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Ausgabe Dezember 2014
Kleine Aromakunde. von Andrea Chuks


Die Anwendung von ätherischen Ölen ist ein integraler Bestandteil der Phytotherapie. Aber sollte man ätherische Öle tatsächlich ähnlich einem Medikament anwenden? Sind damit bereits alle Möglichkeiten dieser hochpotenten Tröpfchen ausgeschöpft?
Natürlich, viele von uns benutzen ätherische Öle z.B. in der Duftlampe „zum Wohlfühlen“ und „zur Entspannung“. Hinter diesen Aussagen steht oft der Wunsch, einfach ein wenig abschalten zu können nach arbeitsreichen, hektischen Tagen. Aber ist es dann das reine Ritual, die Tropfen - meist zuviel davon - in die Duftlampe zu träufeln und die Tür hinter sich zu schließen und zu signalisieren: Jetzt bin ich dran! Oder ist es doch die Wahl des ätherischen Öls, welches mich möglichst nah an meinen ursprünglichen individuellen Wunsch des Wohlfühlens heran bringt?
Therapeuten oder Praktiker erleben es immer wieder, dass hilfesuchende Menschen unter dem Begriff „Wohlfühlen“ etwas Unterschiedliches verstehen oder erhoffen. Wie kann es dann das eine Öl zum Entspannen oder die bestimmte eine Mischung zum Wohlfühlen geben?
Als Anwender von ätherischen Ölen sind wir aufgefordert, nachzufragen, was hinter einem einfach ausgedrückten Wunsch oder Bedürfnis steckt. Dies erfordert nicht nur Übung und Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen, sondern auch mit den ätherischen Ölen.
Ätherische Öle können - nicht müssen - Impulse geben bei der Verarbeitung eines Bedürfnisses auf der körperlichen, aber auch seelischen, geistigen und spirituellen Ebene. Dieses Bedürfnis muss nicht unbedingt ein Wunsch „gegen etwas“ sein, z.B. Kopfschmerzen, Trauer, Unkonzentriertheit. Ich könnte genauso gut den Wunsch verspüren, eine bestimmtes Potenzial, das ich bereits besitze, oder eine Ressource, die ich in mir trage, stärken zu wollen. Diese innere Haltung, einen bereits vorhandenen „Schatz“ bewahren und stärken zu wollen, anstatt etwas gegen Symptome oder Krankheiten zu nehmen. Die pathogenetische Sichtweise würde durch eine salutogenetische Sichtweise ersetzt werden.
Was sind meine Stärken und Potentiale, auch wenn es mir mal nicht gut geht oder wenn ich mich krank fühle. Krankheit wäre dann nicht ein störendes Element in meinem auf Vitalität, Jugendlichkeit und 100% Leistung ausgerichteten Leben, sondern eher ein Signal oder Warnhinweis, dass etwas nicht ganz so in meiner persönlichen Balance ist. Wie sonst in meinem Leben muss das nicht immer nur die körperliche Ebene betreffen.In diesem Fall ist es auch nicht mehr ganz stimmig, von Aromatherapie zu sprechen. Therapie ist ein mit Erwartungen besetztes Wort. Ich spreche in diesem Fall eher von aromakundlicher Begleitung.
Die Art und Weise der Anwendung von Essenzen ist wichtig und es gibt wie gesagt dabei ganz unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen und Möglichkeiten: bei und in einer ausgiebigen Massage, in einer kurzen Einreibung, mit Kompressen oder Wickel, in einem Inhalationsgerät, in der Badewanne, in der Duftlampe. Egal, für welche Anwendung man sich entscheidet: unser Empfinden, was ein lecker duftendes Öl oder ein unangenehm riechendes Öl ist, kann sich in unserem Leben mehrmals ändern und sagt überhaupt nichts darüber aus, ob das „ein schönes“ oder„mein“ Öl ist und ob es mir wirklich gut tun wird.
Im Laufe eines Lebens machen wir immer mehr Erfahrungen, die auch häufig unmittelbar an Gerüche gekoppelt werden. Das beginnt bereits im Mutterleib und zieht sich durch das ganze Leben. Durch diese Geruchsverbindung entsteht im limbischen System eine Kaskade an Emotionen und Verhaltensweisen, die uns nicht rational bewusst sind. Aber genau diese Impulse sind spannend zu beobachten für einen aromakundlich ausgerichteten Anwender von ätherischen Ölen.
Alle diese Aspekte gilt es in einem behutsamen und begleitenden Gespräch gemeinsam zu erarbeiten. Ohne gute und professionelle Gesprächsführung kommt kein ernsthaft arbeitender Therapeut oder Praktiker aus, erst danach kommt die Wahl der oben genannten Anwendungsmöglichkeiten und des eigentlichen ätherischen Öls. Oder anders und banal ausgedrückt: dem ätherischen Öl ist es egal, welche Anwendungstechnik und welche Körperstelle für die Anwendung ausgesucht wird. Wenn man einige grundsätzliche Anwendungsbedingungen einhält - und die gilt es in einer seriösen Ausbildung profund zu erlernen - wird jede Form der Anwendung zu einer interessanten und intensiven Begegnung zwischen Mensch und Öl.
Und wenn ich mir in der Selbstbehandlung etwas Gutes tun möchte? Dann versuche ich mich an eine Situation zu erinnern, in der ich mich gut fühlte und vieles stimmig war. Vielleicht kann ich diese Situation mit einem Bild, einem Symbol oder sogar direkt mit einem Geruch zu verbinden. Und wähle eine einfache Technik aus, zum Beispiel eine kurze Einreibung oder ein Vollbad. Und lasse es mir gut gehen.

Die Autorin Andrea Chuks leitet das Hospitz Paul-Gerhardt und ist Dozentin für Aromakunde an der alcimia-Heilpflanzenschule.
weitere Infos zum Thema auf www.alcimia.de - Telefon 030/844 17 001


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