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Ausgabe Januar 2015
Ideen verwirklichen. Von Wolf Schneider


Jeder von uns hat viele Ideen. Nicht alle davon wollen wir verwirklichen, nur einige, besondere, die besten davon, die faszinierendsten. Unter den guten, ethisch vertretbaren die wirklich wichtigen, die uns immer wieder in den Sinn kommen, die uns nicht loslassen. Meist besitzen sie uns eher mehr als dass wir sie besäßen – wir sind von ihnen besessen. Was jedoch nicht grundsätzlich schlecht ist. Mancher Besessene hinterlässt in seiner Mitwelt eine bessere Wirkungsbilanz als die vermeintlich ihre Ideen Besitzenden: Künstler und Schamanen sind unter ihnen, oft können sie nicht anders als dem zu folgen, was ihnen ein unausweichlicher Auftrag zu sein scheint.

Verblassende Ideen
Wenn wir vom Verwirklichen unserer Ideen sprechen, meinen wir eher die Ziele, die wir selbst zwar ethisch gut finden – und die uns Erfolg, Ruhm, Reichtum, Gesundheit, Freiheit oder bleibendes Glück verheißen –, deren Verwirklichung wir aber vor uns herschieben. Zu blöd aber auch, immer kommt etwas dazwischen. Der Besuch einer guten Freundin, ein wichtiger Einkauf, eine spannende Fernsehsendung, und außerdem ist gerade heute nicht der optimale Tag, um das anzugehen. Dann warten wir ab, bis der richtige Tag kommt für die Verwirklichung dieser großen Idee. So vergehen die Jahre, die Idee verblasst und ist irgendwann so weit wie das Feature im Ziehmenü meiner Computerprogramme, das ich schon längst mal ausprobieren wollte, jetzt ist es angegraut, ich kann draufklicken so oft ich will, nix geht mehr – da muss ich wohl was an den Einstellungen ändern.

Viktor Frankl
Der Wiener Suizidforscher, Freudschüler und KZ-Überlebende Viktor Frankl betonte immer wieder, dass nur dies uns tiefe, bleibende Erfüllung gibt: einen Sinn zu finden im Leben. Unser Tun muss im Kontext des Ganzen unseres Lebens Sinn und Bedeutung haben, auch wenn wir diesen Sinn meist nicht auf Anhieb finden. Wir müssen ihn suchen und dabei beharrlich sein, und auch unsere Suche bereits wertschätzen, nicht nur das Finden. Und wir dürfen dabei nicht zu sehr bloß hüpfen, wie kleine Kinder es so gerne tun, und immer nur mal dies, mal jenes ausprobieren. Hüpfen ist gut, aber wenn es dabei bleibt, vergeht das Leben, und wir verpassen das, was uns aus der Tiefe des Ureigenen ruft. »Es ist keine Schande, sein Ziel nicht zu erreichen, aber es ist eine Schande, kein Ziel zu haben!«, sagte Viktor Frankl hierzu.
Erst solche Erfüllung macht glücklich – viel mehr als ein köstliches Essen, hohes Lob, guter Sex oder ein schnelles Auto (womit ich jetzt keine Wertehierarchie aufstellen wollte…). Es macht glücklich, sich selbst ein Ziel zu setzen, das man selbst und die umgebende Wertegemeinschaft gut finden, und sich dann dafür einzusetzen, dass man es erreicht. Dazu braucht man Tiefe, Beharrlichkeit und eine gewisse Unabhängigkeit von den wechselnden persönlichen Meinungen der nahen sozialen Umgebung. Und du brauchst den Glauben an das Ziel: dass es erstens überhaupt wünschenswert ist und zweitens erreichbar. Und dann eine gewisse Stetigkeit im Streben danach. Du musst es aushalten können, dass der Erfolg nicht sofort da ist.

Der Marshmallow-Test
Das wohl bekannteste wissenschaftliche Experiment im Zusammenhang mit dieser Fähigkeit ist der Marshmallow-Test des Psychologen Walter Michel, den er 1968 bis 1974 an der Vorschule der Standford Universität in Kalifornien durchführte.
Er stellte den etwa vier Jahre alten Kindern zur Wahl, entweder jetzt sofort ein Stück der begehrten Süßigkeit zu erhalten, oder später zwei Stück davon. Das Experiment wurde wiederholt und verschieden abgewandelt, und man verfolgte den weiteren Lebenslauf dieser Kinder. Immer stellte sich dabei heraus, dass die Kinder, die imstande waren, die Belohnung aufzuschieben, später im Leben erfolgreicher waren, und zwar im Privaten ebenso wie im Beruflichen und quer durch alle Gesellschaftsschichten.
Auch in den Jahrzehnten danach wurde dieses »Paradigma des Belohnungsaufschubs« von vielen anderen Forschern bestätigt. Es scheint kaum ein Persönlichkeitsmerkmal zu geben, das eine bessere Prognose auf bleibendes Lebensglück bietet, als die Fähigkeit, Belohnung aufschieben zu können.

Eine Idee, deren Zeit gekommen ist
»Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist«, dieses berühmte Zitat von Victor Hugo war auch in meinem Leben, wie in dem so vieler anderer, eine leuchtende Fackel. Oder auch das hier von Mahatma Gandhi, das ebenso gerne wie das von Victor Hugo in Pionierkreisen weitergereicht wird, sei es zum Trost, weil man noch nicht die erwünschte Resonanz bekommt, oder als Durchhalteparole: »Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du.«
Wie sehr sind wir bei der Verwirklichung unserer Ideen eigentlich von unserer sozialen Umgebung abhängig?
Albrecht Ludwig Berblinger, bekannt als »der Schneider von Ulm«, hatte im Grunde genau das getan, womit 90 Jahre später die Gebrüder Wright den Startpunkt setzten für die Ära des Flugverkehrs, und endete doch verarmt und verspottet: Er habe Gott herausgefordert, hieß es, der den Vögeln, nicht aber den Menschen die Fähigkeit zum Fliegen gegeben habe. Wo geht Beharrlichkeit in Verbissenheit über, in Sturheit, Eigenbrötelei, Idiotie? Wie viel vom Erfolg einer Idee liegt an uns selbst, wie viel ist »Schicksal« oder die Gnade einer günstigen Geburt, in eine Zeit hinein, die dafür offen ist?

Samen verschwenden
In der Natur ist es so, dass die Pflanzen und Tiere ein Millionenfaches mehr an Samen produzieren, als dann zum Keimen kommt. Das heißt: Aus den meisten wird nichts. (Übrigens, hier etwas für die dunklen Stunden: Du, der du dies liest, und ich, der dies geschrieben hat, wir sind die Abkömmlinge der ganz wenigen Erfolgreichen unter den Samen unseres Vaters!) Es genügt offenbar, dass ein Millionstel Erfolg hat.
Sollten wir mit unseren Ideen ebenso umgehen? Sollten wir sie hinausblasen wie die Samen einer Pusteblume, in der Hoffnung, dass aus einer von ihnen ein Löwenzahn wird? Nicht ganz so, meine ich – nicht in allem sollte die Natur uns 1:1 Vorbild sein, zumal kaum einer weiß, was genau mit »der Natur« gemeint ist.
Jeder von uns hat vermutlich Hunderte von Ideen pro Tag. Nicht mit jeder dieser Ideen sollten wir unsere Mitmenschen belästigen. Ein paar davon aber lohnen sich zu durchdenken – es ist ja nicht immer Denken ein Zeichen dafür, dass du »noch im Kopf bist«. Und von diesen sind es wieder einige wert, anderen Menschen mitgeteilt zu werden. Und davon wiederum haben einige das Zeug in sich, von dir als Agent oder Mitschöpfer in einem Team verwirklicht zu werden.

Ambivalente Gewinne
Und wenn unter allen diesen eine große Idee dabei ist, die zu deinem Lebensthema wird, zu deiner Lebensaufgabe, dann knie dich da rein, setz dich dafür ein, gib dich dem hin!
Möge die Zeit dafür gekommen sein. Vielleicht wirst du jetzt noch dafür ignoriert, dann verspottet, dann bekämpft und dann – inshallah (so Gott es will) wirst du gewinnen! Und möge es gut sein, dass gerade du damit gewinnst und nicht irgendwer anders. Gandhis Erbe, um hier noch mal auf ihn zurückzukommen, ist ja nicht nur ein positives. Die Befreiung von der Kolonialmacht, das war gut, und es war höchste Zeit für diesen Schritt. Die Loslösung wurde jedoch von Gandhi forciert, und es teilte sich daraufhin dieses riesige, reiche Land in einem blutigen Religionskrieg, der bis heute nicht zu einem dauerhaften Frieden geführt hat. Und das Land blieb arm.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien.
Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett.
Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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