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Ausgabe Juni 2015
Natürlich gesund leben. Von Wolf Schneider


Spirituelle Weltanschauungen können die Motivation verstärken, sich zu bewegen und auf Ernährung und Atmung zu achten.

Alle wollen Gesundheit, und zwar auf möglichst natürliche Weise. Genügt uns das? Oder braucht es dazu noch einen Spirit? Ein Leben in bester Gesundheit verbracht, das ansonsten aber sinn- und bedeutungslos ist, würde da etwas fehlen?

Ernährung, Bewegung, Atmung
Ehe ich mich an diese Sinnfrage heranwage, fang’ ich mal mit dem an, was ich für eine gute Grundlage eines gesunden Lebens halte, und das ist die Dreiheit Ernährung, Bewegung, Atmung. Sich gesund zu ernähren, sich ausreichend zu bewegen und als Achtsamkeitsübung immer mal wieder die Aufmerksamkeit auf das Ein- und Ausatmen zu richten, das müsste doch eigentlich ausreichen für ein gutes, gelingendes Leben.
Das Erstaunliche ist jedoch, dass kaum jemand das kann, obwohl so viele gute medizinische Gründe dafür sprechen. Wir hängen alle mehr oder weniger an den Ernährungsgewohnheiten unserer Kindheit. Und was die Bewegung anbelangt: Ohne den Anreiz eines Wettspiels, wie fast alle Sportarten es bieten – Tanzen könnte eine Ausnahme sein – bewegen wir uns zu wenig. Und der Atem: Zwischen morgendlichem Aufwachen und abendlichem Einschlafen registriert kaum einer von uns mehr als ein Zehntel der Atemzüge bewusst.

Wir sind Gewohnheitstiere
Erst wenn wir uns einer Religion oder einer spirituellen Praxis anschließen, bringen wir Gewohnheitstiere die Kraft zu einer Disziplin auf. Auf Schweinefleisch und Alkohol zu verzichten und fünfmal am Tag ein paar Körperübungen zu machen, das schaffen nur die Muslime unter uns, und auch von denen nur eine Minderheit. Vegetarisch zu leben fällt denen leichter, für die Tiere eine Seele haben und denen der Verzicht auf das Essen getöteter Tiere eine gute Voraussetzung für eine günstige Wiedergeburt zu sein scheint.
Einmal am Tag wenigsten zwanzig Minuten schweigend stillsitzen mit aufrechtem Oberkörper, das schaffen fast nur die Buddhisten unter uns, obwohl doch alle wissen, dass das auch Nichtbuddhisten gut tut.
Ist Rindfleisch zu essen schlimmer als Schweinefleisch zu essen? Das ist wohl auch für ausgefuchste Philosophen kaum zu begründen. Deshalb bringen nur Hindus oder Muslime die Kraft auf, eine solche Regel einzuhalten. Und nur die Anhänger einer bestimmen Yoga- oder Qigong-Richtung sind diszipliniert genug, die dort empfohlenen Übungen tatsächlich durchzuführen, obwohl sie doch für alle anderen Menschen ebenso hilfreich wären. Die Vorschriften eines spirituellen oder religiösen Weges helfen uns, etwas zu befolgen, was uns gesundheitlich gut tut – etwas, das wir als rationale Wesen eigentlich auch ohne den Überbau einer spirituellen Philosophie müssten einhalten können.
Medizinische Argumente und die Überzeugungskraft einer säkularen Philosophie allein reichen offenbar nicht aus, uns zu einer Lebenspraxis zu bewegen, die unserem Körper und unserer Seele gut tut. Es sei denn, es kommt der große Schock, die finale Diagnose: Wenn du nicht heute mit dem Rauchen aufhörst, bist du in drei Monaten tot. Auch ein Nahtod- oder Erleuchtungserlebnis kann die Wende herbeiführen, ein chronisches Leiden oder ein allmählich sich verschlechternder Gesundheitszustand schaffen das nicht.

Ideologie als Krücke?
Die spirituelle oder religiöse Weltanschauung ist also die Krücke, die uns zu einer Wende im Lebensstil hilft, die wir ohne sie nicht geschafft hätten. Ist das alles, was diese Weltanschauungen zu leisten imstande sind? Zugegeben, sie bieten uns auch Heimat. Man will nicht so sein wie alle anderen, jeder will seine eigene Heimat haben, spezifisch sein, einzigartig, unverkennbar. Aber sonst? Wozu sind alle diese so verschiedenen und eigentlich doch austauschbaren Weltanschauungen gut? Alles nur UNESCO-Weltkulturerbe? Die Biodiversität erhalten und die heilige Kuh der kulturellen Vielfalt, die hier offenbar so weit geht, siebeneinhalb Milliarden verschiedene spirituelle Kulturen gutzuheißen, für jeden Erdenbürger eine?
Ich mag Vielfalt, Monokulturen sind mir ein Gräuel. Und doch fällt es mir schwer zu glauben, dass wir die Vielfalt der individuellen spirituellen Weltanschauungen vielleicht nur haben, um uns voneinander zu unterscheiden und uns den Motivationskick zu geben, ein ethisch gutes und gesundes Leben zu führen. Können wir denn nicht ohne diese Krücken ein gutes Leben führen? Der Mythos der steinernen Gesetzestafeln, die von einem patriarchalen Gott dem Clanführer Moses übergeben worden sein sollen, hat uns und unsere Vorfahren ja auch nicht vom Töten abgehalten.

Der Walzer des spirituellen Weges
Zur Verbesserung meines Wohlbefindens flüchte ich mich in einen Dreischritt, eine Art Walzer des spirituellen Weges: Erst ernähren wir uns schlecht, bewegen uns (seit der Dienstleistungsgesellschaft, vor den Bildschirmen unserer PCs) zu wenig und vergessen unseren Atem. Das ist die erste Stufe der Entwicklung. Dann entdecken wir Yoga, die Botschaften der Engel, spüren Energien, die nicht messbar sind, glauben an die Veden, den Koran oder den christlichen Katechismus, heilen uns mit Bachblüten, Homöopathica, Quanten- und Energiemedizin und holen uns aus diesen Quellen den Kick für die überfällige Wende in unserem Leben hin zu Gesundheit und Güte. Bis uns das zu blöd wird. Weil das alles nicht wirklich rational nachvollziehbar ist und es nicht einleuchtet, warum ein Adept der Energiemedizin oder Empfänger von gechannelten Botschaften besser dran sein soll als ein Muslim, der immerhin fünf mal am Tag eine Art von Hatha-Yoga macht, was zudem die Hingabe an das Göttliche übt.
Dann, endlich können wir uns ohne Hangups gesund ernähren, bewegen uns ausreichend, weil es einfach gut tut – wie ein Tanz durchs Leben, nicht wie eine Pflicht oder ein Leistungssport – und beobachten das Ein- und Ausfließen unseres Atems, so oft unsere Aufmerksamkeit von selbst dort hingeht, und das tut sie nun oft. Eine spirituelle Weltanschaung? Religiöse Bindung? Brauche ich nun nicht mehr, denn gedankenlos fühle mich eigentlich wohler. Die Praxis des täglichen Lebens braucht doch schon genug an Gedanken und Planung. Energetische Schwingungen, karmische Plus- oder Minuspunkte, die Berechnung der Chancen in den Himmel oder die Hölle zu kommen, solch spiritueller Überbau ist nun verzichtbar.

Natürlich leben
Ist dieser dritte Schritt des spirituellen Walzers der natürliche Weg? Ach, ihr Naturfreaks … Es sind doch eher die unnatürlich lebenden Menschen, die in ihren Fantasien der Natur huldigen und ständig davon reden, das alles möglichst natürlich sein soll. Dabei weiß keiner genau, was das ist. Alles von Menschen Geschaffene kommt aus der Natur, weil wir Menschen von dort herkommen. Wo könnten wir da eine Grenze ziehen zwischen Natürlichem und Unnatürlichem? Wir mögen keine Plastiktüten, einverstanden. Aber »die Chemie« generell ablehnen, das ist Naturromantik. Auch die DNA ist Chemie. Du und ich, unsere heiligen Körper bestehen aus organischer Chemie. Je besser wir deren Funktionen verstehen, umso gesünder leben wir.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. schneider@connection.de, www.connection.de


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