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Ausgabe Juni 2015
Zufrieden im Wir. Wie sinnerfüllende Beziehungen möglich werden - Teil 3. Von Jochen Meyer


Liebesbeziehungen sind dynamische Prozesse zwischen Partnern, die sich ständig verändern und permanent weiterentwickeln. Obwohl mir dies eigentlich bewusst ist, erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich über „meine“ Beziehung denke oder spreche, als wäre sie ein Objekt oder etwas mir Gegebenes, für das ich keinerlei Verantwortung trage. Auch die Frage, wann und unter welchen Bedingungen wir mit einer Beziehung zufrieden sein können, geht von der irrtümlichen Annahme aus, wir könnten diese wie einen Gegenstand von außen betrachten. Tatsächlich aber leben wir in einer Beziehung – wir sind genau genommen sogar immer in Beziehung – mit anderen Menschen, mit unseren Lebensumständen, mit dem Leben als solchem. Somit können wir auch nur in der jeweiligen Beziehung unseren Frieden finden. Nehmen wir diese Perspektive ein, dann sehen wir unsere Beziehungen als etwas, das wir miterschaffen und mitgestalten; und wir sehen auch unsere Partner als konkreative Mitgestalter unserer Verbindung. „Zufrieden im Wir“ sind wir, wenn wir unseren Frieden in der Beziehung statt mit der Beziehung machen.
Wirklich zufrieden sein – unseren Frieden machen mit der Beziehung können wir nur in der Beziehung.

Im Paar-Modus ankommen
Wollen wir in unserer Beziehung zufrieden sein, müssen wir ein Wir überhaupt erst einmal zulassen. Zu zweit sein, heißt noch nicht „im Wir“ sein (vgl. meinen Beitrag „Paare, die leuchten - Vom Doppel-Ich zum Wir“ in KGS Berlin 12/2013). Dies geschieht erst, wenn wir uns auf eine höhere Form von Intelligenz einschwingen. Solange wir im Zweier- oder Ich-Du-Modus sind, kreisen wir umeinander und fragen uns: Was brauche ich? Und was brauchst du? Was muss ich dir geben und was du mir? Im Paar- oder Wir-Modus denken wir anders. Wir denken oder besser wir erfassen dann, was unsere Beziehung als Ganzes jetzt von uns benötigt. Wir fokussieren uns dann auf das Gemeinsame, Verbindende. Wir sind dann wie selbstverständlich damit beschäftigt, wie wir unsere Liebe weiter zum Blühen bringen und wie wir dafür sorgen können, dass es uns beiden miteinander noch besser geht. Ich spreche hier von einer höheren Intelligenz, denn im Paar-Modus kreisen wir weder um uns selbst, noch um die Bedürfnisse des anderen. Wir erspüren intuitiv, was das WIR – die Verbindung zwischen uns – benötigt und was dieses eigentümliche Wesen braucht, um noch reicher leben zu können.

Wie das Wir-Gefühl entsteht
Ein echtes Wir-Gefühl entsteht, wenn beide Partner sich unaufgefordert für die Beziehung engagieren und beide in etwa gleich viel in die Beziehung investieren. Wir spüren das Wir-Gefühl, wenn wir wichtige Fragen auf Augenhöhe miteinander besprechen und gemeinsam entscheiden: Was machen wir heute Abend zu essen? Wer kauft ein? Was unternehmen wir am Wochenende? Wo verbringen wir den nächsten Urlaub? Auf welche Schule geht unser Kind?
Wir erzeugen das Wir-Gefühl, indem wir hierbei beide initiativ sind und uns aktiv für Lösungen einsetzen, die für beide Seiten stimmig sind. Und indem wir für Ausgleich sorgen, falls dies einmal nicht möglich ist. Wir haben dann das Gefühl, dass das Geben und Nehmen in unserer Beziehung stimmt und dass wir uns beide gern für das Wohlergehen der Beziehung einsetzen. Mal, indem wir einen neuen Blumenstrauß für den Wohnzimmertisch mitbringen; mal indem wir etwas Unangenehmes erledigen, den Müll wegbringen, den Wochenendeinkauf übernehmen – beides dem Partner und der Liebe zuliebe.
Das Wir-Gefühl wird gestärkt, wenn wir uns erlauben können, Konflikte zu haben und unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne uns deswegen abzulehnen oder zu verachten. Spüren wir, dass uns in kritischen Momenten nicht gleich die Liebe aufgekündigt oder mit Bestrafung gedroht wird, dann erleben wir das Gefühl des Zusammengehörens stärker als den durch den Konflikt hervorgerufenen Stress. Wir erfahren dann, dass wir zusammenstehen und halten vorübergehende Unstimmigkeiten besser aus. Im Wir-Modus erfassen wir die Folgen unseres Verhaltens für die Verbindung intuitiv und streben danach, unsere Beziehung durch Worte und Taten zu stärken. Wir spüren dann, was unser Partner oder unsere Beziehung von uns braucht und können die Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Wir denken nicht „Ich“, sondern „Wir“.

Inseln der Zufriedenheit schaffen
Sind wir im Wir-Modus, so ist uns intuitiv bewusst, dass alles, was wir tun, auf unsere Partner und unsere Beziehung einwirkt.
Wir spüren, dass Liebe ein Schwingungs-phänomen ist oder ein Energiefeld zwischen zwei Partnern, und wir versuchen, dieses Energiefeld zu stärken und zu nähren.
Wir streben danach, Inseln der Zufriedenheit zu erschaffen und diese Inseln immer größer werden zu lassen. Ja, wir sehen unsere eigentliche Aufgabe als Partner darin, solche Inseln herzustellen, in denen die Liebe aufblühen und gedeihen kann. Hier ein paar Zutaten, die sich dabei bewährt haben:

dem Partner regelmäßig das Gefühl geben, wichtig zu sein,
Humor und Leichtigkeit kultivieren: einander zum Lachen bringen!
körperliche Nähe suchen und pflegen: durch Kuscheln und Zärtlichkeit Verbundenheit und Geborgenheit herstellen,
einander freundlich und wohlwollend begegnen (statt gleichgültig und feindselig),
emotional offen sein: bereit sein, das innere Erleben des anderen gelten zu lassen,
für ein gutes Beziehungsklima sorgen bzw. das Klima entgiften, indem wir auf Streits, Rivalitäten, Machtkämpfe, Rechthabereien, Besserwisserei oder Miesmachen verzichten
aushalten, dass vieles anders kommt als gewünscht. Eine Beziehung kann nicht immer aufregend, verführerisch, intensiv, inspirierend und ekstatisch sein. Entscheidend ist, dass wir gemeinsame Antworten auf das finden, was von innen wie außen auf uns zukommt und uns herausfordert.


Wollen Sie Ihre Paarintelligenz stärken, so erzählen Sie doch einmal anderen davon, was Sie und Ihr Partner schon jetzt alles hinbekommen, wie Sie für Ihre Inseln der Zufriedenheit sorgen und wie sie dabei miteinander umgehen. Erzählen Sie von erfolgreichen Momente aus der Wir-Perspektive, so wie Sie dies vielleicht schon einmal bei anderen Paaren erlebt haben: „Wenn wir abends müde und erschöpft von der Arbeit nach Hause kommen, setzen wir uns aufs Sofa und tauschen uns erst einmal über das Neueste vom Tage aus. So kommen wir wieder beieinander an. Und wenn wir beide zuviel Stress haben, dann kochen wir gemeinsam oder gehen in unser Lieblings-Restaurant, um uns zu entspannen.“

„Ich möchte dich an meiner Seite leuchten sehen!“
Neurowissenschaftler betonen immer wieder: Von unserer ursprünglichen Prägung her sind wir so angelegt, dass wir kooperieren wollen. Unbewusst wissen wir, dass es uns besser geht, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Es ist erwiesen, dass Partner, die in einer stabilen Beziehung leben und mit ihr zufrieden sind, eine bis zu 15 Jahre längere Lebenserwartung haben. Es macht also Sinn, sich für mehr Zufriedenheit in der Beziehung einzusetzen und das Wir-Gefühl zu stärken. Wollen Sie dies auch, dann empfehle ich Ihnen als permanente Grundhaltung Ihrem Partner gegenüber: „Ich möchte dich an meiner Seite leuchten sehen!“ Machen wir uns diese Haltung zu eigen, dann ist unsere primäre Absicht, unserem Partner gut zu tun und ihn bei seiner persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Dies ist uns wichtiger als die Frage, was wir von ihm kriegen oder was uns unsere Beziehung bringt. Geht es uns in erster Linie darum, eine gelingende Beziehung zu erschaffen statt haben zu wollen, dann entsteht etwas Neues. Unser Partner merkt: „Der will wirklich mein Bestes!“ und fühlt sich geliebt. Und wenn das erst wechselseitig geschieht und beide spüren „mein Partner möchte, dass ich glücklich bin!“, entsteht wie von selbst das beflügelnde Gefühl in unserer Seele: „Wir tun einander gut! Wir sind ein starkes Team!“

Bereits erschienen: Teil 1 – Zufrieden mit mir – in Heft 04/15, Teil 2 – Zufrieden mit dir – in Heft 05/15. Siehe auch auf www.kgsberlin.de

Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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