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Ausgabe November 2014
Wieder in Kontakt kommen. aus dem Buch von Laurence Heller und Aline LaPierre

In ihrem Buch „Entwicklungstrauma heilen“ stellen Laurence Heller und Aline LaPierre das „Neuroaffektive Beziehungsmodell“ als ein neues Werkzeug der Traumaheilung vor. Es stärkt die Fähigkeit zur Selbstregulierung und die Entwicklung eines gesünderen Sel

Der Preis der Freiheit ist ewige Achtsamkeit
In diesem Buch geht es um die Wiederherstellung eines verloren gegangenen Kontakts. Die Erfah-rung, in Kontakt mit uns selbst und anderen zu sein, stillt die Sehnsucht, uns durch und durch leben-dig zu fühlen. Ist die Fähigkeit, in Kontakt zu sein, eingeschränkt, mindert es unsere Lebendigkeit und genau auf dieser nicht gleich offensichtlichen Dimension basieren die meisten psychischen und viele physische Probleme. Leider ist uns oft gar nicht bewusst, welche inneren Barrieren verhin-dern, dass wir das ersehnte Maß an Kontakt und Lebendigkeit spüren. Barrieren dieser Art entstehen als Reaktion auf zutiefst schmerzhafte Erfahrungen in Verbindung mit Schock- und Entwicklungs-traumen. Hier setzt das Neuroaffektive Beziehungsmodell an: Mit seiner Hilfe lassen sich einerseits die Barrieren ermitteln, die dieses In-Verbindung-Sein verhindern und andererseits gesunde Aus-drucksformen von Lebendigkeit unterstützen. In diesem Buch befassen wir uns mit Konflikten rund um unsere Fähigkeit zum In-Kontakt-Sein mit uns selbst und anderen und ergründen Wege, diesen Kontakt zu vertiefen und größere Lebendigkeit zu entwickeln und zu fördern.
Ursprünglich hatte ich vor, ein Buch für die klinische Praxis zu schreiben. Bald jedoch zeigte sich, dass der hier eingenommene Blickwinkel auch in Sachen Selbsterfahrung hilfreich sein könnte – für alle, die sich in irgendeiner Form aufgemacht haben, mehr über sich herauszufinden, und die neue Impulse suchen, um ihre Selbsterkenntnis, ihr persönliches Wachstum und ihre Heilung voran-zutreiben. Von ihm profitieren werden also einerseits Fachleute aus der klinischen Praxis, deren Ar-beit es um eine zusätzliche Dimension bereichern wird, aber es bietet andererseits auch Orientie-rung für Menschen, denen es darum geht, mehr mit sich und anderen in Kontakt zu sein und sich generell wohler in ihrer Haut zu fühlen.
Viele psychotherapeutische Systeme basieren auf einem medizinischen Krankheitsmodell. Im Mit-telpunkt stehen für sie von daher die Krankheitsbilder der Psyche: In der Regel ergründet die Psy-chotherapie die Vergangenheit eines Menschen und sucht die dysfunktionalen kognitiven und emo-tionalen Muster zu ermitteln, die seinen psychischen Problemen zugrunde liegen. Neuere Erkennt-nisse zur Funktionsweise von Gehirn und Nervensystem haben mittlerweile allerdings dazu geführt, dass altgediente psychologische Methoden auf den Prüfstand gekommen sind. Es zeigt sich immer klarer, dass wir neue klinische Ansätze brauchen. Aus heutiger Warte scheint es eine fragwürdige Hypothese, dass wir nur wissen müssten, was im Leben eines Menschen falsch gelaufen ist, dann wüssten wir auch, wie wir ihm bei der Lösung seiner Probleme helfen können.
Wir wissen heute zum Beispiel: Wenn wir uns auf dysfunktionale Aspekte konzentrieren, laufen wir Gefahr, diese Dysfunktionalität noch zu verstärken. Stellen wir Defizite und Schmerz in den Mittel-punkt, so werden wir (oder unsere Klienten) wahrscheinlich immer besser im Erleben von Defiziten und Schmerz. So ähnlich verhält es sich, wenn in erster Linie die Vergangenheit im Fokus steht: Es schult das Reflexionsvermögen über die Vergangenheit, kann aber dazu führen, dass die Vorge-schichte der Person wichtiger scheint als das, was sie gegenwärtig erlebt.

Ein neuer Ansatz zur Traumaheilung
In „Entwicklungstrauma heilen“ wird ein somatisch orientiertes psychotherapeutisches Verfahren vor-gestellt, bei dem die Förderung der menschlichen Fähigkeit zu In-Kontakt-Sein und Lebendigkeit im Mittelpunkt steht: das Neuroaffektive Beziehungsmodell (NeuroAffective Relational Model, NARM). Es handelt sich um ein Modell für persönliche Weiterentwicklung, The-rapie und Heilung, bei dem die Vergangenheit eines Menschen zwar nicht ignoriert wird, der Akzent jedoch eher auf den Stärken, den Fähigkeiten, den Ressourcen und der Resilienz liegt. NARM ergründet die persön-liche Vorgeschichte nur im Hinblick auf früh im Leben erlernte Bewältigungsmuster, die sich stö-rend auf unseren Kontakt mit uns und anderen auswirken und darauf, uns hier und heute lebendig zu fühlen. NARM hilft beim Auf- und Ausbau unserer Fähigkeiten, in Kontakt mit unserem Körper, mit unseren Gefühlen und mit anderen Menschen zu sein – Fähigkeiten, die eng zusammenhängen.

Fünf biologisch bedingte Kernbedürfnisse
Nach dem Verständnis von NARM gibt es fünf biologisch bedingte Kernbedürfnisse, die für unser physisches und emotionales Wohlergehen entscheidend sind: das Bedürfnis nach Kontakt, nach Ein-stimmung, nach Vertrauen, nach Autonomie und nach Liebe/Sexualität. Wird eines der biologisch bedingten Kernbedürfnisse nicht erfüllt, führt dies zu absehbaren psychischen und physiologischen Symptomen. Selbstregulierung, Identität und Selbstwertgefühl geraten ins Wanken. In dem Maße, in dem unsere biologisch bedingten Kernbedürfnisse in der Frühzeit unseres Lebens erfüllt werden, entwickeln wir Kernfähigkeiten, die uns erlauben, derartige Bedürfnisse im Erwachsenenalter zu er-kennen und für ihre Erfüllung zu sorgen. Auf diese fünf Kernbedürfnisse und -fähigkeiten einge-stimmt zu sein bedeutet, dass wir mit unseren tiefsten Ressourcen und unserer tiefsten Lebensessenz in Kontakt sind.
Auch wenn man den Eindruck gewinnen könnte, dass Menschen von einer endlosen Zahl verschie-denster emotionaler Probleme und Herausforderungen geplagt wären: Die meisten davon lassen sich auf die beeinträchtigte Entwicklung einer oder mehrerer der fünf Kernfähigkeiten zurückfüh-ren. Auf das Beispiel des ersten Kernbedürfnisses bezogen (Kind bekommt nicht den Kontakt, den es braucht), bedeutet es, dass das Kind zu einem Menschen heranwächst, der einerseits Kontakt sucht und andererseits Angst davor hat. Wenn Kinder in der Frühzeit ihres Lebens keine ausreichen-de Einstimmung auf ihre Bedürfnisse erfahren (zweites Kernbedürfnis), lernen sie nicht, zu merken, was sie brauchen. Sie können eigene Bedürfnisse nicht ausdrücken und haben oft das Gefühl, sie hätten es nicht verdient, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden. In dem Maße, in dem wir innerlich die Fähigkeit entwickeln, für unsere eigenen Kernbedürfnisse zu sorgen, kann sich Selbstregulie-rung, innere Organisation, Expansion, Kontakt und Lebendigkeit einstellen – alles Merkmale kör-perlichen und seelischen Wohlbefindens.
Die gesunde Entwicklung der Kernfähigkeiten zu unter-stützen, ist ein zentraler Punkt des NARM-Ansatzes.

Übung: Die eigene Lebendigkeit spüren
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um an einen Zeitpunkt in Ihrem Leben zurückzudenken, wo Sie sich ganz besonders lebendig fühlten. Wählen Sie hierfür ein Ereignis, das gut ausging (oder zu-mindest kein böses Ende nahm). Es könnte eine Situation sein, in der Sie mit jemandem zusammen waren, in einer Gruppe oder für sich allein – alles ist möglich: von einem Erlebnis draußen in der Natur über die Geburt Ihres Kindes bis zu einem Liebesakt. Rufen Sie sich so viele sensorische De-tails des Erlebnisses wie möglich in Erinnerung: Farben, Geräusche, die Temperatur, die Gerüche … Nehmen Sie wahr, während Sie sich diese sinnlichen Einzelheiten vergegenwärtigen, wie diese sich auf Sie auswirken. Beobachten Sie möglichst, was Sie dabei körperlich erleben. Sollten Sie zu den Menschen gehören, die sich schwertun damit, in ihren Körper hineinzuspüren, geben Sie sich den Raum dafür, generell wahrzunehmen, welche Wirkung die Erinnerung auf Sie hat.
Nehmen Sie sich Zeit für diese Übung. Achten Sie auf Gedanken, Wertungen oder Emotionen, die vielleicht in den Weg geraten, wenn Sie kurz davor sind, Ihre Lebendigkeit und ein Gefühl der Ex-pansion zu spüren. Selbst wenn es Ihnen gelingt, ein immer größeres Wohlgefühl zu erleben, seien Sie nicht allzu überrascht, falls mit dieser Expansion auch Traurigkeit aufsteigt – vielleicht, weil die erinnerte glückliche Zeit vorbei ist. Sollten Sie Traurigkeit verspüren, nehmen Sie sie wahr, aber konzentrieren Sie sich nicht primär auf sie.

Es gibt nicht »die« richtige Reaktion auf diese Übung. Etwas, was bei der Erinnerung an eine solche Zeit jedoch bei vielen Menschen aufsteigt, ist ein Gefühl des Im-Fluss-Seins, von Wärme, Vergnü-gen, ein Gefühl der Lebendigkeit und Expansion.


Aus: Laurence Heller, Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen - mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Laurence Heller ist Arzt, somatisch orientierter Psychologe und als Traumaexperte Begründer von NARM (Neuroaffective Relational Model). Er leitet Ausbildungen in NARM und Somatic Experiencing auch im deutschsprachigen Raum. Aline LaPierre ist Psychoanalytikerin und Körpertherapeutin und hat die Methode „NeuroAffective TouchTM“ begründet.

Buchtipp:
Laurence Heller, Aline LaPierre, Entwicklungstrauma heilen – Alte Überlebensstrategien lösen, Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken, Kösel Verlag, München 2013


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