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Ausgabe Dezember 2014
All-Ein-Sein. von Jochen Meyer

Wie wir uns selbst finden, was wir für ein erfüllendes Leben brauchen .

Die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel: Das können schwierige Zeiten sein – vor allem für Menschen, denen es gesundheitlich oder beruflich nicht gut geht oder die sich in einer schwierigen, Beziehungssituation befinden. Überall wird Harmonie und Glück beschworen; und auch wenn die Weihnachtsseligkeit durch den unübersehbaren Konsumterror pervertiert wird: Die Sehnsucht nach Wohlergehen im Kreise geliebter Menschen wird hervorgerufen. Blickt man dann noch ins krisengeschüttelte Außen, so hat man allen Grund, angesichts des Unheils in aller Welt noch mehr Sehnsucht nach dem Heilen zu verspüren.
Kann man zu so viel Elend eine positive Beziehung einnehmen? Wie soll man da nicht verzweifeln und sich innerlich abwenden? Wie mit den eigenen Ohnmachtsgefühlen und Existenzängsten klarkommen? Was kann in einer so unsicheren Zeit Stabilität und Halt geben?
Das wichtigste Heilmittel, das ich kenne, sind lebendige Beziehungen zu anderen. Das kann die Partnerin sein oder der Partner, aber genauso gut auch Freunde, Familienmitglieder, Verwandte, Kollegen – wer gut mit anderen verbunden ist und Gleichgesinnte hat, wer sich über das Leidvolle mit anderen austauschen kann, findet eher Halt und Trost. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass gute, lebendige Beziehungen nicht nur seelischen Halt geben, sondern sich stärkend auf unseren Organismus und unser Immunsystem auswirken – sie können unsere Lebenserwartung um bis zu 15 Jahre erhöhen. Die eigene Beziehungsfähigkeit zu stärken ist insofern eine der besten Investitionen, die sich denken lässt. Man tut vor allem sich selbst etwas Gutes, wenn man endlich ernsthaft damit beginnt, einen schwelenden Familienkonflikt zu klären, mehr Lebendigkeit in seine Beziehung zu bringen oder seiner Partnersuche neuen Schwung zu geben. Menschen, die sich ihren Themen widmen und die sich aktiv für die Verbesserung ihrer Lebenssituation engagieren, geht es emotional besser. Sie nehmen das Leben weniger als etwas Leidvolles wahr, da sie sich selbst mehr als Mitgestalter ihrer Wirklichkeit erleben und mehr Sinn in dem erkennen, was geschieht.
Wer sich für bessere Beziehungen zu anderen engagiert, bewirkt, dass sich auch seine Beziehung zum Leben an sich verbessert.
Dies ermöglicht auch, seine Haltung zu den großen Leidensthemen zu klären, mit denen uns das Leben zwangsläufig konfrontiert. Dazu gehört auch, den grundlegenden Unterschied zwischen Alleinsein und sich einsam fühlen zu verstehen. Frage ich Singles, mit denen ich als Coach hauptsächlich arbeite, warum sie sich einen neuen Partner wünschen, so antworten viele: „Ich möchte nicht länger allein sein.“ Schauen wir dann genauer hin, so ist es meist nicht das Alleinsein als solches, sondern das damit verbundene Erleben, sich einsam zu fühlen. Ob als Single oder in einer Beziehung lebend: einsam fühle ich mich, wenn ein wichtiger Lebensbereich unerfüllt ist, wenn elementare Bedürfnisse nach Kontakt ungestillt sind oder wenn mein Leben zu wenig lebendig ist. Hier gilt es genau hinzuschauen und zu klären, welche Bedürfnisse erfüllt werden wollen und was konkret dafür getan werden kann.

Das All-Ein-Sein annehmen
Auf einer grundsätzlicheren Ebene geht es jedoch oft auch darum zu erkennen, dass wir in einer unaufhebbaren Paradoxie von Alleinsein und Verbundensein leben: Wir sind immer allein und zugleich immer verbunden. Wir nehmen beispielsweise unsere Nahrung allein auf und verdauen sie allein; zugleich sind wir darin mit allen übrigen Lebewesen verbunden, die auf dieselbe Weise die gleichen Moleküle und Nährstoffe zu sich nehmen. Wir atmen alleine ein und aus und sind genau dadurch mit allen Menschen verbunden, die ebenfalls Sauerstoff einatmen. Der Punkt ist, ob wir unser existentielles Alleinsein wirklich annehmen und uns mit anderen verbunden fühlen oder ob wir uns als einsam und getrennt erleben. Wenn ich sage: „Ich bin allein!“, so kann dies auch eine treffende Zustandsbeschreibung meiner existentiellen Lage sein und Ausdruck meiner Selbständigkeit. Meist bedeutet „ich bin allein“ aber „ich fühle mich einsam“ und sagt nicht etwas über das, wie die Dinge sind, sondern wie wir sie erleben. Dann erleben wir uns als zu wenig in Kontakt – getrennt von anderen, vom Glück und dem, was uns erfüllen würde. Dann geht es jetzt entweder darum, wieder mehr in Kontakt zu kommen – sich wie oben beschrieben für lebendigere Beziehungen zu engagieren. Oder es geht darum, das Alleinsein als Grundtatsache des Lebens auf einer tieferen Ebene anzuerkennen. Mit sich allein sein zu können, ist eine Voraussetzung für gelingende Beziehungen – wer nicht gut mit sich sein kann, kann es auch nicht mit anderen. Das Alleinsein anzunehmen kann bedeuten, seinem Leben selber Sinn zu geben – und zwar aus sich selbst heraus, unabhängig von anderen. Es kann bedeuten, dass wir unsere eigene Autonomie noch stärker ausbilden, unsere wahren Interessen noch aufrichtiger verfolgen, unsere Freundschaften noch bewusster pflegen, aus eigenem Impuls heraus liebevoll zu anderen sind, anstatt uns von der Liebe anderer abhängig zu machen. Das Alleinsein wird dann kein Leidenszustand sein, sondern eine vorübergehende Phase, in der wir uns noch tiefer auf uns selber einlassen und uns neu mit dem Leben verbinden. In „allein“ stecken „All“ und „Ein“ – Hinweise auf die universale, unteilbare Einheit allen Seins. In „Alleinsein“ steckt zudem noch „Sein“ – das „All-Ein-Sein“ kann also auch eine existentielle Ganzheitserfahrung beinhalten oder die Erfahrung der Einheit von sich und dem Kosmos beschreiben. Fühlen wir uns einsam und getrennt, so könnte dies vielleicht auch eine Aufforderung des Lebens an uns sein, uns in unserem existentiellen All-Ein-Sein endlich anzunehmen. Öffnen wir uns diesem Weg nach Innen – allein auf meinem Meditationskissen spüre ich mein Verbundensein oft am intensivsten – dann werden wir unabhängiger und können andere lieben, ohne sie zu brauchen. Kommen wir auf diese Weise bei uns selber an, dann können wir auch denen etwas Halt geben, die ihn noch nicht in sich gefunden haben.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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