieses Problem haben, weil er sich scheinbar irgendwie beweisen will. Wenn er nur genug Kraft und Liebe hinein gibt, dann wird es schon werden. Mein Patient war mal wieder in solch einer Situation, wo er alles wollte, aber sein Gegenüber es ihm nicht geben konnte.
Sein Therapeut empfahl ihm, sich rar zu machen, um interessanter zu werden, aber damit konnte er gar nichts anfangen. Dann war er bei einem Astrologen, der ihn auf eine Mars-Steinbock-Konstellation aufmerksam machte, die bedeutet, dass sein Schwert in einem Stein steckt und wenn er mit Gewalt an dem Schwert zieht, es immer fester wird. Um dieses Schwert herauszuziehen, braucht es Leichtigkeit und dann wird er von selbst kindlicher König von Avalon. Je mehr er aber daran zog, desto mehr verfestigte es sich. Außerdem erzählte ihm der Astrologe, dass diese Konstellation dem Wu Wei zugeordnet wäre – dem Handeln im Nicht-Handeln. Dass man zwar Kraft haben und diese Kraft auch einsetzen kann, dass aber das Ziel ist, etwas zu tun, ohne es auf ein Ziel ausgerichtet zu tun. Mein Patient fand diese Ideen alle nicht überzeugend und ich habe ihm Medorrhinum in einer 100.000 gegeben. Wenig später hat er die Therapiemethode Wu Dan Qi Gong angefangen, wo er lernte, die aufbrausende Energie, die einem Orkan gleicht, zu konzentrieren und trotzdem in seiner Kraft zu bleiben, aber ohne diese Kraft wie einen Taifun loszulassen.

Und das half?
Eine Weile ja, aber auch Arzeneien verlieren manchmal ihre Kraft und irgendwann war er wieder in seinem alten Muster. In einer Situation, wo eigentlich alles gut war und er sich am besten ruhig verhalten hätte, donnerte er wieder los und wollte mit Gewalt das Schwert aus dem Stein ziehen, weil das Königtum der großen Drachen doch endlich errichtet werden musste… und ja, er stand kurz davor, das Wunderbare mit seinem Hammer zu zertrümmern. Ich habe ihm wieder Medorrhinum gegeben und habe nicht „piano piano“ gesagt, sondern ihm geraten, seine Stehübung drei Mal am Tag zu machen, um sich in seiner leeren Mitte zu sammeln. Außerdem habe ich ihm empfohlen, inneres Kind-ATA zu machen, was immer wichtig ist, wenn man von einem anderen etwas will, um zu gucken, was das eigene innere Kind braucht. Und ich habe ihm auch empfohlen, Dankes-ATA zu machen für das, was er bekam.

Und dann?
Er konnte sich das gar nicht erklären, aber auf einmal wurde es ganz still in ihm und er wurde ein Stück weit erwartungslos – ohne, dass er seine Kraft verlor. Auch das Bild von dem Astrologen leuchtete ihm ein: Auf einmal konnte er hoffen, er konnte wollen, er konnte eine Vision haben, aber er musste nicht mit dieser wahnsinnigen Kraft unbedingt so viel machen, dass daraus auch etwas wird. Das war für ihn sehr entspannend und auf einmal merkte er: Je mehr er sich zurücknimmt und je weniger er will, desto mehr wurde möglich und auch die Person, die er begehrte, machte auf einmal ganz viel möglich.

Hoffen wir auf eine weitere positive Entwicklung für die beiden.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein letztes Buch „Heiler und heiler werden – Gespräche über die Heilkunst“ erschien im Verlag Simon + Leutner, 2013.
Weitere Informationen: Samuel-Hahnemann-Schule, Mommsenstr. 45, 10629 Berlin, Tel.: 030-323 30 50, buero@heilpraktiker-berlin.org, www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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