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Ausgabe November 2014
Jenseits von Licht und Schatten. Wie Beziehungen ohne Feindbilder möglich werden. Von Jochen Meyer


In einer Beziehung zuleben ist gefährlich. Wir können nicht vermeiden, dass unsere Partner unsere Knöpfe drücken und dass wir von ihnen enttäuscht oder verletzt werden. Doch wir können lernen, auf andere Weise damit umzugehen.
Einer meiner wunden Punkte wird berührt, wenn meine Freundin mich wegen eines unerwünschten Verhaltens tadelt, mich als Versager hinstellt und mir das Gefühl gibt, ein schlechter Mensch zu sein. Die Gefühle von Schuld und Scham, die mich dann überfluten, halte ich dermaßen schlecht aus, dass ich zu dem Gesagten unwillkürlich in Widerstand gehen, mich über meine Freundin empöre und sie am liebsten laut beschimpfen möchte. In solchen Momenten wird die Frau, die ich liebe, zu einem Feind, den ich bekämpfen möchte. In meiner Wahrnehmung wird sie zur Täterin und ich zum Opfer, das sich zu Unrecht schlecht behandelt fühlt. Das Drama, das hier seinen Lauf nimmt, liegt in der dualistischen Weltsicht begründet, wonach wir uns – meist unbewusst – zwischen Polaritäten wie Freund und Feind, gut und schlecht oder Licht und Schatten bewegen. Zwar wollen wir alle auf der Seite des Guten stehen, doch das Gesetz der Polarität bringt es mit sich, dass da, wo Licht ist, auch Schatten sein muss. Und auch das Gute gibt es nicht ohne das Schlechte.

Eine Sicht, die alles verändert
Die Schwierigkeiten, die daraus in unseren Beziehungen entstehen, können wir auflösen, wenn wir versuchen, über die Polarität des Feindbilddenkens hinauszugehen. Fühle ich mich von meiner Freundin angegriffen, so versuche ich, in einer gleichsam mir selbst gestellten Übung meinen spontanen Impuls „Sie will mir schaden!“ durch die Annahme zu ersetzen: „Sie tut gerade das Beste, das ihr möglich ist.“ Das ist eine so ungewohnte wie ungewöhnliche Betrachtungsweise, dass ich mir oft erst einmal Zeit nehmen muss, um sie auf die aktuelle Situation anzuwenden. Gelingt es mir aber, in Ruhe darüber nachzudenken, warum mich meine Partnerin tadelt und warum das ihr bestmögliches Verhalten sein soll, stellen sich erstaunliche Einsichten ein, die mir oft einen vollkommen neuen Umgang mit der Situation ermöglichen.
Wenn ich dir schon etwas unterstelle, dann doch lieber etwas Gutes!
Gehe ich davon aus, dass meine Freundin mich nicht vorsätzlich verletzen will, sondern gerade das ihr Bestmögliche tut, so bringt mich ihr dies emotional wieder näher und ich komme ihren wahren Motiven auf die Spur. Mir wird beispielsweise bewusst, dass sie mich primär gar nicht als Versager beschimpfen, sondern mir etwas über ihren Schmerz mitteilen will – dafür aber gerade keine passenderen Worte findet. Stelle ich mir vor, dass ihre tadelnden Bemerkungen in diesem Moment und unter den gegenwärtigen Umständen das ihr Bestmögliche darstellen, dann sehe ich darin nicht länger einen Angriff auf meine Person. Vielmehr erkenne ich darin eine wichtige Mitteilung an mich, die allerdings verpackt ist und noch von mir entschlüsselt werden muss. Erkenne ich, dass die „bösartigen“ Worte meiner Freundin das Beste sind, zu dem sie gerade imstande ist, so fühle ich kein Bedürfnis mehr, dagegen anzukämpfen. Ich sehe sie dann nicht mehr als Täterin und kann ihr weiter als Partnerin begegnen. Zum Beispiel, indem ich sie gezielt auf ihre versteckte Botschaft anspreche: „Bei aller Wut auf mich, die ich gerade bei dir spüre – was ist es, das dich eigentlich bewegt, was möchtest du mir wirklich sagen?“
Gelingt es mir, einigermaßen gelassen zu bleiben und so auf meine Freundin zuzugehen, geschieht oft etwas Wunderbares: Anstatt mich weiter anzuklagen, beginnt sie, die natürlich längst mit einem heftigen Gegenangriff meinerseits gerechnet hat, allmählich ruhiger zu werden und zu schmelzen. Spürt sie, dass ich sie nicht als Täterin sehe und verurteile – verurteilt zu werden ist für sie ähnlich schrecklich wie für mich – wird der Ton zwischen uns weicher und versöhnlicher. Die feindselige Stimmung löst sich auf.
Natürlich geraten wir als niemals ausentwickelte Menschen ständig an unsere Grenzen. Natürlich gelingt es auch uns nicht, den anderen vor enttäuschenden oder verletzenden Momenten zu bewahren. Aber wir wissen, dass es jenseits des klassischen Täter-Opfer-Dramas andere Räume gibt, in denen wir uns tiefer, aufrichtiger und liebevoller begegnen können. Um mit dem persischen Mystiker Rumi zu sprechen:
„Jenseits von gestern und morgen, richtig und falsch gibt es einen Platz. Dort treffen wir uns.“

Unsere Schatten wollen gesehen werden
Wovon ich hier spreche, ist eine echte Herausforderung und oft nicht in einem Anlauf zu schaffen. Anfangs sträubte sich alles in mir, den Gedanken zuzulassen, dass gerade die, die mich stören und bis zur Weißglut bringen, das ihnen Bestmögliche tun. Oder, noch globaler betrachtet, dass dies auch für gewalttätige Menschen gelten soll, die andere verletzen oder missbrauchen. Erst einmal schien mir das ein unglaubwürdiger, schwer erträglicher Gedanke. Und doch erkannte ich mit der Zeit, dass die Annahme, dass unser Gegenüber im Kern gut ist und in dem, was er tut, das ihm in diesem Moment Bestmögliche tut – einen neuen Raum öffnet. Einen Raum, in dem ich einen Menschen neu sehen und in seinem Menschsein achten kann, was nicht bedeutet, dass ich sein Verhalten immer gutheiße.
Es öffnet sich ein Raum, in dem ich meine Freundin, wenn sie mich mit unangenehmen Gefühlen in Kontakt bringt, nicht reflexhaft aus meinem Herzen verbannen muss.
Für mich öffnet sich hier ein Raum jenseits von Licht und Schatten: Weder bin ich darauf angewiesen, immer nur im Licht zu sein, immer nur geliebt zu werden – noch bin ich darauf angewiesen, die Schatten bekämpfen zu müssen. Licht und Schatten sind einfach da – ich setze sie als gegeben voraus. Weder kämpfe ich gegen die Schatten noch für mehr Licht – vielmehr akzeptiere ich sie als Realität. Ich sehe sie als Teil der menschlichen Natur, mit der umzugehen mich das Leben auch in Zukunft weiter herausfordern wird. Bewege ich mich so vom „entweder-oder“ zum „sowohl-als-auch“, dann erwarte ich, dass mir auch weiterhin konstruktive wie destruktive Seiten an mir wie an anderen begegnen werden.
Und ich spüre: Ein mitfühlendes Herz ist groß genug, mit beiden klarzukommen. In einem liebenden Herzen ist genügend Licht, um auch die Schatten anzuschauen. Für dieses Licht stehen Worte wie zulassen, akzeptieren, loslassen; aber auch mich einfühlen, auf dich zugehen, die Dinge beim Namen nennen.
Licht und Schatten sind so gesehen keine Gegensätze, vielmehr gehören sie zusammen.
Schatten sind Lichtphänomene; sie existieren überhaupt erst durch das Licht und sie gehen im Licht auf. Erst durch die Schatten werden Dinge plastisch, lebendig und interessant. Menschen auch!
Erst die Schatten verleihen den Dingen Tiefe; im vollen Licht dagegen sind wir geblendet und sehen fast nichts. Die eigenen Schatten zu erkennen, sie zuzulassen und anzunehmen ist Teil des Lichtvollen in uns. Erst wenn wir uns auch mit unseren Schattenseiten bejahen, werden wir wirklich menschlich. Wir können die Schatten, die auf unserer Seele liegen, mit unseren Herzen heilen. Nicht, indem wir sie zu bekämpfen und zu eliminieren versuchen, sondern indem wir sie ganz behutsam aus dem Dunkel der Verdrängung ins Licht holen. Dann kann ich sogar dazu stehen, dass ich leicht verletzlich bin, wenn ich mich angegriffen fühle und sagen: „So bin ich eben – zum Glück!“

Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.
Infos unter www.jochen-meyer-coaching.de


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