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Ausgabe Mai 2015
Vital sein und geordnet, geht das? Von Wolf Schneider

Über unsere Sehnsucht nach Vitalität, die Ausbeutung dieser Sehnsucht und die Frage, wie Ordnung und ekstatisches Leben zusammenpassen

Der Geist und das Leben, ach … nicht nur Philosophen wie Nietzsche und Wittgenstein haben damit gerungen, auch wir ringen damit. Der Geist will ordnen und verstehen, das Leben aber folgt seinen eigenen Regeln. In einem ständigen Prozess der kreativen Zerstörung wirft das wilde Leben alle Ordnungen über den Haufen und gebiert Neues, das uns überrascht, erstaunen lässt, erfreut, stört, verstört, vernichtet oder ekstatisch macht und manchmal unbegreiflich glücklich. Wir können die Ekstasen des wilden Lebens nicht willentlich herbeiführen, aber wenn sie kommen und wir uns vor ihrer Wildheit nicht ängstigen, lieben wir sie und können sie genießen. Dazu aber brauchen wir den Mut, uns dem Leben hinzugeben wie einer mächtigen, göttlichen Gewalt, und doch … wer will schon vergewaltigt werden. Nur mit meinem Einverständnis soll es sein, dass »dein Wille geschehe«. Und ich will doch nicht leiden, jedenfalls nicht auf Dauer.

Zweierlei Glück
Um das Leiden zu lindern, welches das Leben unvermeidlich mit sich bringt, versuche ich es zu verstehen, es geistig zu erfassen, mir einen Reim auf all das Widersprüchliche zu machen, versuche es zu ordnen. Diese Ordnung aber widerspricht dem wilden Leben, dem »Großen Glück«. Oder muss ich mich mit dem »kleinen Glück« begnügen? Ich bin doch kein Bürokrat – jedenfalls nicht nur. Auch wenn Bert Hellinger in seiner Fabel »Zweierlei Glück« vom kleinen und großen Glück sagt, dass wir nur eines davon bekommen könnten und uns entscheiden müssten. Den Fans des großen Glücks – ich bin einer davon – sage ich: Auch das Ordnenwollen, das zwar nicht zur Ekstase führt, aber zum »kleinen Glück«, einer Art Wohlbefinden, die man vielleicht auch als Glück bezeichnen kann, auch das ist Leben! Es ist natürlich, wir können es in uns willkommen heißen, wir können in von uns selbst geschaffenen Ordnungen leben, ohne diesen Ordnungen die Macht zu geben, das Lebendige einzusperren und unsere Vitalität zu dämpfen. Wenn wir sensibel genug dafür sind, ist das kleine Glück etwas Großes.

Wellness-Kommerz
Und weil in der heutigen Zeit des Wellness-Kommerzes auch die Anbieter von Massenwaren entdeckt haben, dass Vitalität attraktiv ist und Glück verheißt, mehr Glück als Erstarrung, wurde Vitalität zu einem auf den Märkten viel gebrauchten Wort. Man findet es auf den Verpackungen von Waren, die vor allem von Menschen gekauft werden, denen das Lebendige und Natürliche schmerzlich fehlt, und die deshalb darauf erpicht sind, es im Supermarkt einzukaufen. Kräutertees, Körperpflegeprodukte, Wasserfilter, Nahrungsergänzungsmittel und Bio-Waren aller Art, auch therapeutische Methoden verheißen Vitalität. Ein Vitalitäts-Schampoo oder vitaler Kräutertee kann dieses Versprechen aber nur erfüllen, wenn die Kundin (die meisten der Käufer solcher Produkte sind Frauen) fest genug daran glaubt, und auch dann nur unter günstigen Umständen, denn es bleibt dabei ja eine gewisse Abhängigkeit der Vitalitätsdurstigen von der begehrten Ware. Die Kundin bleibt bedürftig und wird deshalb weiterhin das Vitalität verheißende Produkt begehren. So wird die Wirtschaft belebt, nicht die Kundin. Je bedürftiger die Kundin bleibt, umso vitaler ist die Wirkung auf die Wirtschaft. Der Kunde muss hungrig bleiben, bei Erfüllung sinken die Umsätze.

Der Körper als Verräter
Wir lieben das Lebendige: die Natur im Frühling, im Freien spielende Kinder, das noch Unschuldige, Unverstellte, vom Benimm-dich der Zivilisation noch nicht Verdorbene – aber es widerspricht der Logik. Jedenfalls einer platten, dualistischen Logik widerspricht es. Im Bemühen um logische Konsistenz sind wir als Lebende, Lebendige, Atmende zum Scheitern verurteilt oder, anders gesagt, besser: zur Transzendenz. Denn logisch zu sein, widerspruchsfrei und zugleich lebendig, das geht nicht.
Logisch konsistent sein, mitten im tobenden Leben, wie soll das in einem lebenden, liebenden und immer wieder auch verzweifelnden Körper möglich sein? Wer es dennoch versucht, verfestigt sich auch körperlich bis hin zur Erstarrung – und scheitert dann trotz dieser zunächst Sicherheit verheißenden Erstarrung. Schon ein in unpassender Situation entwischender Furz kann den Anspruch der Kontrolle über das Leben als vergeblich erweisen, deshalb lachen Kinder so gerne über Fürze. Der Körper erweist sich als verlässlich nur in Hinsicht auf die Kontinuität der von ihm immer wieder produzierten Störungen. (Die gröberen von ihnen nennen wir Krankheiten.) So zeigt sich der Körper als Kontrahent oder Verräter einer vom Verstand aufrechterhaltenen, widernatürlichen Ordnung.

Die Wissenschaft trennt
Für die Logiker unter uns sei hier der Sachverhalt jetzt noch mal ganz wissenschaftlich dargelegt. Jeder gut ausgebildete Wissenschaftler, wenn er klar denken kann, dann weiß er, dass der Objektbereich, den er untersucht, nicht mit dem Bereich, von dem aus er als Beobachter oder sein Messgerät die Daten aufnehmen, vermischt werden darf, sonst gibt es Interferenzen, Störungen, Widersprüche. Eine saubere wissenschaftliche Arbeit braucht die Trennung von Subjekt- und Objektbereich, andernfalls resultieren jene berühmten »logischen Antinomien«, mit denen sich Frege, Russell, Wittgenstein und viele andere beschäftigt haben. Hier ein Beispiel: Ein Berliner sagt, dass alle Berliner lügen. Wenn er damit recht hat, dann lügt also auch er und hat damit folglich unrecht. Aus der Annahme, dass seine Aussage wahr ist, folgt mit logischer Konsequenz, dass sie unwahr ist. Wenn ein Berliner dieselbe Aussage über die Leipziger macht, sind Subjekt- und Objektbereich getrennt, und es entsteht ein solcher Widerspruch nicht.

Ganz wie im richtigen Leben
In unserem menschlichen Leben aber ist beides miteinander vermischt: Wir leben und beobachten nicht nur die Welt der Objekte, sondern auch uns selbst. Unser Leben und das Bewusstsein, das wir von diesem Leben haben, interferieren miteinander und führen zu Widersprüchen. Mal sind wir bewusster, mal weniger bewusst. Die Kräfte unseres Unterbewussten stören uns bei dem, was wir wollen, oder sie unterstützen uns dabei. Und das alles geschieht, während wir atmen und unser Herz schlägt; während wir essen, verdauen und unseren Darm entleeren; während wir uns selbst und unsere Mitmenschen mögen und wertschätzen oder verachten und zum Teufel jagen. Ganz wie im richtigen Leben …
Wie geht man nun am besten damit um, dass man sich nicht widerspruchsfrei selbst beobachten kann? Einatmen und ausatmen und dabei entspannen. Tun, was sich richtig anfühlt, was mit dem Gewissen vereinbar ist, und dabei die Bewegung genießen, die Veränderung und Verwandlung. Das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen ist kein Hindernis für Zentriertheit und spirituelle Tiefe, im Gegenteil.
Wir wurden geboren und werden sterben. Was ist der Sinn von alledem? Der, den wir ihm geben. Ist das logisch? Nein, nicht im Sinn einer Ableitbarkeit von Prämissen. Der Sinn muss erst erschaffen werden, von jedem einzelnen auf seiner je eigenen Heldenreise. Was für eine absurde – dem konventionellen Denken als absurd erscheinende – Schöpfung, mitten ins wilde Leben hinein!


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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