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Ausgabe September 2014
Sich für die Liebe entscheiden. Den passenden Partner finden – eine Frage der Liebe zu sich selbst. Von Jochen Meyer


„Ich gerate immer wieder an den Falschen!“ Viele Frauen kennen das und viele Männer auch: Sie verlieben sich in Partner, die sie schlecht behandeln, ausnutzen, die übergriffig sind oder andere destruktive Verhaltensweisen an den Tag legen. Sie verlieben sich bevorzugt in Partner, mit denen eine stabile und vertrauensvolle Beziehung gar nicht möglich ist.
Tatsächlich liegen solchen Mustern früh angelegte Prägungen zugrunde, die von den Betroffenen zwar als hinderlich erkannt werden, aber nicht selbst aufgelöst werden können. Oft fehlt einfach die Distanz zu uns selbst, um die eigenen Bindungsmuster zu ändern und geeignetere Partner zu wählen. Zum Glück sind wir jedoch nicht auf unsere Muster festgelegt. Mit einem guten Therapeuten oder Coach können wir an unsere Muster herankommen und die Prägungen auflösen.

Wie sich Bindungsmuster verändern lassen
Sabine, die mit diesem Thema zu mir ins Single-Coaching kommt, erzählt mir, wie sie sich in den letzten Jahren gleich mehrfach hintereinander in Männer verliebt, die sie innerlich auf Distanz halten, sich kaum für ihr Wohlergehen interessieren und ihr, sobald sie ihre Bedürfnisse äußert, die kalte Schulter zeigen. Ihr ist klar, dass sie nicht gerade besonders einfühlsame Männer als Partner wählt, doch gerade diese Männer ziehen sie auf gleichsam magische Weise an: „Sie mögen zwar grob und unnahbar sein, aber sie haben auch so etwas Verwegenes, Unkontrolliertes, das mich einfach anzieht!“ Und sie fügt hinzu: „Ich glaube, ein unkomplizierter Mann, der mich immer gut behandelt, würde mich überhaupt nicht interessieren.“ In unseren Gesprächen findet Sabine heraus, dass dieser innere Konflikt – eine ungestillte Sehnsucht nach einfühlsamen, verbindlichen und integeren Männern und eine Partneranziehung, die genau dies verhindert – in ihr selbst begründet liegt. Schon ihr alkoholsüchtiger Vater war mal liebevoll und zugewandt, mal aggressiv und abweisend und damit keine verlässliche Bezugsperson. Und auch ihre Mutter, die diesen Mann zugleich liebte und unter ihm litt, konnte ihr emotional nicht viel Halt geben. Das Männerbild, was sich unter diesen Umständen allmählich in ihr herausbildete, beschreibt Sabine so: „Männer sind Frauen gegenüber unberechenbar und unzugänglich, aber auch sehr bedürftig – so muss man sie eben nehmen und mit ihnen auskommen.“ Und ihr wird klar, dass sie im tiefsten Inneren auch gar nicht erwartet, von einem Mann gut behandelt zu werden. Sie beginnt zu verstehen, wie sie aufgrund ihrer Prägungen und ihrer Grundüberzeugungen immer wieder Männer in ihr Leben lässt, die ihr nicht gut tun und ihr für eine aussichtsreiche Beziehung keine Perspektive geben können.
Doch sie erkennt auch, dass sie heute erwachsen ist und fähig, ihre Muster zu verstehen und ihr Verhalten zu ändern. Als ein neuer Nachbar in ihr Haus einzieht, der ihr zwar auf den ersten Blick gefällt, sich aber schnell als unzugänglich und selbst fixiert erweist, zieht sie die Notbremse und bricht den Kontakt nach wenigen Begegnungen ab. Und als sie im Rahmen einer Fortbildung wieder einem scheinbar „interessanten“ Mann begegnet, der ihr beim ersten Treffen gleich lang und breit von seiner letzten gescheiterten Beziehung erzählt, ohne eine einzige Frage an sie zu stellen, sagt Sabine diesmal sofort „Nein Danke“. Innerlich fühlt sie sich zwar wie eine Verbrecherin, doch sie spürt auch, dass sie mit ihrem Verhalten eine neue Tür in ihrem Leben öffnet. „Ein klares Nein zu diesen Energieräubern ist ein liebevolles Ja zu mir selbst!“, sagt sie strahlend bei unserer nächsten Sitzung.

Es gibt noch etwas Besseres
Menschen mit Prägungen wie Sabine können lernen, sich für die Liebe zu entscheiden. Sie können loslassen, was sie irrtümlicherweise für Liebe halten, aber keine Liebe ist. Sie können verstehen, dass ihre kindlich verwirrte Seele etwas für Liebe hält und sie in die Irre führt, weil sie nichts Anderes kennengelernt hat. Dies bedeutet oft einen längeren und auch schmerzhaften Prozess inneren Umlernens. Gerate ich immer wieder an Partner, die mich schlecht behandeln und übernehme die Verantwortung dafür, dann liegt es an mir, mich dahin zu entwickeln, dass ich mich in Partner verliebe, die mir gut tun. Hierfür gilt es, eine echte Entscheidung für uns zu treffen – eine Entscheidung für die Liebe, für konstruktive Begegnungen, für das, was lebendige, erfüllende Beziehungen ausmachen. An dieser Stelle fordert uns das Leben auf, über uns und unsere Muster hinauszuwachsen und etwas Neues zu wagen: Nein sagen zu Menschen, die wir zwar anziehend finden, uns aber keine wirkliche Liebe geben können und stattdessen Ja sagen zu Menschen, die vielleicht nicht so anziehend wirken, dafür aber offen, interessiert und vertrauenswürdig sind. Unsere Seele darf lernen: Es gibt noch etwas Besseres!
Gehen wir dieses Wagnis ein und werden in diesem Punkt integer uns selbst gegenüber, transformieren wir unsere bisherige Partneranziehung. Der Schlüssel liegt zum einen darin zu verstehen, dass wir nicht gut mit uns umgehen, wenn wir uns an Partner binden, die aufgrund innerer Konflikte allzu schwierig sind. Und zum anderen darin, diese Einsicht in ein neues Verhalten umzusetzen: Gestatte ich anderen nicht mehr, mich auszunutzen, dann kann ich nicht mehr ausgenutzt werden. Lasse ich nicht länger zu, dass mich andere schlecht behandeln, dann werde ich nicht mehr auf diese Weise enttäuscht. Gebe ich Partnern, die mich permanent hintergehen, keinen Raum mehr in meinem Leben, so können sie dieses Spiel nicht mehr mit mir spielen. Der Punkt ist: Ich entscheide, wer welches Spiel mit mir spielen darf und welches nicht.
Um dahin zu kommen, brauchen wir eine Vision einer erfüllenden Liebesbeziehung und die innere Erwartung, von anderen, insbesondere unseren Partnern, gut behandelt zu werden. Wir brauchen ein klares Gefühl dafür, wie diese mit uns umgehen dürfen und wie nicht. Sich für die Liebe zu entscheiden verlangt manchmal, sich dieses Gefühl neu zu erarbeiten und sich dann für besser geeignete Partner zu entscheiden. Wenn ich ins Licht will und nur von Menschen umgeben bin, die ins Dunkle gehen, werde ich nur schwer ins Licht kommen. Ich brauche also Menschen, die auch ins Licht gehen und die fähig sind, mit mir dorthin zu gehen. Wir alle brauchen ein Feld von Menschen, die uns unterstützen und bestärken, wenn wir aufblühen wollen. Aus diesem Feld kommen dann auch früher oder später Männer oder Frauen auf uns zu und eröffnen uns die Chance auf eine neue, wirklich glückliche Liebe. So war es auch im Fall von Sabine, die noch einige Male „Ja“ zu sich selbst sagen musste, bevor sie auf einen liebevollen und verbindlichen Mann aufmerksam wurde, in den sie sich zu ihrer eigenen Überraschung verliebte ...


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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