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Ausgabe April 2015
Yoga. Patanjalis Yogasutra und die Bhagavadgita. Eine zeitlose Erkenntnis der Einheit. Von Christian Salvesen

Schon vor 3000 Jahren wurde in den Veden der Yoga als ein Weg der Vereinigung mit dem Göttlichen beschrieben. Christian Salvesen gibt eine kurze Einführung in die frühen Klassiker des Yoga.

Was heute weltweit vor allem als körperliche Praxis zur Förderung der Gesundheit bekannt ist, gilt in Indien seit über 3000 Jahren als eine geistig-spirituelle Disziplin zur Erkenntnis des wahren Selbst, in der Vedischen Philosophie Brahman genannt. Bereits in den Veden, den alten heiligen Schriften, ist von Yoga und von bestimmten Übungen die Rede. Mit den Upanishaden, den philosophischen Texten am Schluss der Veden, entwickelten sich ab dem 6. Jahrhundert in Indien sechs geistige Hauptströmungen. Yoga ist eine davon, Shamkya eine andere, gleichsam die theoretisch-philosophische Seite des mehr praktisch ausgerichteten Yoga.
Samkhya, begründet von Kapila, widmet sich der Frage, wie sich das Leben entwickelt hat. Was ist der ursprüngliche Impuls und wie entsteht diese ungeheure Vielfalt der Formen? In der Samkhya-Philosophie geschieht die Evolution in diesem Moment, und zwar nicht aus einer messbaren Quelle, sondern aus reinem Bewusstsein und Energie heraus. In Indien galt und gilt das reine Bewusstsein oder die immaterielle Energie stets als Quelle der Materie, nicht umgekehrt. Das hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass die Rishis das Vorbild waren (und sind), jene Weisen, die ihr Wissen aus der eigenen Erfahrung, aus tiefer Versenkung und Meditation schöpften (und schöpfen).
Bis heute gelten vor allem zwei Texte als die Klassiker des Yoga: Das Yogasutra von Patanjali und die Bhagavadgita, ein kleiner, in Versen verfasster Teil des Mahabharata Epos, der wohl um 300 vor Christus entstanden ist.

Patanjalis Yogasutra
„Jetzt Yoga - eine Einführung in die Erfahrung.
Im Zustand des Yoga sind alle Trübungen (Vritti), die im Wandelbaren des Menschen (Chitta) bestehen können, aufgelöst.
Dann ruht das wahre Selbst (Drashtu) in der Erkenntnis seiner eigenen Natur.“
(Übersetzung Dr. Ronald Steiner, Quelle. http://de.ashtangayoga.info)

Das sind die drei ersten von insgesamt 195 Sanskritversen, aus denen der berühmte Yoga-„Leitfaden“ (sutra) von Patanjali besteht. Indologen vermuten mittlerweile, dass der Text buddhistisch beeinflusst ist und erst im 4. Jahrhundert n. Chr. entstand, also gut 600 Jahre später als bisher angenommen. In jedem Fall sind die Gedanken klar und knapp auf das Wesentliche reduziert. Sie orientieren sich an der Philosophie des Samkhya und werden dem meditativen Raja-Yoga zugerechnet. Da der Yoga hier als achtgliedriger Weg dargestellt wird, bezeichnet man diese Form auch als Ashtanga Yoga (ashta anga = acht Glieder).

Die acht Aspekte sind:
Yama: Ethik, dazu gehören Ahimsa (Gewaltlosigkeit) und Satya (Wahrhaftigkeit)
Niyama: Selbstdisziplin, dazu zählen Sauca (Reinheit) und Samtosa (Zufriedenheit)
Asana: Körperliche Disziplin, Übungen der Yogastellungen
Pranayama: Mentale Disziplin, Beherrschung des Atems
Pratyahara: Disziplin der Sinne, Sich-nach-Innen-Ausrichten
Dharana: Konzentration
Dhyana: Meditation
Samadhi: Tiefe Versenkung, All-Einheit

Diese acht Aspekte folgen nicht als Schritte aufeinander, sondern gehören als eine Einheit zusammen. Der Text gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten Kapitel – Samadhi – geht es darum, wie die fünf „Trübungen“ des Geistes durch meditative Übungen beseitigt werden können, sodass das Bewusstsein rein und still ist. Das zweite Kapitel – Sadhana – fragt nach den Ursachen von Leid und gibt die ersten fünf Aspekte des Yoga als Schritte zur Überwindung des Leidens an. Das dritte Kapitel – Vibhuti – geht auf die letzten drei Aspekte des achtgliedrigen Yoga ein und hebt die besonderen geistigen Fähigkeiten (Siddhi) hervor, die durch Konzen-tration möglich werden. Im letzten Kapitel – Kaivalya – werden die bisherigen Themen noch einmal aufgegriffen und es kommt zu der abschließenden Feststellung, dass durch den Yoga das Bewusstsein zu sich selbst, zum Wesen oder Absoluten findet.
Das Yogasutra wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder von berühmten indischen Philosophen kommentiert, darunter auch von Shankara (788-820 n. Chr.) und ist bis heute zu recht sehr aktuell, denn gerade diese glasklare und nüchterne Darstellung, im Yoga alles ohne Schleier wahrzunehmen, so wie es ist, übt eine außerordentliche Faszination aus. Zudem leitet sich der sehr verbreitete und ernsthaft praktizierte Ashtanga-Yoga von Patanjali ab

Die Bhagavadgita
Zwei große Heere stehen sich gegenüber. Die sie anführen, kennen sich gut. Sie gehören zur selben Familie, erlebten gemeinsam Kindheit und Jugend. Sie kämpfen um die Thronnachfolge im südindischen Stadtstaat Hastinapura. Die Hauptgegenspieler heißen Duryodhana und Arjuna. Gott Krishna hatte beiden Parteien seine Hilfe angeboten. Sie durften wählen: Entweder Krishnas Krieger oder einfach nur Krishna selbst, ohne Waffen. Arjuna hatte sich für Krishna entschieden. Der Gott wird sein Wagenlenker und Guru. Um die Lage besser überschauen zu können, lässt sich Arjuna von Krishna zwischen die Fronten fahren. Als er seine Verwandten im gegnerischen Heer erkennt, ist er verzweifelt. Warum nur soll er seine nächsten Verwandten und Freunde bekämpfen? Er will den Krieg abblasen und sich fortan als Meditierer (Sannyasin) zurückziehen. Mit dem Kapitel „Arjunas Verzweiflung“ beginnt die Bhagavadgita. Sie ist im 6. Buch des Mahabharata-Epos enthalten, mit 18 Kapiteln und 700 Versen nur ein kleiner Teil des insgesamt über 100.000 Verse umfassenden indischen Nationalepos.
Die Bhagavadgita überstrahlt alle anderen Verse in ihrer poetischen Form und ihrem philosophischen Gehalt. In Deutschland wurde sie erstmals durch die lateinische Übersetzung von August Wilhelm Schlegel (1823) bekannt. Wilhelm von Humboldt erhob die Gita zum „Schönsten, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben“.

Das Handbuch des Yoga
Kaum ein Text ist so oft und so unterschiedlich interpretiert und kommentiert worden wie die Bhagavadita. Fast jede indische spirituelle Richtung oder Yoga-Tradition kann mit einer „Gita“-Interpretation aufwarten. Für die durch Paramahansa Yogananda bekannt gewordene Tradition des Kriya-Yoga stellt sie als „Handbuch des Yoga“ die Essenz des Kriya-Yoga dar. Sri Aurobindo versteht sie als Integrales Yoga und Vorbereitung zum Übermenschen. Sri Friedrich Schulz-Raffelt bietet sie im Rahmen des BDY (Bund Deutscher Yogalehrer) als Weg in schwierigen Situationen des Alltags an, als Karma-Yoga bzw. Yoga des Handelns. Die Jünger der Hare-Krishna-Bewegung schwören auf die Interpretation ihres Meisters A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada (1896-1977). Da steht Bhakti-Yoga im Mittelpunkt: die Anbetung von Krishna als Inkarnation Vishnus.
Im Advaita Vedanta von Shankara (788-820 n. Chr.) bis Ramesh Balsekar (1917-2009) werden stärker jene Aspekte herausgearbeitet, wo es um die Erkenntnis (Jnana) geht. Es gibt nur ein einziges allumfassendes Bewusstsein. Alle Wesen entstehen und vergehen in diesem Einen. Mit den Upanishaden hatte sich zwar unter den Brahmanen der Gedanke verbreitet: „Ich bin das Absolute“, doch das schien so abstrakt. Die Frage war: „Was kann ich tun, um das Selbst zu erkennen – und wer kann mich dorthin führen?“
Hier setzt die Bhagavadgita an. Jedes Kapitel behandelt eine bestimmte Art von Yoga. Karmayoga (Yoga des Handelns), Jnanayoga (Yoga des Erkennens), Dhyanayoga (der Yoga der Meditation), Bhaktiyoga (Yoga der Hingabe), Mokshayoga (Yoga der Befreiung) und andere. Mit den verschiedenen Yogaformen stellt die Bhagavadgita alle nur erdenklichen Wege zusammen, die zu Brahman, dem Absoluten und Unbedingten führen können.
Yoga bedeutet ursprünglich das Joch, unter dem zwei Ochsen in eine Richtung geführt werden.
Selbst heute, wo Yoga als Entspannung im Rahmen von Wellness angeboten wird, denken wir dabei an Selbstdisziplin. Man/frau muss etwas tun, sich körperlich üben und geistig konzentrieren, um eine harmonische Balance zu erreichen. Und so ist auch der Yoga in der Bhagavadgita gemeint: Eine bewusste Anstrengung ist nötig, um die Wahrheit zu erkennen. Was dieser Einsicht auf vielen Ebenen im Wege steht, ist das kleine Selbst, das Ego, das sich gegen den Rest der Welt behaupten will. Im Sanskrit heißt es Ahamkara: Ich sagen (Aham=Ich, kara=tun, machen). Die Bhagavadgita lehrt die Überwindung des Ahamkara, des Ich-Sinns.

Die eigene Hilflosigkeit erkennen und eingestehen
Arjuna ist verzweifelt, weil er als Person gefühlsmäßig an seine Verwandten und Freunde im gegnerischen Lager gebunden ist. Wie menschlich! Können wir das nicht alle sofort nachempfinden? Und dann ist Arjuna auch noch im Recht! Sein Gegner hat die Macht widerrechtlich an sich gerissen. Um die Freundschaft, die Familie, den Frieden zu erhalten, will Arjuna dem Kampf entsagen. Welch eine Geste des Gewaltverzichts! Nein, sagt Krishna. Das ist alles nur persönliche Anhaftung, kein wahres Mitgefühl. Bei unbekannten, ausländischen Feinden hättest du, Arjuna, als professioneller Krieger keine Skrupel, dein Land und deine Rechte zu verteidigen.
Das Schlachtfeld (kuruksetra) in der Bhagavadgita wird von den meisten Interpreten als das innere Schlachtfeld der Emotionen und widerstreitenden Gedanken gedeutet. Ersetzen wir die Verwandten, die Arjuna nicht töten mag, doch einfach mal durch unsere eigenen, selbstsüchtigen Gewohnheiten! Welches Bild ergibt sich dann? Das wäre eine praktische Anwendung der Bhagavadgita. Und schon können wir erkennen, wie schwer dieser erste Schritt ist: Sich von keiner persönlicher Anhaftung leiten zu lassen.
Arjuna gesteht: „Mein ganzes Wesen ist dieser Gefühlsschwäche wegen verwirrt und mein Verstand begreift die Pflicht nicht. (Daher) bitte ich dich, mir offen zu sagen, welche die beste Verhaltensweise ist. Ich bin dein Schüler, in dir suche ich Zuflucht: Unterrichte mich!“ Hier geht es um eine innere Krise der besonderen Art. Arjuna fürchtet nicht um sein Leben. Er will auch nicht Anerkennung und Ruhm. Er weiß einfach nicht mehr, wem oder was er vertrauen und folgen soll.
Karmayoga bedeutet in der Bhagavadgita keinesfalls: „Ich gleiche durch gute Handlungen mein schlechtes Karma aus!“ Nein, der erste und entscheidende Schritt liegt in der Erkenntnis und im Eingeständnis der Hilflosigkeit: „Ich weiß nicht mehr weiter!“ Die feste Überzeugung, dass ich mein Leben in der Hand habe, greift nicht mehr. Nun kann sich eine neue, bisher unentdeckte Dimension öffnen. Die dichte Wolkendecke des „Ich mach das alles!“ reißt auf. Und da ist der Himmel, unermesslicher Raum, tiefblau oder schwarz, leuchtend. Vielleicht nur ein kurzes Aufleuchten. Genug, um zu erkennen, was hier wirklich zählt: die Wolkendecke oder der unendliche Himmel? Das Bewusstsein, Atman, ist der unbewegte Raum, in dem die Gedanken und Gefühle und ebenso alle äußeren Erscheinungen entstehen und vergehen.
Die Bhagavadgita betont die Bedeutung eines Gurus und wurde auch deshalb zum „Evangelium der Hindus“. Krishna steht für das Selbst. In Wahrheit geschieht die Erkenntnis allerdings immer „innen“, ob mit oder ohne äußeren Guru. Sie kann jederzeit aus dem Selbst (dem Atman) ins Wachbewusstsein aufsteigen. Wird die eigene Hilflosigkeit eingestanden, kann das leichter geschehen, weil das Ego weniger Halt hat. Fühlt sich das Ego dagegen stark und sicher, stößt auch ein Krishna auf taube Ohren.

(Text z.T. aus: Christian Salvesen: Advaita. O.W.Barth. Bestellung über www.christian-salvesen.de)



Der Autor Christian Salvesen, geboren 1951 in Celle, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist und seit 2006 als Redakteur bei Visionen. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Sein neuestes Werk mit dem Titel „Stadtvögel und andere Kreaturen - Skizzen von seltsamen Reisen“ erschien 2014 im Tredition Verlag. Weitere Infos zur Arbeit des Autoren auf www.christian-salvesen.de

Buchtipps
Karl-Otto Schmidt: Selbsterkenntnis durch Yoga-Praxis, Patanjali und die Yoga-Sutren. Drei Eichen Verlag 2009
Raphael: Die Bhagavadgita. Gesang des Glückseligen. Kamphausen Bielefeld 2001
Georg Feuerstein: Die Yogatradition. 693 S., Yoga Verlag
R. Sriram: Yogasutra. Theseus Verlag 2006.


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