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Ausgabe März 2015
Lust und Liebe. Von Wolf Schneider


Das Bedürfnis und die Sehnsucht nach Liebe entstehen aus einer Wahrnehmung von sich selbst als »Ich bin allein«. Dieses Gefühl mag nur der Hauch einer Bedürftigkeit sein im ansonsten stolzen Single; es kann aber auch eskalieren, bis hin zur Einsamkeit des sich selbst verurteilenden Lebensmüden. Die psychologischen Ratgeber sagen dazu: Wir wissen, wie du jemand finden kannst, um deine Sehnsucht zu stillen! Und bieten dann Bücher oder Coaching-Programme an mit den sieben Schritten zum Erfolg, wie du deinen Seelengefährten findest. Die Weisen aller Zeiten gehen anders damit um. Sie sagen: Es gibt kein Objekt, das deine Sehnsucht stillen kann. Das einzige, was dir hilft, ist die Erkenntnis, dass du gar nicht allein bist. Nur diese Erkenntnis könne die Sehnsucht stillen. Deine Selbstwahrnehmung, dass du allein bist, halten die Weisen für einen Irrtum, der darauf beruht, dass du deine physische, seelische und geistige Eingebundenheit in größere Ganzheiten ignorierst.

Selbsterkenntnis ist möglich
Trotz meiner Wertschätzung für den Rat der Weisen neige ich dazu, der Psychologie auch hierbei eine gewisse Gültigkeit einzuräumen. Sie sagt: Du brauchst ein starkes Ego, eine starke Persönlichkeit, die sich Ziele setzt und danach strebt, und die auch Nein sagen kann; sonst wirst du missbraucht, lässt dich benutzen, lebst deine Eigenheit nicht und wirst unglücklich. So ähnlich auch im Falle des Auswegs aus der Einsamkeit: Ja, es ist möglich einen Partner zu finden, Freunde, ein soziales Netz; all das kann helfen, nicht mehr allein zu sein.
Allerdings kann man auch mit einem starken Ego unglücklich sein. Und du kannst dich mit einem Partner, der nach allem, was die psychologische Ratgeberliteratur weiß, zu dir passt, anöden, denn es gibt noch mehr als nur die Befriedigung einer Sehnsucht oder eines Bedürfnisses durch ein ersehntes Objekt. Du kannst nach dem Shopping unglücklich sein, obwohl du alles bekommen hast, was du wolltest. Du kannst dich mit einem perfekten Traumpartner langweilen und mit einem starken, erfüllten Ego, das von allen Seiten soziale Anerkennung bekommt, kannst du dich selbst blöd finden, sinnlos und so, als hättest du das Leben verpasst. Es gibt eben noch mehr als die Befriedigung durch erwünschte Objekte. Es gibt Selbsterkenntnis.

Diogenes und Alexander
Wie bringt man nun beides in eine gute Ordnung - das Wissen der Psychologie und die Erkenntnis der Weisen? Kraft meiner eigenen unendlichen Weisheit empfehle ich, erstmal das Naheliegende zu lösen. Wenn du nicht allein sein willst, unternimm etwas dagegen. Die psychologische Ratgeberliteratur hat hierzu einiges zu bieten. Und was das Ego anbelangt: Jasagen und Neinsagen können ist sehr wertvoll. Lass dich nicht von modischen »Don’t-judge«-Slogans verhexen, sondern wähle und beurteile, so gut du kannst. Dann erst kommt die Transzendenz, die Hingabe, das Überschreiten eines zu engen Verständnisses des Ich. Shopping ist nicht grundsätzlich falsch, auch wenn unsere Gesellschaft auf Grund der Dynamik des Kapitals es darin übertreibt, mit vielen bösen Folgen. Aber dann erinnere dich an Diogenes in der Tonne, der zu dem Weltenherrscher Alexander, nach einem Wunsch befragt, sagte: Bitte geh mir aus der Sonne!

Nähe und Distanz
Wer nun die ersehnte Trennung – ja, auch nach Trennung kann man sich sehnen – oder die ersehnte Liebesbeziehung erreicht hat, was dann? Das Ego ist immer noch da, das Gefühl nicht zu genügen ist da und ebenso die Angst vor Verlust und die Gier nach mehr. Dann macht es Sinn, sich mit Meditation zu befassen und den Wegen der Ich-Transzendenz. Und mit der Dynamik von Nähe und Distanz, diesen beiden Enden auf der Skala zwischen Alleinsein und Zusammensein. Immer sind wir irgendwo dazwischen und meist haben wir gewisse Möglichkeiten, den Schieberegler zwischen diesen beiden Extremen passend einzustellen, gemäß unseren Wünschen und Einsichten und den Bedürfnissen unserer Mitmenschen. Nie sind wir völlig allein und nie ununterscheidbar zusammen. Und da jeder dieser beiden Pole seine Vorteile hat, pendeln wir gerne zwischen ihnen hin und her.

Rhythmen
Dieses Pendeln oder Austarieren muss einer Liebesbeziehung nicht abträglich sein, im Gegenteil: Eros mag das Spiel zwischen Nähe und Distanz. Der richtige Wechsel zwischen beidem fördert die Lust. Oft sagen wir, in einer der üblichen Positiv-Floskeln: Wow, wie spannend! Zugleich aber suchen wir mit ebenso großem Nachdruck Entspannung. Ja, was nu, Spannung oder Entspannung? Der richtige Wechsel zwischen beidem ist die Lösung. Und so ist es auch mit der Nähe und der Distanz.
Und fast möchte ich sagen: So ist es auch mit dem Weltlichen und dem Spirituellen, mit dem Ego und der Transzendenz. Was uns Schlaumeiern ein immenses Repertoire an Ausreden zur Verfügung stellt. Dennoch: Es ist wahr! Das eine braucht das andere.

Lust und Überdruss
Die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer, so ist unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem gebaut. Obwohl doch inzwischen jeder lesefähige Mensch weiß, dass ab Befriedigung der Grundbedürfnisse es nicht glücklicher macht, noch mehr zu haben. Diamanten machen nicht glücklicher als Glasperlen, Kaviar macht nicht glücklicher als ein Hering. Wir suchen zwar immer danach, unsere Lüste noch zu steigern, zum Beispiel durch erhöhte Dosierung des Lustvollen, aber das bringt es nicht, wie jeder Süchtige weiß. Deshalb ist ein Strip reizvoller als ein nackter Mensch, und textilfreie Bäder und Nudistencamps haben die Mode-Industrie nicht zum Erliegen gebracht. Wir lieben das Versteckspiel, das Vorenthalten des Ersehnten, bis es, und dann zögerlich, uns wieder gezeigt oder gegeben wird.

Tun und nicht tun
Junge Katzen, Hunde oder Menschenkinder beim Spiel sind voll engagiert, obwohl es doch um gar nichts geht. Einen Ball zu fangen, na, und? Aber das Fangen, das Jagen oder im Spiel davonlaufen ist sooo lustvoll! Dann schlafen sie ein, die Katzen- und Menschenkinder, glücklich erschöpft, und sind dabei völlig entspannt. Auch hier wieder ein Rhythmus: Volle Pulle rein, und dann wieder ganz raus. Wen das an Sex erinnert: Sogar beim spirituell angesagten Slow Sex bewegt man sich – oder erschlafft, bis zur nächsten Erregung.

Selbstverwirklichung
Und wie ist das nun mit dem Ego und der Hingabe? Darf ich ein Ego haben oder muss ich als spiritueller Mensch alles hingeben – mich selbst und alles, was ich habe? Hierzu möchte ich den Wiener Arzt und KZ-Überlebenden Viktor Frankl zitieren: »Im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, umso mehr ist er Mensch, umso mehr wird er selbst. Sich selbst verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergisst, in dem er sich selbst übersieht.«


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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