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Ausgabe Mai 2015
Schematherapie. Eine moderne und anerkannte Psychotherapie. Von Christoph Mahr


Die Schematherapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes Therapieverfahren und ein Wegweiser moderner Psychotherapie. Sie wurde in den 1980er und 1990er-Jahren von dem US-Amerikaner Jeffrey Young konzipiert und versteht sich als Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie. Die Schematherapie verbindet Elemente verschiedener Therapieschulen zu einem eigenständigen und neuen Konzept. In Deutschland wurde die Schematherapie zwischen 2002–2006 in Berlin, im Krankenhaus Havelhöhe klinisch erprobt und wird bei spezifischen Krankheitsbildern seit 2007 von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Nach Meinung vieler deutscher Hochschulprofessoren ist sie das gegenwärtig erfolgversprechendste Therapiemodell bei der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen.
Neben der Behandlung von psychischen Störungen, psychosomatischen Erkrankungen und der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen verfolgt die Psychotherapie auch andere Ziele. Sie bietet Interessierten, die nicht vorrangig von Leidensdruck geplagt sind, einen professionellen Rahmen, um mehr über sich selbst zu erfahren und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Selbstverwirklichung, Wachstum, Reifung, Bewusstheit, Weiterentwicklung oder die Seele retten, sind Schlagworte, unter deren Überschrift es oftmals darum geht, die Muster, welche von Generation zu Generation weitergereicht wurden, zu durchbrechen. Um bei unseren Persönlichkeitsentwicklungen gute, vielleicht sogar überragende Ergebnisse hervorzubringen, liegt es als logische Konsequenz auf der Hand, dass gerade hier die Schematherapie eine entscheidende Position einnimmt und für einige Menschen die Methode der Wahl ist. Durch die Etablierung der Schematherapie wurde in der Verhaltenstherapie – die schon immer die Wissenschaft sehr ernst nahm und mit empirisch geprüften Methoden arbeitete – die sogenannte emotionale Wende eingeläutet. Orientiert an Erkenntnissen der Psychotherapie-, Hirn und Emotionsforschung entstand ein Therapie-Konzept, das sich auch als Arbeit mit dem inneren Kind auf wissenschaftlicher Basis betiteln ließe.

Klärungsorientierung versus Problembewältigung
Die Welten von klärungsorientierten und bewältigungsorientierten Therapien waren in der traditionellen Psychotherapie voneinander getrennt. Die Hauptvertreter der Psychotherapie - Psychoanalyse und Verhaltenstherapie - hatten unterschiedliche Zugänge bei der Behandlung von Menschen mit Problemen und psychischen Störungen. Während die psychodynamischen Therapiekonzepte den klärungsorientierten Aspekt sehr differenziert ausgearbeitet haben, wurde der Kompetenz-, Fähigkeits-, Problembewältigungsaspekt völlig vernachlässigt. Bei den Konzepten der Verhaltenstherapie war dies genau umgekehrt. Es gibt jedoch keinen hinreichenden Grund eine Entweder-Oder-Haltung zu beziehen und das Eine zugunsten des Anderen zu opfern, denn beide Aspekte stehen in einem Ergänzungsverhältnis zueinander. Aus Sicht moderner Psychotherapie ist eine solche Position Ausdruck eines längst überholten, eines nicht mehr zeitgemäßen reduktionistischen Menschenbildes. Denn ganz praktisch würde dies bedeuten, dass ein Mensch, der nach Klärung und Problembewältigung strebt, zu zwei verschiedenen Therapeuten gehen müsste. Eine völlig absurde Vorstellung!
Die Schematherapie hat einer Sowohl-als-auch-Einstellung Platz gemacht und somit die Gräben zwischen den Hauptvertretern der Psychotherapie überwunden. Sie bedient sich eines psychodynamischen Erklärungs-/Störungsmodells und arbeitet schwerpunktmäßig mit Methoden der Gestalt- und Hypnotherapie.

Die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen
Das Modell der Schematherapie bildet ab, was die meisten Menschen erleben. Die lebensgeschichtliche Entstehung steht hierbei im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es wird davon ausgegangen, dass Kinder bestimmte psychische Grundbedürfnisse haben – nach Bindung, nach Kontrolle und Orientierung, nach Selbstwerterhöhung und nach Lust bzw. Unlustvermeidung. Es handelt sich hierbei um die Bedürfnisse, die bei allen Menschen vorhanden sind und für deren Erfüllung in der Kindheit in erster Linie die Eltern beziehungsweise die erziehungsberechtigten Personen Verantwortung tragen.
Werden diese Grundbedürfnisse nicht ausreichend befriedigt, geraten Kinder in einen unangenehmen emotionalen Anspannungs- bzw. Stresszustand. Geschieht dies öfter und lange anhaltend, werden diese Erlebnisse in die Nervenstruktur eingebrannt. Die entstandene neuronale Erregungsbereitschaft nennt man ein Schema. Schemata entstehen also, wenn es durch wiederholte Verletzungen bestimmter kindlicher Grundbedürfnisse zu intensiven und entsprechend wiederholten negativen emotionalen Erlebnissen kommt. Um die innere Anspannung zu reduzieren und die unangenehmen Emotionen nicht fühlen zu müssen, entwickeln Kinder unbewusst verschiedene Bewältigungsreaktionen.

Die unerwünschten Überbleibsel unserer Kindheit
Alle Menschen haben, selbst bei den vermeintlich idealsten biographischen Rahmenbedingungen, zumindest situative Kindheitserfahrungen gemacht, in denen das eine oder andere Grundbedürfnis nicht ausreichend befriedigt wurde. Das sind zuweilen nur Kleinigkeiten, Bemerkungen der Eltern, erzieherische Maßnahmen und sonstige Anstöße, die sich jedoch summieren, auftürmen und dann in ganz individuellen Ausmaßen auf uns lasten.
Unsere Eltern und andere wichtige Personen unserer Kindheit sind bzw. waren auch nur Menschen und so ist es unumgänglich, dass ein jeder von uns den einen oder anderen Kuss bekam, der uns hier oder da zum Frosch werden ließ. Den einen trifft es mehr, den anderen trifft es weniger, der eine kann sich gut mit seinen Persönlichkeitsakzentuierungen arrangieren, der andere erlebt seine Reaktionen und Verhaltensweisen mit der eigenen Persönlichkeit unvereinbar und einer befriedigenden Bewältigung des Lebens entgegenstehend.
Wenn es im späteren Leben zu einer Aktivierung unserer neurotischen Muster (Schemata) kommt, dann ist der grundsätzliche Mechanismus bei allen Menschen der gleiche. Durch die Aktivität einer Drittperson (mit Vorzug der Partner/die Partnerin), wie beispielsweise eine Gestik, Bewertung, Bemerkung, Vorwurf, Handlungsinitiative etc., kommt es zu blitzartigen Assoziationen, die uns mit verdrängten, traumatisch erlebten Kindheitserfahrungen in Kontakt bringen. In der spezifischen Kindheitssituation reagierten wir einst mit Angst, Trauer, Ärger oder Wut und fanden dann unsere Wege, diese Situation zu bewältigen. Dieses Reaktionspotenzial hat überdauert und wir reagieren als Erwachsene mit Emotionen, die der Situation nicht angemessen sind und mit Bewältigungsstrategien, die zwar einst sinnvoll waren, jedoch in der gegenwärtigen Situation nicht mehr angemessen sind – der anzunehmenden Reife eines Erwachsenen nicht entsprechen.
Wenn bei einem Erwachsenen das verletzte innere Kind die Führung übernimmt, dann ist die Ausrichtung des Denkens und Handelns charakteristischerweise sehr einseitig. Das problemassoziierte Erleben reagiert rigide mit mangelnder Flexibilität auf die Umstände und Ereignisse des Lebens. Da Menschen sich gerne mit Gewohntem arrangieren und fortfahren mit dem, was früher wenigstens einigermaßen funktioniert hat, entwickeln sie sich – zumindest in diesem Bereich – nicht weiter. Young spricht in diesem Zusammenhang von einer Lebensfalle, in der man festsitzt.

Das Ziel der Schematherapie
Die Schematherapie hat zum Ziel, Menschen dabei zu unterstützen diese Fallen zu durchschauen, um nicht immer wieder ohne bewusstes Verständnis und Kontrolle in dieselben, nicht mehr erwünschten Muster zu verfallen. Auch wenn unsere neurotischen Muster, unsere neuronalen Erregungsbereitschaften nie gänzlich verschwinden werden, so lässt sich jedoch mit Hilfe verschiedener Methoden das explosive Material reduzieren. Die verringerte Sprengkraft verbessert definitiv die Möglichkeiten, um mit Achtsamkeit erfolgreich die Eigendynamik des unerwünschten Verhaltens zu unterbrechen und somit die Freiheitsgrade zu erhöhen. Dies sollte ein Ziel aller Verfahren sein, die, wie die Schematherapie, an der Willensfreiheit des Menschen ansetzen.
Vieles, was uns heute an unserem eigenen Erleben und Verhalten dunkel und unverständlich erscheint, bekommt wieder Sinn, wenn wir die Umstände verstehen, unter denen es entstanden ist, wenn wir die Notlage verstehen, in der wir als Kind waren, wenn wir ein Bewusstsein davon erlangen, wovor wir uns schützen mussten. Und wenn wir verstehen, was wir damals wirklich gebraucht hätten, dann haben wir den Schlüssel dafür, wie wir heute einige unserer Schwierigkeiten meistern können. Als Kinder waren wir der Situation schutzlos ausgeliefert, heute sind wir in der Lage, uns selbst beizustehen, aber nur, wenn wir verstehen, was mit uns passiert, in welchen Mustern wir gefangen sind und welche Haltung uns selbst gegenüber förderlich ist.

Der Autor Christoph Mahr ist Gründer und Leiter des Instituts Christoph Mahr und Initiator und Entwickler des Ausbildungskonzepts Integrative Psychotherapie. Langjähriger Trainer für NLP und Erickson‘sche Hypnotherapie und Dozent für den Fachbereich Psychiatrie und Psychotherapie. Weiterhin ausgebildet in Schematherapie, Transaktionsanalyse und EMDR.


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