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Ausgabe Januar 2015
Ein Neuanfang ist immer möglich. Von Jochen Meyer

Auch wer eine schwierige Beziehung erlebt hat, kann sich wieder glücklich verlieben.

Wer sich gerade aus einer Beziehung mit einem verletzenden Partner gelöst hat oder wem eine schmerzhafte Trennung noch in den Knochen steckt, wird wahrscheinlich häufiger das Gefühl haben, dass es mit der Liebe nicht mehr klappen wird. Gedanken wie „ich werde nie wieder eine glückliche Beziehung haben“ gehen ihm immer wieder durch den Kopf. Das kann auch Wochen oder Monate nach einer Trennung noch vorkommen, je nachdem, wie schwer die seelischen Erschütterungen waren. Glauben schenken sollte er solchen Gedanken lieber nicht, denn die Erfahrung zeigt: Wer innerlich Abstand von einer verletzenden Beziehung nimmt und das Erlebte konstruktiv verarbeitet, kann sich früher oder später mit einem neuen, passenderen Partner zusammentun und gänzlich andere Erfahrungen machen als bisher. Wichtig ist zu begreifen, dass wir die Weichen dafür jetzt stellen können: Setzen wir uns mit dem Erlebten hinreichend auseinander, können wir uns auch wieder für eine neue Liebe öffnen. Das Gefühl der Aussichtslosigkeit führt uns hingegen zu Resignation und Verbitterung und damit in die Sackgasse. Doch auch hieraus können wir uns wieder befreien, wenn wir verstehen: Solch düstere Gedanken und Gefühle sagen nichts über unsere tatsächlichen Möglichkeiten, eine glückliche Beziehung zu erleben, sie zeigen lediglich das Ausmaß unserer Erschütterung.

Wieder zu sich selbst zurückkehren
Wer in einer destruktiven Beziehung gelebt hat oder von seinem Partner seelisch oder körperlich verletzt wurde, ist in der Regel innerlich erschüttert und braucht eine ausreichend lange Phase des Abstandnehmens und Verarbeitens. In dieser Phase sind Selbstzweifel oder Schuldgefühle normal, genauso wie Wut, Empörung oder Hass auf den verletzenden Partner. Wer von einem ambivalenten Partner abwechselnd gewertschätzt und dann wieder zurückgestoßen wurde, reagiert oft fassungslos. Wer sich mal geliebt fühlt und dann wieder nicht, hat auch nach dem Ende einer solchen Double-Bind-Beziehung häufig das Gefühl, nicht mehr er selbst zu sein. Er versteht nicht, was passiert ist und kann es einfach nicht wahrhaben, wie ihm ein scheinbar so liebevoller Partner so weh tun kann. Auch wer von seinem Partner kontinuierlich abgewertet oder erniedrigt wird oder über längere Zeit in einer angespannten Atmosphäre lebt, nimmt sich als verunsichert wahr, zweifelt an sich und seiner Liebesfähigkeit und fühlt sich in seinem Selbstwertgefühl erschüttert. Leider ist dies nach einer Trennung nicht gleich vorbei. Oft zeigt sich das ganze Ausmaß der Erschütterung erst, wenn wir getrennt sind, die Anspannung nachlässt und die lange unter Verschluss gehaltenen Gefühle endlich hochkommen können.
Wer sich innerlich aus einer schwierigen Beziehung löst, dessen Seele leistet „Schwerstarbeit“.
Was jetzt gebraucht wird, ist vor allem Zeit: Zum Abstandnehmen, zum Heilen der Wunden, zum Fühlen der Gefühle, zum gedanklichen Durcharbeiten des Erlebten, zum Anerkennen und Annehmen des Gewesenen. Vor allem braucht es Zeit zum Wiederankommen bei sich selbst. Jetzt geht es darum, sich von der vergifteten Energie der beendeten Beziehung zu befreien und die eigene Energie wieder zurückzugewinnen. Es kann hilfreich sein, sich klarzumachen: „Das, womit mich mein Partner konfrontiert hat und wo ich mich habe hineinziehen lassen, das gehört nicht zu mir!“ Und es ist gut, an dieser Stelle eine klare Grenze zu ziehen und sich nach vorn zu orientieren: „Das gehört nicht zu mir und dafür stehe ich nicht länger zur Verfügung. Zu mir gehört ein liebevoller, partnerschaftlicher Umgang. Das ist mir wichtig, das steht mir zu und darauf bestehe ich von jetzt an.“ Statt uns über den misshandelnden Partner zu beklagen, können wir unsere Wut und unsere Empörung anders nutzen: Wir können uns neu zu uns selbst bekennen und uns zum Beispiel versprechen, uns von nun an nur noch mit respektvollen und wertschätzenden Menschen anzufreunden.

Aus Verletzungen neue Kraft schöpfen
Sich nach einer Trennung verunsichert oder besonders verletzlich zu fühlen, ist kein Zeichen von Schwäche oder persönlichen Defiziten. Es ist eine gesunde Reaktion unsere Psyche, die auf diese Weise nach Veränderung, Halt und Stabilisierung verlangt. Auch wenn wir uns noch „zu verwundet“ fühlen, sind wir bereits mitten im Heilungsprozess, denn jetzt können wir die Voraussetzungen für eine grundsätzliche Veränderung schaffen. Die Situation fordert uns auf, besonders gut für uns zu sorgen und uns von den erlittenen Strapazen zu erholen. Sie lädt uns ein, unsere Beziehungsthemen noch eingehender zu betrachten, noch mehr Verständnis und mehr Verantwortung für uns und unsere weitere Entwicklung zu übernehmen. Wer sich in einer solchen Situation Erholung gönnt und sich mit sich auseinandersetzt, fühlt sich vielleicht häufig geschwächt – in Wahrheit ist er aber äußerst stark. Denn er stellt sich der Situation, verabschiedet sich von einer Beziehung, die ihm nicht mehr gut tut, sorgt für Abstand und richtet sich neu aus. Er gestattet sich zu heilen und einen Neubeginn zu wagen. Er investiert in sich und sein Glück in der Liebe. Er erkämpft sich aus eigener Kraft die Basis für eine neue, glücklichere Beziehung. Indem er Nein sagt zum Alten, sagt er Ja zu sich.

Die Weichen für eine neue Liebe stellen wir jetzt
Auch wenn eine neue Beziehung noch in weiter Ferne scheint: Wir können die Weichen für eine stabilere, konstruktivere und glücklichere Beziehung jetzt stellen. Genau das tun wir, indem wir uns genügend Zeit zum Heilen unserer seelischen Wunden nehmen, uns von guten Freunden trösten lassen, wieder unser eigenes Leben leben, uns körperlich und seelisch stärken und neue Kräfte tanken. Neues Selbstbewusstsein gewinnen wir, indem wir uns mit den eigenen Anteilen an der Beziehung auseinandersetzen und erkennen, worauf wir in Zukunft achten müssen, um einen passenderen Partner zu wählen. Unsere Verunsicherung können wir nutzen, uns noch einmal darüber klarzuwerden, wie wir in Zukunft geliebt werden wollen. Indem wir anerkennen, dass wir in unserer letzten Beziehung zum Beispiel zu sehr auf Respekt, Wertschätzung, Verbindlichkeit oder Loyalität verzichtet haben, können wir uns vornehmen, von jetzt an darauf zu bestehen. Unser erschüttertes Selbst gewinnt wieder an Sicherheit und Stabilität, wenn wir erkennen, dass wir eine stabile, vertrauensvolle Beziehung mit einem liebevollen Partner wirklich verdienen. Wo uns unsere Würde genommen wurde beziehungsweise wir sie uns haben nehmen lassen, entsteht ein neues Gefühl von Würde und Integrität, wenn wir mit der Zeit erleben, dass wir uns selbst aus einer verletzenden Beziehung befreit haben.
Bis ein neues Selbstwertgefühl und ein gesundes Selbstvertrauen wiederaufgebaut sind, kann es allerdings eine Weile dauern. Es tut gut, in dieser Zeit mit vertrauensvollen Personen darüber zu sprechen. Wer sich verständnisvolle, unterstützende Gesprächspartner sucht, kann diese Phase schneller durchlaufen. Ich habe selbst einmal erlebt, wie der professionelle Blick von Außen und das therapeutische Hintergrundwissen mir Einsichten und Entwicklungen ermöglicht haben, die ich aus eigener Kraft niemals erreicht hätte. Wer die eigenen Anteile von denen des Partners besser unterscheiden kann, wer endlich wieder einen integeren und loyalen Gesprächspartner an seiner Seite spürt, fühlt sich erleichtert und gestärkt. Er findet seine eigene Würde schneller wieder und kann leichter loslassen. Fragen wir uns, wie wir das Scheitern unserer Beziehung für unsere Entwicklung nutzen können und wozu diese Erfahrungen gut sein könnten, gelangen wir zu einer neuen Sicht der Dinge und werden uns in Zukunft anders verhalten. Auf diese Weise bauen wir ein neues, stabileres Fundament für eine neue Liebe. Eines Tages, wenn wir genügend Abstand gewonnen und uns mit dem Geschehenen ausgesöhnt haben, können wir sagen: „Es war gut, dass ich diese Erfahrungen machen durfte, denn so habe ich wesentliche Dinge für mein Leben gelernt.“


Übung zur Neuorientierung

Schritt 1: Benennen Sie auf einer Liste mit 10 Punkten möglichst konkret, was Sie in Ihrer nächsten Beziehung nicht (mehr) erleben wollen.
Beispiel: „Mein Partner respektiert mich nicht. Er lässt meine Ansichten nicht gelten und erklärt mich für dumm oder ahnungslos.“
Schritt 2: Drehen Sie die einzelnen Punkte um. Benennen Sie in 10 Punkten genau das, was Sie in Ihrer nächsten Beziehung Gutes erleben wollen.
Beispiel: „Mein Partner respektiert mich. Er schätzt meine Ansichten und erzählt mir immer wieder, wie sehr er von meiner Sichtweise profitiert.“
Schritt 3: Verabschieden Sie sich von Ihrer Negativ-Liste, indem Sie sie in einer Art Ritual bewusst verbrennen, zerreißen oder im Wald vergraben.

Vergegenwärtigen Sie sich Ihre Liste zur Neuorientierung immer wieder. Versuchen Sie zu fühlen, wie es Ihnen in einer Beziehung mit einem Partner geht, der Sie achtet und Ihre Bedürfnisse gern erfüllt. Versuchen Sie zu spüren, dass Sie es verdienen, dies zu erleben. Es steht Ihnen zu.
Ankündigung: Weiterlesen in der Februar-Ausgabe der KGS Berlin: „Ich freue mich auf meine nächste Beziehung! Sich wieder für eine neue Liebe öffnen“.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. Weitere Infos zur Arbeit des Autoren auf www.jochen-meyer-coaching.de


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