aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Februar 2015
Vitale Begeisterung. Von Corinna Wittke

Wie schwer es ist seine Kreativität zu leben und zu entfalten, beschreibt die freie Künstlerin Corinna Wittke aus eigener Erfahrung.

Die Ferien sind vorüber und pünktlich mit dem Montagmorgen stellt sich ein altbekanntes graues Gefühl mit untermauernden „Killer-Gedanken“ ein: „Womit beginnen, das schaffe ich ja nie, das ist mir alles zu viel.“ Klingelnde Telefone, massenweise Mails, die beantwortet werden wollen - so kommt man doch zu gar nichts! Der Abgabetermin für die Druckerei drückt, der Newsletter muss endlich raus, Terminabsprachen sind zu koordinieren, Inhalte zu überarbeiten und schon wieder ist es Zeit fürs Mittagessen, also ab in die Küche zur Familienversorgung.
Gefühlte Temperatur: noch nichts erledigt. Lustlos bedrückt, schwerfällig erschöpft. Unzufrieden. Absolut ausweglose Einbahnstraße. Farbe: Graubraun bis Finsterschwarz. Oder im Grunde doch nur alltägliches Mausgrau. Nein, das wäre zu harmlos. Mindestens ein bisschen ätzendes Graugrün beigemischt, vielleicht sogar einen Strich gelbliches Weiß am mutmaßlichen Horizont? Genau genommen satt-schwefelgelb-gewittrig. Ja, das ist es!
Inspirierte Kreativität hat unendlich viele Gesichter. Sie ist ein unerschöpflich kraftvolles Potenzial von Lebendigkeit - wild, unvorhersehbar, abenteuerlich und zart.
Es macht mich wütend, dass ich schon wieder im Hamsterrad der Erwartungen andocke, weil ich oder die Welt behaupten, es ginge nicht anders. Ein knallroter Wutklops klatscht mitten ins Bild, leckt sich, zähfließende Lava hinterlassend, langsam nach unten und verweilt in einer schwarzrot-dunklen Pfütze. Schaurig schön.
Plötzlich taucht eine Prise Hellblau darin auf. Kleine seelenblaue Punkte breiten sich zu himmelblauen Inseln aus. Wo kommen die denn her? Blick nach oben, kaum zu fassen, die schwere Wolkendecke reißt auf, zeigt ein Stückchen freien Himmel, Weite, Atemraum – ahhh der Brustkorb dehnt sich merklich. Und was lugt da hinter den zerrissenen Wolken hervor?

Farbe und malerischer Ausdruck
Sei es „assoziativ trocken“ oder sinnlich ausgerüstet mit Pinsel und Farbe: auf dieser kreativen Fährte gibt es kein Festhalten an schwermütigen Verhaltensmustern. Hier bin ich wieder auf der Spur der schöpferischen Begeisterung. Es pikst mich der Humor und ich habe keine Ahnung, wo mich das hinführen wird. Auf den Schlittschuhen meiner inneren Freiheit lasse ich mich begeistern von - ja von was eigentlich? Von der Erkenntnis, dass ich nie mausgrau noch gallegrün war? Von der Qualität der Stimmungswolke, die genährt von meinen Gedanken und Befürchtungen mir nur noch wenig emotionale Bewegungsfreiheit ließ? Oder von der Wandlung, die geschah, als ich mich aufraffte, genauer hinzuschauen, direkt hineinzusehen und im Strom der Farben Neues zu entdecken.
Die Farben, die sich im oben erzählten Beispiel spontan ihren Weg in das Anschauen und Ausdrücken der Emotionen bahnten, sind eine von vielen kreativen Möglichkeiten aus der Fülle unseres schöpferischen Potentials. Sie tragen den Funken der Inspiration und des Wandels in sich. Denn so wie jedes Gefühl, wenn wir es genauer betrachten, sich in Nuancen ständig verändert, so fordern hier auch die Farben in rascher Abfolge ihre Differenzierungen. Haben wir den Mut, dieser Spur vorbehaltlos zu folgen, ohne sie zu beurteilen oder anzuzweifeln, führt sie uns immer mehr in die Klarheit und in die vergnügliche Freiheit des kreativen Ausdrucks.

Was ist Begeisterung überhaupt?
Wenn ich die eher euphorisch-wankelmütigen Zustände wie verliebt oder erfolgreich sein, oder den leidenschaftlichen Gefühlsausbruch von Fans und Fanatikern gleich welchen Genres beiseite lasse, stellt sich mir Begeisterung als etwas Vitales, Leichtfüßiges und gleichzeitig Stilles dar.Es ist nicht Überschwang, der zwangsläufig in eine Ernüchterung mündet, es ist vielmehr das Geschenk purer Lebensfreude, die durch uns hindurch fließt, uns einlädt, mit zu fließen und zu entdecken, was es gerade zu entdecken gibt. In der Begeisterung steckt der Geist drin. Nicht der Gedanke. Nicht der Wille. Sondern die geistige Inspiration von etwas, das uns wirklich berührt.

Spurwechsel
Es ist einfacher, als wir denken, denn es lässt sich nicht denken, nur entscheiden: Nehmen wir uns diese kleine Zeit, ehrlich und unvoreingenommen in den Moment hineinzuschauen, das „Wie“ minuziös genau zu erforschen, schon wechseln wir die Spur vom Erleiden zum Entdecken, verlassen das „Was“ und betreten den Pfad der Begeisterung. Das bedeutet nicht, dass sich Sorgen und Nöte immer in Nichts auflösen, sondern dass wir die Perspektive wechseln. Wir werden zum kreativen Forscher und entfernen uns von der Identifikation mit dem zu Erforschenden.

Die Freiheit des Geistes
Der inspirative Faden reißt, wenn wir uns mit unseren Erwartungen und Vorstellungen dazwischen mengen. Wenn ich die oben beschriebene, farbstrotzende Assoziationskette mit der Absicht vollzogen hätte, das eigene Missempfinden methodisch in gute Laune zu wandeln, wäre ich in der Tiefe gescheitert. Das Verfolgen eines Zwecks unter Erwartungs- oder Leistungsdruck steht freier Entfaltung immer im Weg. Machen wir Platz für die Fährte der Inspiration, indem wir einen Schritt zurücktreten und vertrauensvoll spielend neue Gefilde erobern. Egal was wir als gesellschaftsgenormte Kinder abtrainiert bekamen, wir können uns jeden Augenblick neu entscheiden, das Ruder der Achtsamkeit wieder in die Hand zu nehmen und uns vom Strom kreativer Begeisterung tragen und wandeln zu lassen.


Die Autorin Corinna Wittke lebt und arbeitet als freie Künstlerin in Berlin. Vor 8 Jahren gründete sie die „Schule der Elefantasie“, einen künstlerischen Raum für Kreativitätsentfaltung und Herzensbildung. Sie gibt Workshops, Ferienseminare und Einzelstunden in intuitivem, begleiteten Malen und kreativ forschender Ausdrucks-Arbeit mit Stimme, Körper, Tanz und Bewegung.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.