aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Mai 2015
Mein Körper, mein Freund. Von Navanita Harris


Eine Freundschaft mit dem Körper einzugehen ist eine lebenslange spirituelle Erkundung und ein direkter Weg sich gut zu fühlen. Wenn du deine Bindegewebe dehnst, scheiden sie „Gutfühl“-Hormone aus. Ich glaube, dass das Leben diesen Mechanismus heimlich bei uns eingebaut hat um uns in Bewegung zu halten.
Den folgenden Text kann man lesend zur Kenntnis nehmen und dabei auch auf die eigenen gegenwärtigen Körperempfindungen achten - zwischendurch sich hin und wieder mal schütteln oder strecken, atmen, anlehnen, auf dem Fußboden herum rollen oder eine Pause einlegen…

Körperbewusstsein
Gleich einem Flugzeug, das aus den Wolken sinkt und vorsichtig auf der Erde landet, lasse ich mich in meinen Körper hineinfallen. Während ich ihn erspüre, erwacht eine Wahrnehmung, die forschen möchte – innen wie außen. Klare Grenzen gestatten mir, mich zu orientieren, wo ich selbst bin und wo die Außenwelt anfängt. Ich streichle und betaste meine Außengrenze. Ich liege auf dem Boden und durch den Kontakt zur Erde nehme ich Kontakt mit mir selber auf. Somit „gewogen“, fühle ich mich zugehörig: Ich bin ein Erdling, ich bin Erde. Jegliche Bewegung ist nur möglich im Bunde mit der Schwerkraft: Die Erde trägt mich und unterstützt jede Bewegung. Frei und spontan bewegt sich mein Körper und erleichtert erinnere ich mich, dass wir ja Freunde sind. Mag er sich also bewegen, wie er will – mir macht es Spaß seine vielfältigen Bewegungen zu beobachten – so natürlich und ständig wechselnd: ein bewusster Tanz. Ich bereite mich vor, stimme meinen physischen Körper wie ein Musikinstrument … nehme mir Zeit, mich in ihm zurechtzufinden, ihn zu spüren und bewusst die innere Tänzerin einzuladen zu tanzen.
Mein Verstand strahlt wie ein Leuchtturm. Sein Licht scheint auf jeden beliebigen Körperteil, dem ich meine Aufmerksamkeit widme. Zunächst nur in der Vorstellung oder Visualisierung und in seiner eigenen Zeit entfaltet es sich - es geschieht eine Somatisation, welche eine direkte Wahrnehmung vom Körper ist.
Ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Oberfläche meiner Haut. Abbildungen aus Anatomiebüchern helfen meinem Verstand sich zu orientieren. So wandere ich herum und berühre das Gelände der Haut, das auflebt – glänzende, atmende, durchsichtige Haut. Der Raum berührt mich, während ich mich in den Fußboden hineinlehne, in die Wände, die verschiedenen Oberflächen im Raum, ich nehme wahr, wie sich die Haut bei diesen Kontakten selbst erfährt. Ich spüre meine Form, ihre atmende Oberfläche begegnet dem Umfeld und mein äußeres Erscheinungsbild wird mir klarer. Somit meiner Grenzen versichert, wendet sich meine Wahrnehmung nun dem zu, was sich innerhalb meiner Haut, meinem „Behälter“ befindet.
Unter „Soma“ verstehe ich die Wahrnehmung des Körpers von innen, aus der subjektiven Wahrnehmung heraus, durch den Körper. Emotionen, Energiereize und ein von uns Menschen entwickeltes esoterisches Verständnis, all das kann uns schnell aus dem Körper heraustragen. Wir reiten auf hohen Empfindungswellen, von denen wir glauben, dass wir sie fühlen sollten, und verpassen dabei, sorgfältig und aufmerksam auf die Stimmen unseres eigenen Körpers zu lauschen. Dies sind die Gefühle, die aus dem Gewebe aufsteigen, die Erinnerungen, die in unseren Zellen gespeichert sind. Wir tauchen ein und unter die Haut, in die Ebenen unseres Seins.
Von diesem Platz aus, unterhalb unserer kognitiven Funktionen, entwickeln wir eine Wahrnehmung „von unten nach oben“ statt einen vom Kopf ausgehenden nach unten gerichteten Blick. Von „oben nach unten“ zu blicken heißt, dass der Kopf in den Körper eintaucht und ihn deutet, ihn sozusagen mit dem Verstand unter die Lupe nimmt. Mit dem Blick von „unten nach oben“ kann ich hingegen – dank der nicht-kognitiven Körpersprache – meinen Körper unmittelbar erleben: all meine Empfindungen, Gefühle, die vorbeiziehenden Bilder, die zum Verstand kommen, statt dass der Verstand ihnen seine Geschichten überstülpt.
Das ist ein passives Zeuge-Sein. Die Anatomie wird lebendig. Mit einem vorgestellten Bild meines Körpers in meinem Kopf fange ich an zu bewegen, atmen, tanzen und dehnen und das Bild, von dem ich dachte, es sei ich, verschwindet. Eine multidimensionale Präsenz fließt in mein Körperbewusstsein: Es ist nichts flach, ich entdecke sich entfaltende Räume, Gestalten, Formen innerhalb von Formen. Ich spiele mit dem Sitz meines Atems, betaste die klare Struktur meiner Rippenknochen, deren elastischen Zwischenräume, die Zwischenrippenmuskeln, die sich wie eine Ziehharmonika bewegen, und tanze zu ihrer Musik. Gemeinsam bilden sie eine zusammenhängende Gestalt und ich merke, dass ich mich um 360 Grad drehen kann. Sie erwacht zu einem lebendigen Selbstausdruck. Der Brustkorb umarmt die Lungen, während die Lungen das Herz umarmen. Entzückt kommt mir das Bild, ja kann ich physisch spüren, wie sie ausgelassen auf dem Trampolin des Zwerchfells spielen und springen. Als ich Zeuge werde, wie sich Magen und Leber umarmen und das Zwerchfell von unten abstützen, wird mir klar, wie gut „organ“-isiert die Organe sind.
Die Tänzer der machtvollen Lebensquelle, das Herz und die Lungen, werden vom Brustkorb geschützt. Sich das bewusst gemacht zu haben, hat ihre Intelligenz und Lebensgeister gestärkt. Mein ganzes System entspannt sich. Ich fühle mich beruhigt und stelle fest, wie geborgen es sich fühlt. Ich lächle aus tiefster Seele. Herz, Lungen und Brustkorb lächeln. Dies strahlt aus: Mein Blut trägt die frohe Botschaft durch den ganzen Körper, und jetzt, in diesem Gefühl der Geborgenheit, tanzt das Blut und verteilen die roten Blutkörperchen den Saft der Liebe bis in jede Körperzelle hinein. Das belebt sie.
Während ich mit dem Tanz des Atems in den Körper eintrete, bemerke ich, wie ein Gefühl von Geräumigkeit und Leichtigkeit meinen ganzen Körper aufrichtet. Es war immer schon da. Sobald ich hin spüre, dass Raum und Licht und Ganzheit seit der Empfängnis und in jedem Moment des Jetzt da sind, desto mehr bin ich von innen her aufgerichtet und gestärkt, bewusst und erfrischt. Dieser Tanz des Atems bewegt den Körper. Der sich bewegende Raum zwischen der Vorder- und Hinterseite des Körpers dehnt und weitet sich mit der Aufmerksamkeit aus. Ich werde Zeuge von einem verkörperten Raumgefühl und erlebe fühlbare Meditation.
„Ungeachtet der offensichtlichen Stille spricht alles.“ Hazrat Inayat Khan
Je tiefer ich mich in den Körper bewege, desto tiefer bewege ich mich in die Stille. Als Antwort auf den Sog und der Unterstützung der Schwerkraft, kitzeln und küssen meine Füße die Erde. Diese geerdete Aufmerksamkeit inspiriert einen Erdentanz. Der Körper nimmt eine köstliche Gewicht-heit an, während der magnetische Sog der Erde ihn nährt. Mir ist bewusst, dass mein Körper von der Erde und dem inneren aufbauenden Raum gehalten wird. Die Empfindung, von meinem eigenen Körper gehalten zu sein, strömt durch meine Zellen. Diese neue verkörperte Wahrnehmung des gehalten Werdens und des sicher Fühlens beeinflusst die Art, wie ich mich bewege. Sie wird stabil, leicht, einfach und ausgerichtet.
Das Image, das wir uns von uns selber und unserm Körper machen, wirkt sich auf die Art und Weise aus, wie wir uns im Leben bewegen.
Dieses Image ist oft unbewusst. Es ist das Ergebnis von den Erfahrungen von Empfängnis an und wurde beeinflusst von äußeren Einflüssen und der Gesellschaft, in der wir aufwuchsen. Unsere Bewegungsmuster formieren eine Schablone, die unsere Wahrnehmung beeinflusst: von uns selbst, von unserer Umgebung und unseren Beziehungen. Das Gute daran ist, dass man diese Muster verändern kann, falls sie gestört sein sollten. In diesem Moment präsent sein und die Körperwahrnehmungen erfahren, stellt die Verbindung zu dem spürbaren Sinn (felt sense) und den natürlichen Kraftquellen unseres Körpers wieder her. Dabei geht es nicht darum, irgendetwas richtig zu machen oder einem neuen dogmatischen Konzept zu folgen. Um uns seiner Sprache zu erinnern, müssen wir neu erlernen und neugierig sein, was der Körper braucht. Ein freundlicher Start für unsere Erkundungsreise ist, offen zu sein und es nicht schon wissen zu müssen.
Beim Kennenlernen und Anfreunden mit dem Körper geht es vor allem darum, ihn auf sich zu kommen zu lassen. So als würdest du anklopfen und auf deine liebevoll Art fragen: „Darf ich reinkommen? Ich möchte dich kennenlernen und dein Freund werden.“ Wenn wir zum ersten Mal den inneren Körper besuchen, mag er uns zunächst dunkel vorkommen oder ausweichend wirken. Wie ein Kind, das nicht die Beachtung bekommen hat, die es braucht, schüttelt er erst trotzig den Kopf und erwidert: „Du hast mich nie zuvor bemerkt! Warum jetzt? Und was wird passieren, wenn ich aufmache – gehst du dann wieder weg?“ Da magst du dem Körper geduldig erwidern: „Ich merke, dass ich dich noch nicht hören kann, deine Sprache nicht verstehe und dich nicht sehe.“ Oder sag ihm einfach, was für dich momentan stimmt und dann: „Ich mag dich kennenlernen, mir ist aufrichtig daran gelegen! Morgen werde ich wieder kommen, um dich zu treffen.“ Suche jeden Tag Kontakt mit ihm um zu der non-kognitiven Sprache des Körpers zurück zu kommen, einer Sprache der Unschuld/Kindlichkeit (innocence).
Ich habe entdeckt, dass Verspieltheit, Mitgefühl und Geduld nützliche Wege sind, um sich mit dem Körper anzufreunden.
Sich der vergessenen Sprache des Körpers zu erinnern, ist verkörperte Meditation. Zuhören, Beobachten, und den Körper in der Bewegung und der Stille zu genießen, ist eine Praxis, um zur Präsenz zu finden. Einfach natürlich sein.

Der Original-Beitrag erschien in in der Osho Times 4/15 und wurde von der Autorin für die KGS Berlin neu bearbeitet.

Die Autorin Navanita Harris ist Somatic Movement Lehrerin und leitet Tanzmeditationen. Sie ist ausgebildet in Trauma-Arbeit und Embryologie und leitet Prozesse wie „Talking to the Bodymind – guided inner dialoguing“. Weitere Information auf www.navanita.net


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.