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Ausgabe März 2015
Endlich erwachsen werden! Von Wilfried Nelles


Die Frau neben mir machte ein ernstes Gesicht und ihre Stimme klang entschlossen wie bei jemandem, der sich nach langem Ringen einen Ruck gegeben hat: „Ich will endlich erwachsen werden.“ Sie war hübsch, mittelgroß, schlank, blond, große blaue Augen, voller sinnlicher Mund, dezent geschminkt und immer perfekt gekleidet. Üblicherweise sah sie eher verträumt als entschlossen aus und wenn sie einen anschaute, lächelte sie gerne und überaus einnehmend. Es brauchte nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie sie als Kind ihren Vater um den Finger gewickelt hat und dass es auch heute noch den meisten Männern sehr schwer fallen dürfte, ihr einen Wunsch nicht zu erfüllen.
Eine Kindfrau - attraktiv und unglücklich, die sich ihrer Waffen kaum bewusst war, die wie eine zweite Haut zu ihr gehörten und die sie zugleich (zumeist ganz unbewusst und automatisch) benutzte und hasste.
Letzteres, weil sie spürte, dass sie damit zwar Macht besaß, aber zugleich immer das Kind bleiben würde. Sie hatte es schon länger satt, dieses Kindfrauen-Dasein, und seit sie vor einem Jahr begonnen hatte, an Familienaufstellungen teilzunehmen und in Einzelberatungen ihre Probleme offengelegt hatte, war dieser Entschluss in ihr gereift: Es reicht, ich will nicht länger die süße Kleine sein. Ich will endlich erwachsen werden!
Ich musste spontan lachen und schüttelte den Kopf, und sie schaute mich verdutzt an. Was sollte denn das? Redete ich nicht die ganze Zeit darüber, dass wir die Kindheit hinter uns lassen und endlich erwachsen sein sollten? Wieso dieses Lachen? Irgendetwas in dieser Art muss ihr durch den Kopf geschossen sein, vielleicht war sie aber auch einfach nur völlig perplex über meine Reaktion (die mich selbst ebenfalls ein bisschen erstaunte). „Das geht nicht“, sagte ich, jetzt wieder ernst, „völlig unmöglich!“ Ich schaute ihr offen in die Augen, sie schaute fragend zurück. Vielleicht wäre sie davongelaufen, wenn sie mich nicht schon etwas gekannt hätte. So aber wartete sie, ob ich nicht noch etwas Erklärendes sagen würde. „Stell dir einen Hasen vor, der zu dir kommt, dich ernst anschaut und dann mit ernster Stimme sagt: Ich möchte ein Hase werden!“ Eine Kursteilnehmerin aus der Runde begann laut zu lachen und konnte sich nicht mehr einkriegen, aber die Frau verstand nicht und schaute mich ratlos an, so dass ich nach einer kurzen Pause fortfuhr: „Du bist doch längst erwachsen. Erwachsen werden zu wollen ist für einen Erwachsenen nichts anderes als ein Hase, der ein Hase werden will.“ Die andere Teilnehmerin lachte inzwischen so heftig, dass sie fast von ihrem Stuhl fiel, aber sie lachte weniger über die Frau neben mir als über sich selbst, sie hatte in der Frage der Frau, meiner Antwort und ihrer Reaktion darauf etwas über sich selbst entdeckt. Ich blieb jedoch ernst, denn mir war sehr klar, dass die Klientin es wirklich ernst meinte und in Not war. Dennoch blieb ich bei meinem „Das geht nicht“.
Sie wurde immer ratloser. „Das verstehe ich schon. Aber was soll ich denn dann machen? Ich will nicht mehr dieses Kindchen sein! Wie komme ich denn sonst da raus? Ich habe da keine Lust mehr drauf!“
„Du musst erkennen, dass du bereits erwachsen bist. In dem Moment, wo dir das durch und durch klar ist, haben die Kindereien von selbst ein Ende. Erwachsen werden wollen kann nur jemand, der es nicht ist. Solange du es werden willst, bleibst du also Kind, und das ändert sich nie. Du streckst dich nach etwas, was du scheinbar nicht bist, und rennst ihm ewig hinterher, anstatt zu begreifen, dass du es längst schon bist.“
Sie entspannte sich, etwas klickte im Innern und auch sie musste etwas lachen, obwohl sie immer noch nicht wusste, wie es jetzt weitergehen sollte. Ich wusste es übrigens auch nicht, aber ich wusste, dass ich jetzt mit ihr arbeiten konnte. Jetzt war sie nämlich erwachsen, für diesen Moment wenigstens, während sie vorher bei aller Ernsthaftigkeit ein Kind war, das sich wünschte, erwachsen zu werden.
In der Praxis ist die Sache natürlich nicht ganz so einfach und ich verstand sehr wohl ihren Wunsch und ihre Verzweiflung. Es ist ja gerade die Erkenntnis, dass man sich als scheinbar Erwachsener oft wie ein Kind verhält und - besonders in wichtigen und emotional gefärbten Situationen - es nicht schafft, wirklich erwachsen zu handeln oder einen zu dem Wunsch zu bringen, die Kindheit und das entsprechende Verhalten hinter sich zu lassen. Man ist jetzt sozusagen halb erleuchtet - man weiß, was man falsch macht, aber nicht, wie man es richtig machen soll.
Vorher, als man noch ganz dumm war, war das alles kein Problem, da hat man gar nicht bemerkt, dass am eigenen Verhalten etwas schief war, und wenn es Probleme gab, waren immer die anderen schuld: die Eltern, der Ehemann, die stressigen Kinder, der Chef, die Kollegen, der Staat, die Gesellschaft oder wen sonst zwischen Himmel und Erde man noch für sein Leben, sein Glück oder Unglück verantwortlich machen kann.
„Ich kann nichts dafür“ oder auch „Ich kann nicht“ sind zwei dieser mächtigen Kindersätze, die einem den Weg zur Aneignung des eigenen Lebens verbauen. Solange man solche Sätze benutzt und an sie glaubt, steckt man noch tief in den Kinderschuhen.
So erwachsen wir uns auch in vielen Lebensbereichen, etwa im Beruf oder generell im öffentlichen Leben, fühlen und nach außen präsentieren mögen, so sehr prägen kindliche Gefühle und Verhaltensmuster unseren Alltag - vor allem da, wo Emotionen ins Spiel kommen. Das ist, wie gesagt, nicht immer und überall problematisch, wir wären sogar ganz arm, wenn wir uns nicht auch das Kindliche in uns bewahren und es pflegen und leben würden. Auch ein erwachsenes Leben kann und darf leicht und spielerisch sein, auch ein Erwachsener darf und muss sich manchmal „gehenlassen“. Die kindlichen Muster, um die es mir hier geht, sind aber weder leicht noch spielerisch, sie sind uns im wahrsten Sinne des Wortes eingefleischt und machen uns das Leben eher schwer als leicht. (...)
So sehr uns das Hilflos-Kindliche in uns manchmal stört, so sehr profitieren wir aber auch davon - wenig-stens scheinbar. Es bietet nämlich auch eine ganze Reihe Vorteile, wenn sich diese bei genauerem Hinsehen auch als Belastungen erweisen mögen. Es ist wichtig, diese „Vorteile“ zu sehen und sich einzugestehen, denn wir halten nicht zuletzt deshalb am Kindlichen fest, weil wir sie nicht verlieren wollen. Die Frau, die als Kind Vaters Liebling war und sich deshalb (heimlich) größer und wichtiger vorkam als die Mutter, würde ihre Bedeutung, ihre Wichtigkeit verlieren, wenn sie als Erwachsene die Starrolle abstreift und nur eine normale Frau wäre. Ebenso Mamas Liebling: Wer wäre er noch, wenn er nicht mehr im Mittelpunkt stünde? Die Helferin, die sich für alle aufopfert und sich darüber beklagt, wie schwer sie es hat, wie sehr sie von allen ausgenutzt wird oder wie undankbar die Welt ist - wer wäre sie ohne ihre Klagen, wer wäre sie, wenn sie sich nur noch um sich selbst kümmern würde, anstatt für alles und jeden eine Verantwortung zu übernehmen, die nur eine scheinbare ist, weil sie sie gar nicht tragen kann?
Den größten Vorteil habe ich schon kurz erwähnt: Man ist, genau wie ein Kind, für nichts verantwortlich. Man kann ja nichts dafür, wenn man sich hilflos und handlungsunfähig fühlt, wenn der Chef plötzlich laut wird oder wenn man sich wie ein kleiner Junge fühlt und wie dieser schuldbewusst und kleinlaut wird . (...) Ich würde ja gerne richtig erwachsen sein, aber es geht nicht! Das ist, in den meisten Fällen, nicht nur eine billige Ausrede, sondern es fühlt sich tatsächlich so an. Aber es fühlt sich nur so an, es ist nicht so. Das gilt es zu verstehen oder, besser gesagt, zu sehen. Im Sehen, im Angesicht der eigenen Kindlichkeit, im ganzen und vollständigen Sehen, löst sich diese auf. Sie löst sich auf, weil man in diesem Sehen erkennt, dass sie eine Illusion ist, dass man eben kein Kind mehr ist, dass die Kindheit vorbei ist.

Aus: Wilfried Nelles, Umarme dein Leben, Wie wir seelisch erwachsen werden, mit freundlicher Erlaubnis des Innenwelt Verlages, Köln 2012


Der Autor Dr. Wilfried Nelles galt viele Jahre als einer der renommiertesten Familiensteller. Inzwischen hat er mit dem Lebens-Integrations-Prozess (LIP) einen originären Ansatz nicht nur in der Aufstellungsarbeit, sondern in der psychologischen Arbeit generell entwickelt. Seine Bücher wurden in zehn Sprachen übersetzt. Sein „Nelles Institut für Phänomenologische Psychologie und Lebensintegration“ wird ab Mitte 2015 auch einen Standort in Berlin haben.

Weitere Bücher von Wilfried Nelles:
Die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Der Lebens-Integrations-Prozess in der Praxis. 2014, innenwelt verlag 2014, 350 Seiten, 17,95
Das Leben hat keinen Rückwärtsgang - Die Evolution des Bewusstseins, spirituelles Wachstum und das Familienstellen, innenwelt verlag 2009, 295 Seiten, 16,80
Männer, Frauen und die Liebe. Über kindliche Ansprüche und erwachsene Bedürfnisse, innenwelt verlag 2010, 205 Seiten, 12,95


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