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Ausgabe September 2014
Beitragsreihe 2014 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Lac asinum - Die Eselsmilch

Andreas Krüger mit dem neunzehnten Teil seiner Beitragsreihe über wichtige homöopathische Arzneimittel.

H. Schäfer: Sie haben oft über die Wichtigkeit von Milchen in der Homöopathie gesprochen – ob von Wölfen, Hunden, Hirschen oder sogar Elefanten. Ich kann mir vorstellen, dass es noch mehr für den Menschen hilfreiche Milche von Tieren gibt.

Andreas Krüger: Ich komme gerade aus Griechenland zurück und habe festgestellt, was für eine grundlegende Bedeutung der Esel für das kulturelle Geschehen der Menschheit hat.
Bevor ich tiefer einsteige, möchte ich diesem Tier an sich die Ehre geben, weil ich glaube, dass es auf diesem Planeten kein anderes Tier gibt, dem der Mensch so viel zu verdanken hat. Wenn wir nach Griechenland reisen, sehen wir die großartige Kultur, die Tempel und Bauten, die unsere Ehrfurcht erwecken. Aber sehen wir auch die Sklaven und sehen wir hinter den Sklaven die Esel?
Der Esel war in der mediterranen Kultur das zentrale Element von Kulturbildung und Überlebensbildung.
Alle mediterranen Kulturen verdanken ihre Existenz dem Wesen des Esels. Unklar ist, warum er – aus welchen Gründen auch immer – ein Karma angetreten hat, Dienste zu leisten, für die er dann auch noch schlecht behandelt wurde. Da, wo man keine Sklaven einsetzen konnte, nahm man Esel. Später wurde der Esel zu klein, so dass man mit der Kombination von Esel und Pferd das Maultier erschuf. Ohne das Maultier wären keine Berge überquert, wäre Amerika nicht erobert worden und hätte Bolivar nicht Südamerika befreien können. Mit ihren herrlichen Pferden wären die nie über die Anden gekommen – die haben sie nur mitgebracht, um damit ihre Schlachten zu schlagen. Die Lasten haben Esel und Maultier getragen. Man könnte meinen, dass unser Menschsein eher mit Kühen, Kamelen und Pferden in Verbindung gebracht wird, aber das stimmt nicht: Es ist der dusselige, dumme Esel, dem wir verdanken, dass wir als Menschen dahin gekommen sind, wo wir jetzt sind.

Zwar gilt der Esel als ein dummes Tier, aber es war ein Esel, auf dem Christus ritt. Gibt es da einen Zusammenhang?
Der Esel war mit dabei, als Jesus in der Scheune geboren wurde: Da war kein Reitpferd, kein edles Lama und auch kein herrlicher Adler. Da waren eine Kuh und ein Esel. Und als Herodes anfing, alle Kinder in Israel umzubringen, um den Messias zu erwischen, da hat der Esel die Gottesmutter und den Jesus ins Exil getragen. Und auch als der Messias in Jerusalem wieder einritt, da saß er auch nicht auf einem Araberhengst, sondern wieder ritt er auf einem Esel. Das Thema des Erlösers und das Thema des Lasttragenden haben durchaus einen Zusammenhang.

Gibt es einen homöopathischen Beispielfall aus Ihrer Praxis?
Es gab einen Mann, dem ich über 20 Jahre mit den unterschiedlichsten Mitteln immer wieder relativ gut helfen konnte, dann aber zwei Jahren in einer Problematik mit ihm pausierte, wo scheinbar überhaupt nichts half. Durch den berühmten Zufall stieß ich auf einen Artikel über Eselsmilch von dem Homöopathen K.J. Müller und auf einmal war mir klar, dass ich diesem Menschen dieses Mittel geben musste.

Worunter litt der Patient?
Dazu muss ich sagen, dass ich immer mehr glaube, dass Krankheit nicht bedeutet, dass irgendein Mensch eine Macke hat und von dieser Macke befreit werden muss. Ich glaube eher, dass viele Menschen, die als krank bezeichnet werden, völlig normal sind – vielleicht noch normaler als viele andere. Ihr Normalsein ist aber in dieser Welt so unnormal, so unpassend und abartig, dass aus diesem Normalsein ein Zustand der Krankheitsinterpretation hervorgerufen wird. So war es bei diesem Patienten auch: Sein größtes „Unnormales“, was letztendlich zu seiner Krankheit geführt hat, war eine wahnsinnige Gutmütigkeit.
Ich habe diesen Mann mit vielen Mitteln über viele Jahre begleitet, mit seiner Normalität durchs Leben zu kommen.
Leider bekam er dann ein ganz therapieresistentes Symptom: Er entwickelte Schulterschmerzen, bei denen weder Akupunktur, noch Ostheopathie, noch Cranio oder Neuraltherapie halfen und auch ich konnte nicht helfen. Die Schulterschmerzen wurden immer schlimmer, so dass er seine Strickjacke nicht mehr ausziehen konnte. Er bekam sogar Spritzen in die Schultern und die Ärzte rieten ihm zu einer Operation.

Die Last des Esels?
Er war wie gesagt Sozialarbeiter und ein Mensch, der für andere immer wieder Lasten getragen hat. Ich bat ihn, einmal ein Bild zu malen und er beschrieb es so: „Ich bin ein Esel und hinter mir ist ein Karren und auf diesem Karren sitzen all die Menschen, die ich durchs Leben zieh – auch wenn die mich nicht beachten, auch wenn die mit Stöckern auf mich hauen, auch wenn die mich mit Steinen bewerfen, aber ich kann nicht anders. Ich lade die auf meinen Karren und es kann mir auch keiner abnehmen.“

Wie sind Sie auf eine Lösung gekommen?
Er erzählte mir von einem Traum, wo ihn Christus rief, ihn in den Arm nahm und sagte: „Jetzt ist es vorbei, ich übernehm die Aufgaben“, und dann fing Christus an, ihm den Nacken zu massieren und irgendwann wurde der Nacken immer weicher und weicher und als er aufwachte, hatte er nach zwei Jahren keine Schulterschmerzen mehr.
Er ist immer noch ein freundlicher Mensch, er ist immer noch Sozialarbeiter, er wird garantiert kein Börsenmarkler werden, aber er hat das erste Mal in seinem Leben das Gefühl, frei zu sein.
Jetzt kann man sich natürlich noch lange Gedanken machen, warum jemand in eine solche Situation kommt, tragen zu müssen – wer weiß das?
Aber wir scheinen in der Eselsmilch ein Symptom zu finden, das für viele Menschen in dieser Gesellschaft zutrifft, denn es scheint viele zu geben, die einfach zu gesund sind und aus diesem Grund zu viel tragen. Es gibt ja auf der anderen Seite genug, die absolut nicht daran interessiert sind, wie es ihrem Nächsten geht.
Es gibt noch ein Symptom für Eselsmilch: Dieser Mensch gab jedem Bettler etwas und als ich ihn fragte, warum er das macht – denn das ist ja in der Linie 1 ziemlich teuer – sagte er, dass seine Mutter ihm beigebracht hat, dass jeder Bettler Christus sein könnte.
Das Wichtige in meiner Arbeit ist, dass immer alles möglich ist, aber dass man auch immer alles immer lassen kann. Deswegen kann der lac asinum Mensch ruhig weiter gut, harmlos und sozial sein, aber wenn er merkt, dass es zu viel ist, was er da schleppt, die Möglichkeit hat zu sagen: „STOPP! Ich gebe das an eine höhere Instanz ab. Ich muss nicht alle retten.“ - Wollen Sie auch ein Kügelchen?

Klar, gerne – vor allem, seit mein Sohn mir vorwirft, dass ich einfach zu gutmütig bin… Danke!

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein letztes Buch „Heiler und heiler werden – Gespräche über die Heilkunst“ erschien im Verlag Simon+Leutner, 2013


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