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Ausgabe Mai 2015
Zufrieden mit dir. Wie sinnerfüllende Beziehungen möglich werden – Teil 2. Von Jochen Meyer


Mit der eigenen Partnerin, dem eigenen Partner zufrieden zu sein, das ist eine besonders hohe Form von Beziehungskompetenz. Mit dem eigenen Partner zufrieden zu sein bedeutet ja, dass wir uns wirklich zu ihm bekennen und auf andere, eventuell sogar „bessere“ Partner verzichten. Es verlangt, dass wir mit unserem Partner ins Reine kommen und unseren Frieden mit ihm machen. Und das geht nur, wenn wir ihn so sein lassen, wie er ist.

Den Geist des Einverstandenseins in unsere Beziehungen tragen
Sind wir mit unserem Partner unzufrieden, fällt dies letztlich auf uns selbst zurück. Behandelt uns unser Partner beispielsweise unfair, so sind wir aufgefordert, uns entsprechend abzugrenzen und für unsere Zufriedenheit zu sorgen. Wir können niemandem vorschreiben, wie er uns behandeln soll; auch unseren Partner können wir höchstens darum bitten oder durch Vorleben des erwünschten Verhaltens dazu einladen. Reiben wir uns an bestimmten Seiten des anderen, haben ebenfalls wir das Problem und nicht der Partner. Mich zum Beispiel nervt es, wenn meine Freundin das schmutzige Geschirr im Spülbecken deponiert und ich es erst beseite räumen muss, bevor ich abwaschen kann. Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, in denen ich so etwas als bösartigen Angriff auf meine Person betrachtet und deswegen einen Grundsatzstreit vom Zaun gebrochen hätte. Heute registriere ich mein Unzufriedensein, realisiere aber auch, dass meine Freundin eigene Gewohnheiten hat und anders mit manchen Dingen umgeht als ich. Sie damit zu akzeptieren, ist dann meine Übung. Ich freue mich, wenn ich in solchen Momenten meine Fähigkeit zu innerer Größe wie einen Muskel trainieren kann und es mir gelingt, meinen Impuls, Kritik an ihr zu üben, in Schach zu halten.
So lächerlich die auslösenden Momente für solche Paarkonflikte häufig sind: In der Tiefe ringen wir dabei oft um Identität und Autonomie. Indem ich dir vorführe, dass ich den Abwasch besser organisieren kann als du, beweise ich mir, dass ich anders bin. Erst wenn ich wirklich in mir gefestigt und zufrieden mit mir bin (siehe meinen Beitrag in KGS Berlin 04/15), kann ich dich so sein lassen, wie du bist. Dann lasse ich dich so abwaschen, wie du es am liebsten tust und muss mich nicht über dich stellen, um mich selbst zu behaupten. Erst wenn ich in Beziehung wirklich autonom sein kann und nichts von dir brauche, kann ich dich als eigenständige Partnerin anerkennen, die die Dinge auf ihre Weise anpackt.

Nur du kannst dich glücklich machen
Ich habe einige Beziehungsrunden gebraucht, bis ich realisiert habe, dass nur ich selbst mich glücklich machen kann und dass es auch nicht mein Job als Mann ist, meine Partnerinnen zufriedenzustellen. Tatsächlich tun wir aber immer wieder so, als ob allein unser Partner dafür zuständig wäre, für unser Lebens- und Liebesglück zu sorgen und all unsere Probleme zu beseitigen. Meist projizieren wir dann unbewusste Wünsche nach Bemutterung oder Bevaterung auf den Partner: Lieb‘ mich so, wie ICH es brauche! Frauen machen ihre Männer nieder und meinen doch eigentlich ihre Väter. Männer kämpfen gegen ihre Frauen an und wenden sich eigentlich gegen ihre Mütter. Wollen wir fähig werden, mit unseren Partnern in Frieden zu leben und mit unseren Beziehungen zufrieden zu sein, müssen wir über diese unheilvollen Beziehungsspiele hinauswachsen.
In einer erwachsenen Beziehungsrealität kommen wir an, indem wir lernen, dass wir selbst für unser Glück und unsere Zufriedenheit zuständig sind und nicht unser Partner. Indem wir die alten Verletzungen aus früheren Beziehungen loslassen und uns nicht länger dafür anklagen. Indem wir das Innere Kind in uns nähren und uns über das freuen, was uns unser Partner an Liebe gibt – aus freien Stücken, von sich aus – und nicht, weil wir es eingefordert haben. Indem wir uns Schritt für Schritt einverstanden erklären mit dem, was wir füreinander sein und was wir einander geben können. Vor allem aber: Indem wir uns von inneren Bildern lösen, wie Frauen oder Männer zu sein haben, und uns stattdessen um einen realen, lebendigen und frischen Kontakt mit unserem Gegenüber kümmern. Wir warten dann nicht länger auf einen Partner, der von irgendwoher in unser Leben kommt und uns glücklich macht; wir entscheiden uns, mit dem jetzigen Partner glücklich zu sein. Wir entscheiden uns dafür, diesen Menschen zu lieben und ihm gut zu tun. Wenn ich mich dafür entscheide, dass ich meine Freundin liebe, obwohl sie anders Geschirr spült als ich, dann fühle ich mich frei und spüre, dass ich nicht auf ihre Liebe angewiesen bin, um sie lieben zu können. Ich liebe sie aus mir selbst heraus, ich entscheide mich einfach dafür – das tut mir gut und ihr natürlich auch.

Einander gerecht werden
Bin ich mit etwas an meiner Freundin unzufrieden, dann hilft es mir, wenn ich mir klarmache, dass ich unzufrieden bin und nicht sie. Die Unzufriedenheit ist in mir und nicht in ihr! Also muss ich mich ändern und nicht sie sich! Betrachte ich unsere Beziehungskonflikte von hier aus, wird es spannend: In der Regel entdecke ich, dass ich es bin, der die Beziehung durch starre Ansichten belastet. In solchen Momenten mache ich mir klar, dass ich erst dann liebesfähig werde, wenn ich meine Partnerin auch mit den Seiten annehme, mit denen ich nicht so leicht einverstanden bin. Es hilft mir, wenn ich mir immer wieder klar mache, dass ich keinen Anspruch auf eine Partnerin habe, die mich zufriedenstellt und dass es viel spannender ist, wenn meine Freundin mich immer wieder mal herausfordert. Wenn ich mir von dir, meiner Freundin, wünsche, dass ich in unserer Liebesbeziehung so sein darf, wie ich bin, dann möchte ich dir das umgekehrt ebenfalls zugestehen. So heißt die Übung für mich: Ich lasse dich so sein, wie du bist, befriede mein Unzufriedensein, halte die Spannung aus und lasse meine Erwartungen los... Bin ich dann immer noch nicht ganz zufrieden, hilft mir auf jeden Fall die Frage: „Werde ich dir gerecht?“ Denn eins ist klar: Solange ich dir meine Maßstäbe überstülpe und dich danach beurteile, werde ich dir sicher nicht gerecht. Erst wenn ich mich wirklich auf dich einlasse, dich wirklich zu verstehen versuche und dich so sein lasse, wie du bist, kann ich dir gerecht werden. Und jedes Mal, wenn mir dies gelingt, merke ich, dass unsere Verbindung stärker wird. Denn wenn mein Blick auf meine Freundin weicher wird, wird ihr Blick auf mich es auch.


Werde ich meinem Partner gerecht?
Fragen zur Stärkung der Beziehungskompetenz

Sehe ich wirklich alles, was mir an dir, meiner Partnerin oder meinem Partner, gefällt? Sehe ich, womit du mich täglich aufs Neue beschenkst? Sehe ich den liebevollen Kern in dir, dein wirkliches Wesen? Würdige ich all dies angemessen?

Oder fokussiere ich mich auf das, was mir an dir nicht gefällt? Wenn ja, welchen Stellenwert gebe ich dem?

Teile ich dich unbewusst in Aspekte, die mir gefallen, und solche, an denen ich mich stoße? Was mache ich dann mit dir? Werde ich dir so gerecht?

Was braucht es von mir, damit ich dich umfassender lieben kann? Wie kann ich zulassen, dass ich auch die Seiten an dir akzeptiere, dir mir Schwierigkeiten bereiten? Was kann ich dafür tun, damit ich tatsächlich ganz „Ja“ zu dir sagen kann? Wovon muss ich mich verabschieden, damit ich mich dafür entscheiden kann, mit dir glücklich und zufrieden zu sein?


In der Ausgabe 6-2015 folgt Teil 3 – Zufrieden im Wir.
in der Ausgabe 4-2015 ist bereits erschienen: Teil 1 – Zufrieden mit mir.

Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.
Weitere Informationen unter 030-7790 6127 und www.jochen-meyer-coaching.de


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