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Ausgabe Mai 2015
Vegetotherapie. Der Suchscheinwerfer ins Unbewusste. Von Lieselotte Diem



Das Unbewusste nimmt den weit größeren Teil unseres Bewusstseins ein. Neurobiologen sprechen vom expliziten, der Erinnerung zugänglichem Gedächtnis. Das implizite oder perzeptuelle Gedächtnis bestimmt grundlegend unser Verhalten und Erleben und ist vom Bewusstsein nicht direkt abrufbar.
So kommt es, dass wir uns immer wieder in ähnlichen Lebenslagen befinden, die in ausweglose, enttäuschende Situationen führen. Unser Verstand sagt uns zwar, wir sollten in Zukunft andere Verhaltensweisen wählen, aber durch die Hintertür schleichen sich die in der Kindheit erlebten Seinszustände wieder in Gefühle und Lebensentscheidungen ein. Das gilt natürlich nicht nur für unangenehme Erlebnisse, sondern auch für positive, nur - die stören uns nicht.
Die Freiheit der Gestaltung unseres Lebens ist durch problematische Erfahrungen, die verdrängt wurden, sehr eingeschränkt. Wir leben sozusagen in den Möglichkeiten, wie wir damals die Welt als Kind erlebten mit allen Einschränkungen und Begrenzungen. Wir produzieren das Lebensgefühl von damals in unsere Wirklichkeit ohne bewusstes Dazutun.
Die Vegetotherapie ist eine Körperpsychotherapie, die das ganze Spektrum des Menschen erfasst. Das Gespräch ist ebenso eingebunden, wie körperliche Übungen, besser Actings genannt, die wie Suchscheinwerfer tief ins Unbewusste strahlen und in der Lage sind, sehr frühe Schichten der Kindheit zu reaktivieren.
Bei den Actings werden erstarrte Muskeln, Gewebe mobilisiert, die in der Kindheit zu chronischen Muskelverspannungen führten. Das Kind verspannt sich nie grundlos, sondern baut einen Schutzwall um sich auf, wenn Verletzungen unerträglich werden, z.B. durch eine flache und festgeklemmte Atmung. Muskuläre Anspannungen können die Bewegung von Blut und anderen Körperflüssigkeiten behindern, so dass die Zirkulation auf ein Minimum beschränkt wird.
Durch das emotionale Wiedererleben, durch das Aufarbeiten in liebevoller Begleitung, setzt sich der Heilungsprozess in Gang. Durch das Nachgeben ganzer Muskelgruppen erfährt der Organismus bis in die einzelne Zelle ein Strömungsempfinden, was wir nach einiger Zeit der regelmäßigen Therapiearbeit als wohltuend, entspannend und belebend empfinden.
Im Prozess der Auflösung von Blockaden begegnen wir häufig dem ohnmächtigen Gefühl der Abhängigkeit. Als Kind waren wir komplett abhängig, - jahrelang. In den wenigsten Fällen wurde diese Abhängigkeit als positiv empfunden: Da haben wir in die Leere geschrien, da wurden Wutausbrüche bestraft mit Liebesentzug oder mit Härte eingeschränkt. Um in dieser Abhängigkeit leben zu können, passten wir uns an die Forderungen der Erwachsenen an, unterdrückten Weinen, Wut und Verzweiflung. Auf Kosten unserer Vitalität wurden wir umgänglich, lieb oder verharrten im stetigen Trotz.
Werden solche Verletzung dem Bewusstsein nicht wieder zugänglich, nachempfunden, bearbeitet, so beeinflussen sie stetig unsere Liebesbeziehung, unsere Arbeitsfähigkeit, unser Leben an sich. Wir sehen Paare, die bei Nähe zum Partner, zur Partnerin immer wieder Distanz aufbauen müssen, sich nicht hingeben können oder die das Gegenteil der absoluten Verschmelzung leben und das natürliche Autonomiestreben vergraben haben. Die unbewusste Furcht verlassen zu werden, hält viele Menschen davon ab sich langfristig zu binden. Ganz nach dem Motto: Was man nicht hat, kann man nicht verlieren.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass nach der Vegetotherapie die Klienten zu einem Punkt in ihrem Leben kommen sich neu zu kreieren, ihr Leben neu zu starten. Das bedeutet, andere Strategien zu entwickeln als solche, die früher aus Not instinktiv einsetzten, um zu überleben. Durch das jetzt bewusste Erleben von den konfliktgeladenen damaligen Erlebnissen, erkennen wir den Zustand jetzt als vergangen. Wir sehen nun klarer, wie oft wir die gleiche schwierige Lebenslage von früher in unsere jetzige Realität trugen.
Durch das Strömungsempfinden intensiviert sich die Sexualität. Die Sehnsucht nach einer glücklichen Beziehung, bei der wir Liebe und eine ausgewogene Sexualität leben können, ist kein Phantom mehr. Wenn erst mal festgefahrene Vorurteile schmelzen, entwickeln wir eine Genussfähigkeit, die unsere Gesundheit fördert und uns leichter durchs Leben gehen lässt.
Am Ende der Therapie entscheiden wir, wo wir uns schützen und öffnen möchten.
Wir haben die Wahl.


Die Autorin Lieselotte Diem ist Körperpsychotherapeutin, Charakteranalytische Vegetotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis.
Weitere Infos unter www.vegetotherapie-berlin.de


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