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Ausgabe Oktober 2014
Im Herzen der Erde. Besuch bei den Kogi. von Oliver Driver

Oliver Driver war im Februar 2014 drei Wochen in Kolumbien und besuchte die Kogi, dieses sagenumwobene Indianervolk der Sierra Nevada de Santa Marta. In den ersten drei Teilen berichtete er über das Volk und ihre Botschaft sowie das Verständnis von Krankh

Für eine gute Woche bin ich eingeladen in das Land der Kogi. Dies ist eine seltene Ehre, da sie ansonsten dafür sorgen, dass keine Touristen oder Abenteurer ihr Land betreten. Man spricht nicht viel, dafür schicken sie mich jeden Tag auf eine andere Wanderung durch ihr Land, ein Land, das geradezu paradiesisch erscheint. Bergauf und bergab zu laufen bedeutet für sie, das Leben zu erlaufen, es wie einen Stoff nach und nach zu weben. Der Webstuhl ist eine zentrale Metapher im Leben der Kogi, er ist für sie ein Symbol der Welt. Wenn ein Kogi webt, ist er in einer Meditation und er webt seine Gedanken in den Stoff. Nur wenn seine Gedanken gut sind, kann der Stoff gut sein. Mein vergossener Schweiß tränkt so den Stoff meiner gedanklichen Verbindung zu den Kogi.
Auf drei verschiedenen Treffen trage ich mit Unterstützung durch meinen Begleiter und Freund Mauricio den Mámus meine Ideen vor, wie ich mir eine Zusammenarbeit vorstelle. Ich möchte ihren Kaffee nach Deutschland bringen. Das Potenzial eines Kaffees höchster Qualität von einem so besonderen Volk in Verbindung mit der großartigen Botschaft der Kogi erscheint mir einzigartig. Ich gestehe, die exklusive Möglichkeit, dieses Volk besser kennenzulernen reizt mich ebenso.

Lasst uns die Welt retten!
Mauricio baut die Geschichte, wie ich den Kogi helfen könnte, mehr und mehr aus, wenn ich ihn über mich sprechen höre, muss ich ein ganz toller Kerl sein. Die Mámus sitzen dabei immer wieder an den idyllischsten Plätzen, auf großen Felsen, auf Bergplateaus, unter Bäumen. Es ist offensichtlich, dass man hier bessere Entscheidungen treffen kann als an flugzeugträgergroßen Besprechungstischen in unseren Unternehmen. Sie meditieren über die Fragestellung, sie tauschen sich aus. Ich habe das Gefühl, sie schauen in mich hinein. Meine Worte sind unwichtig, sie durchschauen mich. Ich habe einerseits geradezu Prüfungsstress, andererseits versuche ich einfach nur ich selbst zu sein. Was soll ich mich hier verstellen? Die Kogi haben sehr präzise Vorstellungen davon, was sie wollen und lassen mich das wissen.
Wir beschließen, die Organisation kalashe zu gründen (kalashe bedeutet in der Sprache der Kogi „Vater/Ahne des Waldes“). Sie wird die Interessen der Kogi bei uns vertreten und die Botschaft der Kogi auch im deutschsprachigen Raum verbreiten. Der Kaffee ist ein Symbol für die Zusammenarbeit der älteren Brüder mit uns, er soll ein Bindeglied zwischen den Völkern werden. Er steht für Gemeinschaft und Balance, er erinnert uns daran, dass wir alle für das Gleichgewicht der Erde verantwortlich sind, ein Kaffee, der verbindet. Kaffee mit Sinn, könnte man da von sinnlichem Kaffee sprechen? Er ist zudem untrennbar mit der spirituellen Botschaft der Kogi verbunden. Es ist erstaunlich, wie weit und komplex die Kogi denken und ihnen unbekannte Themen dennoch verstehen und hinterfragen. Lange sprechen wir darüber, was ich für sie tun kann, wenn sie mir ihren Kaffee geben.
Ich frage die Kogi, ob sie sich vorstellen können, eines der zahlreichen Bio- oder Fairtrade-Siegel zu nutzen. Sie lächeln nur und meinen, dass sie sich nicht von denen zertifizieren lassen wollen, die die Welt gerade zugrunde richten. Warum sollten sie sich den Vorschriften der Kleinen Brüder unterordnen und sich zeigen lassen, wie man organisch Kaffee anbaut, wo sie seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur leben? Warum sollten Menschen, die die Erde so ausbeuten, ihnen Ratschläge geben können?
Da, wo wir die Natur zu beherrschen versuchen, machen die Kogis sie umgänglich. Sie dringen in den Rhythmus der Natur ein und spielen mit den Wechselwirkungen. So schaffen sie es, die Pflanzen vor Schädlingen zu schützen. Dies gelingt ihnen mit Handlungsweisen, die sehr genaue Kenntnisse zutage bringen, was das Zusammenspiel der Phänomene anbelangt. Ihre Kenntnisse beruhen auf der Beobachtung astronomischer Konstellationen, Mondphasen, Regen, Windrichtungen, Temperaturwechsel und einer Anzahl anderer Phänomene. Für sie ist die Natur nicht etwas an sich Schönes, etwas an sich Harmonisches, sondern es handelt sich um eine Welt der Prüfungen, in welcher der Mensch lernen muss, sich zwischen Tag und Nacht, zwischen links und rechts, zwischen dem »Guten« und dem »Schlechten« hindurchzubewegen.
Eine meiner Wanderungen führte mich tiefer und höher in die Sierra Nevada, ab etwa 1000 Meter bis 1700 Meter über dem Meeresspiegel wächst der Kaffee an steilen Hängen, die zur Erntezeit durch den Regen zu schlüpfrigen Lehmrutschen werden. Kaffeeanbau hat wenig mit den idyllischen Bildern in der Werbung zu tun, es handelt sich um richtige Knochenarbeit. Jede einzelne Bohne wird von Hand gepflückt und später noch zweimal von Hand sortiert. Die Ernte muss über weite Strecken getragen werden, bis die Säcke auf Eseln weiter transportiert werden können. Von der Pflanze bis zum Sammelpunkt, wo die Kooperative die Kaffeebohnen mit Transportern abholen kann, sind es bis zu zwölf Stunden Fußmarsch. Nach Europa geht dann nur der beste Kaffee.
Wo überall in der Welt der Kaffee auf gut pflückbare Höhe gestutzt wird, wachsen in der Sierra Nevada die Kaffeebäume so, wie die Natur es zulässt. Es werden keine Pestizide oder Dünger eingesetzt, die Kogis vertrauen der Kraft der Natur. So ist die Ausbeute pro Hektar natürlich deutlich geringer als üblich, auch wird nur einmal im Jahr geerntet, wo sonst zwei Ernten üblich sind, letztendlich gewährleistet dies aber gerade die Balance in der Natur und führt so zu einem hochwertigen Produkt.
Bin ich jetzt ihr Freund geworden? Ich glaube nicht. Ich bin immer noch ein Kleiner Bruder, der vielleicht einmal erwachsen wird. Es besteht Hoffnung, denn sie haben entdeckt, dass da Kleine Brüder existieren, die sich ebenfalls um die Erde sorgen. Niemand gibt mir zum Abschied die Hand. Später erfahre ich, dass dies ja nicht nötig sei, da ich wieder kommen würde. Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich tief in mir bereits, dass sie Recht haben. Ich werde wieder in die Sierra wandern, ich will mehr sehen, die Gletscherseen besuchen und bei den Mámus lernen.
Manchem Leser wird es nun wir mir vor einigen Jahren gehen, er wird denken: „Toll, da will ich einmal hin!“ Doch die Kogi wollen kein lebendes Museum sein, sie wollen keinen Tourismus. Sie sind keine aussterbende Kultur. Völker wie die Kogi zeigen uns, dass es auch andere Wege zu denken und zu leben gibt. Und dies ist ein Schatz. All die verschiedenen Kulturen auf der Welt sind ein Schatz. Sie sind ein Schatz, den es zu bewahren gilt. Diese Schätze wollen nicht gehoben werden, denn dies bedeutet ihr Ende.
In ihrer Heimat wollen die Kogi in Ruhe gelassen werden. Sie wollen so weiterleben, wie sie es seit Jahrhunderten tun. Aber sie wollen, dass wir sie anhören. Die Kogi wollen, dass wir ihre Botschaft hören.

Oliver Driver ist Bauingenieur, Organisationsentwickler, Coach und Autor. Er beschäftigt sich mit Tiefenökologie, Prozessen für nachhaltigen Wandel, indigenem Wissen, Schamanismus und nun auch Kaffee. Wer sich für das Projekt interessiert, findet auf www.kalashe.com die Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen, Ideen zu teilen, zu spenden – und natürlich den Kaffee zu erwerben. Im Oktober hat Oliver Driver Máma José Gabriel Limaco in Deutschland zu Gast. Weitere Infos zur Arbeit des Autoren auf www.oliver-driver.de


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