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Ausgabe März 2015
Verbundenheit und Autonomie. Von Christian Schumacher

Leben - einzeln und frei - wie ein Baum - und brüderlich - wie ein Wald - das ist unsere Sehnsucht. -Nazim Hikmet-

Zwei Bedürfnisse sind mir als Mensch elementar eingeprägt. Einerseits brauche ich Verbundendenheit zu denjenigen Menschen, die mir familiär oder als Liebespartner nahe stehen. Andererseits ist mir Freiheit wichtig, um meinen ganz eigenen Entwicklungsweg beschreiten zu können. Immer bewege ich mich damit in einem äußerst sensiblen Raum zwischen diesen Gegebenheiten. Dieser Raum kann sehr instabil sein. Denn fehlt mir eine frühkindliche Grunderfahrung von Bindung und Sicherheit, empfinde ich die Welt als einen potentiell gefährlichen Ort. Um die fehlende Sicherheit zu erleben, versuche ich dann, eine schützende Distanz einzunehmen oder mit dem anderen verschmelzen zu wollen. Fehlt mir dagegen eine Grunderfahrung von Autonomie, habe ich immer wieder große Probleme, mich mit der Welt und den Mitmenschen authentisch zu verbinden. Ich habe dann nicht gelernt, wie es sich anfühlt, für sich zu sein, einen eigenen Raum auszubilden und selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können. Auch hier kann meine Sehnsucht nach Verschmelzung ein Versuch sein, fehlende Bindung herzustellen oder mir durch Distanz ein scheinbares Gefühl von Autonomie zu verschaffen. Da Symbiose und Distanz aus Angst heraus entstehen, wirken sie hier wie die unerlösten Schatten einer mir von Natur aus gegebenen Fähigkeit mich zu verbinden oder aus einem selbstbestimmten, freien Raum eine ehrliche Verbindung aufzunehmen. Gerade in Liebesbeziehungen begegnen wir diesem Thema besonders intensiv. Hier wird es schnell sehr bedrohlich und existenziell, wenn Bindung oder Autonomie im Beziehungsraum gestört sind oder gar verloren gehen. Ist das wirklich so?
Betrachte ich die ersten Momente im Leben eines neugeborenen Menschen, so kann ich bemerken, wie sich ein Baby entspannt, wenn die Beziehung zur Mutter in Form von Berührung, Zuwendung und Augenkontakt gegeben ist. Diese Aspekte speichern wir unmittelbar als einen Raum in uns ab, der Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit signalisiert. Hierbei handelt es sich um sogenannte Bindungssignale, die meinem ganzen Wesensgefüge bis ans Ende meines Lebens innewohnen. Nun entwickelt sich dieses Baby weiter, es wächst heran und ist bestrebt, sich irgendwann in seinem ganz eigenen Tempo von der Mutter zu lösen. Es will seine eigenen Erfahrungen machen und sich dadurch zu einem selbstständigen Menschen heranbilden. Wird ihm dieser Raum gewährt, geht es die entsprechenden Schritte und erobert sich eine eigene Welt.
Man könnte nun einwenden, wir seien zwischenzeitlich erwachsene Menschen geworden. Diese These würde daher auf unser aktuelles Erleben gar nicht mehr zutreffen. Die Erfahrung spricht jedoch eine andere Sprache: Erlebe ich im Umgang mit meinem Liebespartner Bindungssignale (Berührung, Augenkontakt, Zuwendung), fühlt sich der gemeinsame Raum für mich in der Regel sicher und verbunden an. Beide entspannen wir uns und die Liebe kann fließen. Gehen diese Signale z.B. im Laufe einer längeren Beziehung im Alltag mehr und mehr verloren, empfinde ich dies irgendwann als Störung im Bindungsraum. Ich werde dann vielleicht unruhig, spanne mich an, verliere den Kontakt zum Gegenüber und versuche schnellstens durch unterschiedliche Strategien diese Störung zu beheben, um die verloren gegangene Bindung wieder herzustellen. Sehr beliebt sind dann folgende Strategien: fordern, mich zurückziehen, beschuldigen, angreifen, usf. Auch wenn diese Handlungen erfahrungsgemäß das genaue Gegenteil bewirken, halte ich an ihnen fest und wiederhole somit immer wieder das Drama des Scheiterns in der Liebe. Denn ich habe vielleicht nicht gelernt, meine Gefühle und Bedürfnisse auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die Verbindung schafft. Mit der Autonomie verhält es sich ähnlich. Habe ich das Gefühl von Enge und mangelnder Selbstbestimmung in meiner Beziehung, fühlen ich mich vielleicht beschnitten und bevormundet. Dann gilt es irgendwann zu flüchten, um mich aus der scheinbaren Umklammerung zu befreien.
An dieser Stelle beginnt nun ein Paartanz der besonderen Art. Ein Tanz, der mich immer weiter vom anderen fortbewegen läßt, statt mich wieder nahe zu bringen. Ich könnte ihn den Isolationstango oder den Trennungswalzer nennen. Meiner Paardynamik solch eine Bezeichnung zu geben, kann mich darin unterstützen, aus dem Drama für einen Moment auszusteigen und das Ganze einmal in Ruhe von Außen zu betrachten.
Denn miteinander Tanzen will gelernt sein.
So ist es sinnvoll, insbesondere im Kontext einer Liebesbeziehung tanzen zu lernen, indem ich mir über die Schritte bewusst werde, die ich anwende und mir vergegenwärtige, dass auch ich zu dieser Choreographie immer meinen eigenen Anteil beitrage. Es ist dieser Trennungs-Tanz, der den Beziehungsraum regelrecht vergiften kann. Wie wäre es, wenn ich gemeinsam mit meinem Partner diesen Tanz als das Problem erkennen würde?
Zwar möchte ich liebend gern meinen Tanzpartner als das Problem ausfindig machen, um mich der Verantwortung für die eigenen Tanzschritte entledigen zu können. Allerdings erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine Bindung sofort, wenn ich beginne, mich mit dem anderen zu verbünden, um die Choreographie zu verändern. Solch ein Schritt kann der Anfang einer neuen Beziehungskultur sein, in der wir lernen, in Eigenverantwortung das Tanzparkett gemeinsam zu begutachten und bei Bedarf durch eine entsprechende Kommunikation dahingehend zu verändern, einander unsere Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen und darin auch gehört zu werden. Dafür braucht es einen ehrlichen Kontakt zu meiner Innenwelt, um eine Wahrnehmung meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erhalten. Daher ist die wichtigste aller Verbindungen diejenige zu mir selbst.
Das Thema der Verbindung spielt auch im sexuellen Miteinander eine zentrale Rolle, denn über unsere Körper haben wir eine wunderbare Möglichkeit, auf ganz natürliche Weise eine innige Verbindung mit dem anderen zu erleben. Sex ist nämlich nicht einfach nur Triebbefriedigung oder fortpflanzungsorientierte Freizeitbeschäftigung. Durch Sex möchte ich mir auch meinen Wunsch nach Nähe und Intimität erfüllen.
Viele von uns erinnern sicherlich Momente von sexueller Glückseligkeit, wenn ein Raum von Eins-Sein mit dem Du erfahrbar wird, in dem Angst und Unsicherheit dahinschmelzen und ich berührt bin, weil sich mein Bedürfnis nach dieser innigen Verbindung zum geliebten Gegenüber auf das Tiefste erfüllt. Genauso kennen wir aber auch die Augenblicke, in denen sich diese Verbundenheit nicht ereignet und ich mich daher während oder nach dem Sex getrennt und einsam fühle. Viele Paare, mit denen wir in den letzten Jahren gearbeitet haben, berichten uns von diesem Gefühl des Unverbundenseins im Sex und verlieren dadurch das sexuelle Interesse aneinander. Hier kann mir eine neue Art der Sexualität Türen öffnen, indem ich meine Aufmerksamkeit in diesem eher unbewussten und konditionierten Raum, auf das Hier und Jetzt richte und mit mehr Bewusstheit den gemeinsamen Sex erlebe, statt in einer bestimmten Zeit ein Ziel erreichen zu wollen, in der Regel den Orgasmus. Denn Zielorientiertheit und Leistungsdruck kann den sexuellen Beziehungsraum extrem unsicher machen, weil wir dabei dann oft den Kontakt zueinander verlieren. Gerade im Sex bin ich so empfindsam und verletzlich, dass es hier besonders erfüllend und heilsam sein kann, wenn ich bereit bin, neben dem oft erlebten Gewohnheitssex neue Räume der achtsamen Begegnung einzuladen; Räume, die auf Bindung, Sicherheit und Bewusstheit basieren und mich somit auch im Sex einen neuen Tanz erlernen lassen - einen Verbindungs-Tanz, durch den ein Mehr an Intimität und Liebe ermöglicht werden kann.

Der Autor Christian Schumacher leitet mit seiner Frau Hella Suderow seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit Diana Richardson die Making-Love-Seminare, in denen sie mit den teilnehmenden Paaren den bindungsbasierten Ansatz des SLOW SEX und der Achtsamkeit & Bewusstheit in Partnerschaft erforschen.
weitere Infos auf: www.paarweise.info


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