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Ausgabe Oktober 2014
Beitragsreihe 2014 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Vultur gryphus, aus der Feder des Anden-Condors

Mit dem Anden-Condor den letzten Schritt ins Feuer

H. Schäfer: Welches homöopathische Mittel hat in der letzten Zeit Ihre Arbeit besonders geprägt?
Andreas Krüger: Vultur gryphus, das aus der Feder des Anden-Condors hergestellt wird. Nach meinen Erfahrungen in den letzten Wochen und Monaten stößt der Anden-Condor Türen auf, die mit dem, was ich in den letzten 35 Jahren erarbeitet habe, nicht aufzustoßen waren. Es ist immer wieder ein Phänomen in meiner Arbeit und auch in meinem Privatleben gewesen, dass ich Menschen mit guten Arzneien, mit tiefwirkenden Leibarbeiten, mit tollen Aufstellungen, mit verrückt heilsamem Schamanismus sehr, sehr weit helfen konnte und ich das Gefühl hatte, sie kommen an Punkte, wo nicht mehr viel fehlt und sie haben nie mehr in ihrem Leben Probleme. Ich habe also schon oft erlebt und kenne es auch selbst ein bisschen, dass Menschen mittels Therapie an Punkte kommen in ihrem Leben, wo man das Gefühl hat, es fehlt noch ein Schritt und dann haben sie eine Form von Freiheit oder von „Erleuchtung“ – was nach Vayvamus ja nur bedeutet, dass sie dann keinen Schatten mehr werfen – was das Leben dieser Menschen auf eine Art und Weise verändern wird, wo Dinge möglich sein werden und wo Dinge auch nicht mehr passieren werden, die im Augenblick – solange man noch auf dieser Seite der Tür ist – unvorstellbar ist.

Und wo sind die ganzen „Erleuchteten“?
Sie verschwinden vorher. Ich habe oft erlebt, dass kurz bevor dieser letzte Schritt gegangen wird – das kann beruflich sein, das kann aber auch in einer Liebesbeziehung sein – der andere verschwindet. Ich sage immer wieder zu meinen Schülern, dass die meisten Patienten sie nicht verlassen, weil sie schlechte Therapien machen, sondern die meisten der Patienten werden sie verlassen, weil sie gute Therapien machen. Wir erinnern uns an das Gedicht, das Nelson Mandela bei seiner Amtseinführung zitierte, dass unsere Angst die vor unserem Leuchten ist. Ich habe Fälle erlebt, wo nur noch ein Schritt notwendig gewesen wäre – aber der Patient oder der Schüler, die Liebste oder der Liebste, verschwand einfach. Es gab meistens gute Argumente für das Verschwinden, manchmal auch gar keine und derjenige war für Jahre weg. Dass ein Patient weg bleibt, den man seit drei Jahren ohne Erfolg behandelt, finde ich normal. Wenn ich jemanden ein Jahr ohne Erfolg behandle, dann lasse ich testen, ob ich und das, was ich mache, überhaupt das Richtige ist. Inzwischen lasse ich das vorher testen, ob ich überhaupt der Richtige bin. Aber wenn jemand kommt und sagt, dass es ihm immer besser geht und er nächste Woche einen Workshop hat, wo sich schon 60 Leute angemeldet haben, außerdem einen Buchvertrag hat und bei Germans-next-Topmodell in die Endauswahl gekommen ist, dann denkst du: JA, noch eine Gabe und der geht durch. Dabei vibriert das eigene Ego vor lauter Glück, bei diesem Menschen so viel Erfolg gehabt zu haben. Aber auf einmal verschwindet dieser Mensch und taucht nicht wieder auf.

Gibt es das auch in Liebesbeziehungen?
Aber ja: Es gab einmal eine Zeit, da war ich noch nie so glücklich, noch nie so sicher, hatte noch nie so tollen Sex und konnte mich noch nie so toll unterhalten – und eigentlich ging es nur noch um den nächsten Schritt. Aber von einem Tag auf den anderen war alles vorbei und zurück blieb ein Berg von Schuld und der andere war weg. Ich stand da und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte. Erst nach vielen Jahren begriff ich: Da war kein Fehler!
An dieser Stelle möchte ich den Astrologen Wolfgang Meissner aus München ehren: Er hat die Logotherapie Viktor Frankls mit der Astrologie kombiniert und nennt es Astrologotherapie. Ich war bei ihm und habe mich beraten lassen, weil ich einen Stück Weg mit einem Menschen gegangen bin, der sehr intensiv und sehr nah war und wo für beide klar war, dass man sich in Räume bringen kann, in denen man vorher noch nie war und in die – glaubte man – auch nicht hinkommt. Durch das Aufeinandertreffen dieser beiden Menschen schien der Schritt in diesen Raum möglich zu sein. Aber dann, kurz bevor man diesen Schritt ging, verschwand der Mensch oder – in diesem Fall – wurde der Mensch überflutet von Schuld und schlechtem Gewissen.

Und was hat Wolfgang Meissner gesagt?
Er sagte, dass es eine Qualität ist, die man hat oder nicht hat, über diesen Punkt zu gehen. Viktor Frankl hat das „Innerste Innen“ genannt und Wolfgang Meissner nennt diesen Punkt den „Phönixpunkt“. Man kann in diesen Punkt hineingehen und verbrennen. Einfach verbrennen und dann kommt etwas völlig Neues heraus. Weil dieser Mensch, der in diesen Punkt hinein geht, alle seine Konzepte und alle seine Traumata einfach abfackelt – und was daraus entsteht, ist ein Phönix.
Das hat mich wahnsinnig berührt, weil ich auch für mich die Botschaft im Frankschens Sinne bekommen habe: Wichtig ist der Gewinn, den du daraus hast: a) die Süße einer Niederlage daraus zu schmecken, was sehr hilfreich in der menschlichen Entwicklung sein kann und b) die Erfahrung zu machen, einfach weiter zu lieben, egal was der andere macht – einfach weiter zu lieben. Viktor Frankl hat das beeindruckende Buch „Ja zum Leben zu sagen“, in dem er berichtet, was ihm im KZ passierte, wo er 90% seiner Familie verloren hatte und danach trotzdem weiter JA zum Leben sagen konnte. Wenn wir einfach weiter lieben, adelt es uns und erhöht uns dann. Darum ist es Quatsch, dauernd zu sagen, loszulassen, loslassen, loslassen, weil wir mit dem Loslassen auch eine Chance vergeben.

Was haben jetzt Phönix und Condor gemeinsam?
Als ich von Wolfgang nach Hause kam, schlug ich im Repertorium unter der Rubrik Phönix nach und fand ein einziges Mittel: den Condor. Daraufhin beschäftigte ich mich mit diesem Condor und erfuhr, dass er ein heiliges Tier der südamerikanischen Indianer ist. Außerdem ist er von allen Vögeln der, der am höchsten am Himmel schwebt und damit einen ganz besonderen Blick auf die Welt hat. Und er ist ein Aasfresser: Der Condor frisst das Tote. Er frisst die Leichen, die wir im Keller haben und die verhindern, dass wir nicht durch diese Tür gehen, weil wir noch mit hunderten von Leichen und Leidenden verbunden sind. Der Condor hat die Fähigkeit, sie wegzufressen.
Es gibt viele Kulturen, die ihre Toten von Geiern fressen lassen. So ist der Condor in vielen Kulturen das Bild für den Übergang oder für den Durchgang, für diese letzte Tür ins Andere. Nachdem ich das erfahren hatte, habe ich Menschen, bei denen ich glaubte, dass sie an diesem Punkt sind, testen lassen, ob sie Condor brauchen. Und ich bin mir sicher, dass einige Patienten ohne dieses Mittel verschwunden wären, weil sie zu viel Angst gehabt hätten vor dem, was ihnen begegnet, wenn sie durch diese Tür gehen.
Ich glaube, dass viele – ob spiritueller Lehrer, Therapeut oder Liebhabender – nicht deshalb verlassen werden, weil sie blöd sind, sondern im Gegenteil: Weil sie den anderen an einen Punkt bringen, wo etwas ganz besonderes möglich wäre: nämlich diesen Schritt ins Licht, ins Unbekannte, ins Nicht-Duale, ins Essenzielle zu gehen.
Man sollte immer dann an den Condor denken, wenn man – ob therapeutisch, ob spirituell sich schulend oder ob liebestechnisch – an einen Punkt kommt, wo man denkt, dass etwas ganz Neues möglich ist, aber auf einmal Angst und Zweifel, das Magengeschwür, der eleptische Anfall oder der Nierenkrebs kommen. Denn er kann all diese Krankheiten vielleicht überflüssig machen, weil er zum einen die alten Leichen frisst, die noch hemmend wirken und zum anderen sie auf seine Schwingen nimmt und in höchste Höhen bringt, von wo wir das ganze Leben mit völlig anderen Augen sehen.
Ich kann das unserer Lehrerschaft einfach mal an die Hand geben, wenn man an solchen Punkten ist, bevor man wegrennt, mal ein Kügelchen Condor zu nehmen und zu gucken: Geh ich den Schritt, lasse ich mich fallen und riskiere das Althergebrachte. Der Condor ist ein Mittel für den letzten Schritt ins Feuer.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein letztes Buch „Heiler und heiler werden – Gespräche über die Heilkunst“ erschien im Verlag Simon + Leutner, 2013.
Weitere Informationen: Samuel-Hahnemann-Schule, Mommsenstr. 45, 10629 Berlin, Tel.: 323 30 50, buero@heilpraktiker-berlin.org, www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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