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Ausgabe September 2014
Im Herzen der Erde. Besuch bei den Kogi. Von Oliver Driver

Oliver Driver war im Februar 2014 drei Wochen in Kolumbien und besuchte die Kogi, dieses sagenumwobene Indianervolk der Sierra Nevada de Santa Marta. In den ersten beiden Ausgaben berichtete er über das Volk und ihre Botschaft. In diesem 3. Teil erzählt e

Ich bin in den Bergen Kolumbiens auf Einladung des Kogi-Schamanen Máma José Gabriel Limaco. Gemeinsam wollen wir ein Projekt zur Erhaltung der Kultur der Kogi starten, welches durch den Verkauf von sehr hochwertigem Spezialitätenkaffee finanziert werden soll. Für eine Woche durchquere ich nun beeindruckende Landschaften, kämpfe mich durch schwülwarmen Dschungel, spaziere in parkähnlichen Wäldern und erklettere karge Höhenlagen.
Die beiden Kogi, die mich auf Schritt und Tritt beschützen und bewachen, haben ihren Spaß mit mir. 1,90 Meter groß und 95 Kilo schwer, quäle ich mich doch ein wenig die Berge rauf und runter, während sie durch ihr ständiges Kokakauen keinerlei Ermüdungserscheinungen haben. Hinzu kommt, dass die Kogi-Männer maximal 1,70 Meter groß sind und von klein auf nichts anderes gewohnt sind. Mich vergleichen sie mit einem ihrer großen Schweine, was sie einmal durch die Berge zum Dorf getrieben haben. Das Schwein bekam irgendwann einen Herzinfarkt in der Hitze und war tot. Das wollen sie mir ersparen, entsprechend oft soll ich Verschnaufpausen machen.
Neben dem Kaffee-Projekt interessieren mich natürlich - berufsbedingt - die Schamanen und Heiler. Was hat man nicht schon alles über ihre sagenhaften Fähigkeiten gehört. Einige Male werde ich von meinem Führer und neuen Freund Mauricio, dem Leiter der Casa Indigena, also der Indianervertretung, in Begleitung der beiden Kogi zu Mámus (den Schamanen und Priestern) geschickt. Die mustern mich eher wortkarg und schauen mich prüfend an. Ich bekomme verschiedene Bändchen, Sewa genannt, mit einer kleinen Steinperle um das Handgelenk gebunden, was einerseits Schutz bietet und andererseits eine Art Genehmigung ist, mich im Gebiet der Kogi zu bewegen.

Yulúka – das Gleichgewicht
Máma Jacinto behandelt mich auf meine Bitte hin wegen meiner neuerdings wieder nervenden Bandscheibenprobleme.
Krankheit ist für die Kogi eine Bestrafung durch die Geisterwelt. Wenn ich ein körperliches oder geistiges Problem habe, habe ich Yulúka, das Gleichgewicht zwischen den Kräften, den sichtbaren wie unsichtbaren, gestört.
Yulúka erscheint einfach, wird aber in seiner Ganzheit sehr komplex. Die gesamte Heilkunst der Kogi basiert auf dem Gedanken, dass alles immer im Gleichgewicht sein muss. Wo das Männliche ist, sollte auch etwas Weibliches sein. Wer schlechte Gedanken hat, muss diese wieder durch Gebete und Nachdenken ins Gleichgewicht bringen. Als ihnen jemand eine präkolumbianische Goldfigur, die ihnen vor einigen hundert Jahren gestohlen worden war, schenkte, konnten sie diese nicht in ihre Berge mitnehmen. Es fehlte bei dieser männlichen Figur das weibliche Pendant. Nur die eine Figur mitzunehmen, würde ein Ungleichgewicht in ihre Welt bringen. Nun werden sie so lange geduldig warten, bis die zweite Figur auftaucht. So erwartet man möglicherweise von mir bei meinem nächsten Besuch, dass ich meine Frau mitbringe, um auch hier das Gleichgewicht herzustellen. Mehr, als ich es von anderen Schamanen kenne, sind die Kogi an den jeweiligen Gedanken und an der mentalen Ursache von Krankheiten interessiert. Es gilt, den Ursachen der Krankheit auf den Grund zu gehen.

Die Behandlung
Als ich Máma Jacinto von meinen Bandscheibenproblemen erzähle, fragt er erst einmal, seit wann ich die habe und was damals passiert ist. „Was war in deinem Leben, das dich aus dem Gleichgewicht geworfen hat? Was ist damals geschehen, als du die Rückenschmerzen bekamst?“ Meine Antwort, dass dies nach der Trennung von meiner ersten Frau begann, schien ihn zu befriedigen. Das Gespräch des Patienten mit dem Mámu hat durchaus psychologischen, teilweise belehrenden Charakter. Der Mámu erklärt den Menschen, die zu ihm kommen, was sie falsch gemacht und wie sie richtig zu leben haben. So könnten sie das Gleichgewicht zurück in ihr Leben holen.
Es gilt, den Ursachen der Krankheit auf den Grund zu gehen. Den Herren der Krankheit müssen entsprechend Opfergaben, meist aus Perlensteinchen, dargebracht werden. So soll das gestörte Gleichgewicht der Kräfte wieder hergestellt werden. Weil Krankheiten externe Ursachen haben, ist der Gebrauch von medikamentösen Heilmitteln in den Augen der Kogi unnütz; die Kogi verwenden nur selten Heilpflanzen.
In meiner Behandlung an einem heiligen Platz betet er in unverständlichem Gemurmel etwas und wählt sorgfältig zwei kleinere Steine aus einem Beutel. Die Steine soll ich in die rechte Hand nehmen und im Uhrzeigersinn einmal um meinen Kopf führen. Mit den Händen macht er Bewegungen, die eine Chakrenreinigung erahnen lassen. Es scheint, dass er feinstoffliche Energien aus meinem Energiekörper entfernt. Vor lauter Respekt wage ich es nicht, genauer nachzufragen. Danach muss ich mich einmal um mich selbst drehen, das war´s. Gut fünf Minuten dauerte das und war alles andere als spektakulär. Na ja, dem Rücken geht es nun wieder ein gutes Stück besser…

Den Göttern opfern
Einmal darf ich einen Mámu dabei begleiten, wie er den Göttern ein Opfer bringt und in Kontakt mit ihnen tritt. Wir sind hoch auf einem Gipfel, von dem aus man das Meer in der Ferne sehen kann. Auf einem Stein sitzend entspricht nun sein Körper bestimmten Geländepunkten, Körperteile stehen für bestimmte Zeremonialzentren im Land der Kogi, senkrecht durch seinen Körper verläuft die Weltenachse. Ein Fuß steht für Santa Marta, der andere für Riohacha, die beiden größeren Städte am Meer. Durch das Ausbalancieren seines Körpers bringt er die Welt ins Gleichgewicht. Nun opfert der Mámu seine Gaben, in diesem Fall kleine Steine und ein paar Muscheln. Er führt sie zu seinen Lippen und legt sie in einen kleinen Felsspalt. Dabei spricht er ein Gebet. Ich habe gelesen, dass ein Mámu dabei dann eine aufsteigende Kraft oder Energie in seinem Körper spürt, die von den Füßen bis zum Scheitel strömt. Er soll dann ein helles Licht sehen, vielleicht eine Art Erleuchtungserfahrung, und einen Luftzug spüren, der frischen, kühlen Wind von den schneebedeckten Gipfeln der Berge bringt und den Mámu berührt.

Im vierten und letzten Teil möchte ich Ihnen in der nächsten Ausgabe ein wenig über das Projekt „kalashe“ und den Umgang der Kogi mit der Natur berichten. Kalashe ist der „Ahne des Waldes“ und wurde von den Mámus als Name für unsere Zusammenarbeit ausgewählt.


Der Autor Oliver Driver ist Bauingenieur, Organisationsentwickler, Coach und Autor. Er beschäftigt sich mit Tiefenökologie, Prozessen für nachhaltigen Wandel, indigenem Wissen, Schamanismus und nun auch Kaffee. www.oliver-driver.de. Wer sich für das Projekt interessiert, findet auf www.kalashe.com die Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen, Ideen zu teilen, zu spenden – und natürlich den Kaffee zu erwerben. Im Oktober hat Oliver Driver Máma José Gabriel Limaco in Deutschland zu Gast.


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