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Ausgabe Oktober 2014
Interbeing. aus dem Buch des Mathematikers Charles Eisenstein

„Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“, so der Titel des neuesten Werks des Philosophen und studierten Mathematikers Charles Eisenstein. Was das mit der Frage unserer Identität und unserem Identitätsgefühl zu tun hat, erkärt der Autor in e

Ein Gefühl von Verbundenheit wächst zwischen den Menschen, die sich in verschiedenen Bereichen des Aktivismus engagieren, sei es auf politischer, gesellschaftlicher oder spiritueller Ebene. Der ganzheitliche Akupunkteur und die Meeresschildkrötenretterin können es vielleicht nicht erklären, aber sie spüren es: Wir dienen derselben Sache. Beide arbeiten an der neu entstehenden Geschichte von den Menschen, die der Gründungsmythos einer neuen Gesellschaft sein wird.
Ich will sie die Geschichte des Interbeing, von der wechselseitigen Verbundenheit, nennen, die Geschichte vom Zeitalter der Wiedervereinigung, vom ökologischen Zeitalter, von der Welt des Geschenks. Sie gibt völlig andere Antworten auf die entscheidenden Lebensfragen.

Leitgedanken einer neuen Geschichte
- Mein Sein ist Teil von deinem Sein und jenem aller anderen Lebewesen. Das geht über wechselseitige Abhängigkeiten hinaus – unsere Existenz selbst ist relational.
- Daher gilt: Was wir anderen antun, tun wir uns selbst an.
- Jede und jeder von uns hat der Welt ein einzigartiges und wichtiges Geschenk zu geben.
- Der Sinn des Lebens ist es, unsere Geschenke zu machen, unser Potenzial zu verwirklichen.
- Jede Handlung ist bedeutsam und hat eine Auswirkung auf den Kosmos.
- Wir sind grundsätzlich ungetrennt voneinander, von allen Wesen und vom Universum.
- Jede Person, der wir begegnen, und jede Erfahrung, die wir machen, spiegelt etwas in uns selbst wider. Es ist vorgesehen, dass sich die Menschheit vollständig der Gemeinschaft allen Lebens auf Erden anschliest und dass wir die Fähigkeiten, die uns als Menschen eigen sind, dem Wohl und der Entwicklung des Ganzen zur Verfügung stellen.
- Sinn, Bewusstsein und Intelligenz sind intrinsische Eigenschaften der Materie und des Universums.

Die entscheidende Haltung der neuen Geschichte ist, dass wir vom Universum nicht getrennt sind und dass unser Sein Teil des Seins aller anderer Wesen und Dinge ist. Warum sollten wir das glauben?
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Dieses Interbeing ist etwas, das wir fühlen konnen. Warum tut es uns weh, von den Schmerzen einer anderen Person zu erfahren? Warum fuhlen wir uns wie vom Schlag getroffen, wenn wir vom Massensterben der Korallen lesen und die Bilder ihrer ausgebleichten Skelette sehen? Weil das buchstäblich uns selbst passiert, unserem erweiterten Selbst. Das abgetrennte Selbst fragt sich: Wie sollte mich das schon betreffen? Der Schmerz ist irrational, man kann ihn wegerklären, vielleicht als das verfehlte Feuern eines genetisch kodierten Empathieschaltkreises, der jene schützen soll, mit denen wir DNA teilen. Aber warum können wir den Schmerz so leicht auch für Fremde, ja sogar für andere Arten empfinden? Warum haben wir diesen starken Wunsch, dem Wohl aller zu dienen? Warum sind wir immer noch unzufrieden, selbst wenn wir die höchste persönliche Sicherheit, den maximalen eigenen Komfort erreicht haben? Ein wenig Selbstbeobachtung wird zeigen, dass wir sicher nicht helfen wollen, weil ein rationales Kalkül ergab, dass diese Ungerechtigkeit und jene ökologische Katastrophe irgendwie eines Tages unser persönliches Wohlbefinden bedrohen werden. Der Schmerz ist viel direkter, viel intuitiver. Es tut uns weh, weil das buchstäblich uns selbst zugefügt wird.

„Ich bin gar nicht sicher, dass ich existiere. Ich bin alle Schriftsteller, deren Bücher ich las, all die Frauen, die ich liebte, und all die Städte, in denen ich war.“ Jorge Luis Borges

Der Wunsch, einer Sache zu dienen, die das vereinzelte Selbst überschreitet, und der Schmerz, den uns das Leid anderer bereitet, sind zwei Seiten einer Medaille. Beide weisen auf unsere wechselseitige Verbundenheit hin. Die aufkommende Wissenschaft, die das zu erklären versucht, sei es mit Spiegelneuronen, horizontalem Gentransfer, Gruppenevolution, morphogenetischen Feldern oder noch ungewöhnlicheren Vorstellungen, erklärt nichts weg, sondern verdeutlicht ein Grundprinzip der Verbundenheit oder – darf ich wagen, es auszusprechen – des Einsseins. Die Wissenschaft fangt an zu bestätigen, was wir schon immer intuitiv wussten: Wir sind größer als man uns weismachte. Wir sind nicht nur ein von Haut eingekapseltes Ego, eine im Fleisch gefangene Seele. Wir sind alle anderen und wir sind die Welt.
Unsere Gesellschaft funktioniert zum großen Teil deswegen, weil wir diese Wahrheit verleugnen. Nur mit den ideologischen und systemischen Scheuklappen zwischen uns und den Opfern der industriellen Zivilisation können wir es ertragen, auf diese Art weiterzumachen. Wohl kaum jemand von uns wurde persönlich einem hungrigen Dreijährigen das letzte Stückchen Brot rauben oder seine Mutter mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen, in einer Textilfabrik für einen Hungerlohn zu arbeiten, aber rein durch unser Konsumverhalten und unsere Teilhabe an dieser Wirtschaft tun wir das quasi jeden Tag. Und alles, was der Welt geschieht, geschieht uns selbst. Auf Distanz zu den sterbenden Wäldern, den Not leidenden Arbeiterinnen, den hungernden Kindern erkennen wir die Ursache unseres Schmerzes nicht. Aber täuschen Sie sich nicht: Bloß weil wir die Ursache nicht kennen, heißt das nicht, dass wir den Schmerz nicht fühlen.
Der Schmerz daraus und aus all der unsichtbaren Gewalt, welche die Maschinerie der industriellen Zivilisation ausübt, ist diffuser. Er durchdringt unser Leben so vollkommen, dass wir kaum wissen, wie es sich anfühlt, sich gut zu fühlen. Gelegentlich erhaschen wir kurz einen Eindruck davon, wie es sein könnte – vielleicht in einem begnadeten Moment, oder durch die Einnahme von Drogen, oder wenn wir verliebt sind – und wir erkennen in diesen kurzen Momenten, dass es sich so anfühlen sollte, am Leben zu sein.
In meinem Buch Ökonomie der Verbundenheit bemerkte ich, dass das, was wir als Gier empfinden, auch ein Versuch sein könnte, das abgetrennte Selbst wieder auszuweiten, um die verlorenen Verbindungen zu kompensieren, die das Selbst des Interbeing ausmachen; und dass die Objekte unserer selbstsüchtigen Wünsche nur Ersatz sind für etwas, das wir eigentlich wollen. Werbeleute setzen die ganze Zeit auf diese Karte.
Es ist zwecklos, das zu verurteilen, was uns als selbstsüchtiges, gieriges, egoistisches oder böses Verhalten erscheint, und zu versuchen, es mit Gewalt zu unterdrücken, ohne die zugrundeliegenden Wunden zu berucksichtigen: Der Schmerz wird immer eine neue Ausdrucksmöglichkeit finden. Darin liegt eine Schlüsselerkenntnis des Interbeing. Sie besagt: „Ich würde so handeln wie du, wäre ich an deiner Stelle.“ Wir sind eins.
Die neue Geschichte von den Menschen ist also eine Geschichte des Interbeing, von der Wiedervereinigung. In ihrer persönlichen Ausdrucksform handelt sie von der tiefen wechselseitigen Abhängigkeit zwischen uns und anderen Lebewesen, nicht nur um zu überleben, sondern um überhaupt zu existieren.

Meine Existenz ist auch ein Mehr für deine Existenz.

In ihrer kollektiven Ausdrucksform beschreibt die neue Geschichte das Gleiche für die Rolle der Menschheit auf Erden und ihre Beziehung zum Rest der Natur. Diese Geschichte ist es, die uns über so viele verschiedene Bereiche von Aktivismus und Heilung hinweg verbindet. Je mehr wir ihr gemäß handeln, desto besser wird es uns gelingen, auch eine Welt zu schaffen, die ihr entspricht. Allerdings gilt dies auch umgekehrt: Je mehr wir nach dem Prinzip der Separation handeln, desto unvermeidlicher erzeugen wir mehr davon.


Aus: Charles Eisenstein mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Der Autor Charles Eisenstein ist ein US-amerikanischer Kulturphilosoph und Autor. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet er als Vortragsredner und freier Dozent. Er gilt als wichtiger Theoretiker der Occupy-Bewegung.

Buchtipp: Charles Eisenstein, Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich, 352 S., Klappenbroschur, Scorpio Verlag 2014


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