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Ausgabe Juli 2014
Im Herzen der Erde. Besuch bei den Kogi. Von Oliver Driver

Oliver Driver war im Februar 2014 drei Wochen in Kolumbien und besuchte die Kogi, dieses sagenumwobene Indianervolk der Sierra Nevada de Santa Marta. In der letzten Ausgabe berichtete er über die Mámus, die Schamanen, und die Divination. Heute erzählt er

Das große Schamanentreffen der Kogi
Gerade diese Woche, während ich im Dorf Pueblo Viejo bin, findet hier die große Versammlung der Schamanen und Würdenträger statt. Ich hatte dies nicht geplant, umso mehr freute es mich natürlich. Waren die Dörfer doch ansonsten ziemlich verweist, da die Kogi sich den Großteil des Jahres auf ihren kleinen Farmen aufhalten und nur gelegentlich ins Dorf kommen.
Mein Besuch ist nur ein Punkt der Tagesordnung. Würde ich die Kogi davon überzeugen können, dass ich der Richtige bin, ihren Kaffee und ihre Botschaft nach Deutschland zu tragen?
Ein paar Monate zuvor hatte ich ganz „zufällig“ meinen Führer Mauricio mit Máma José Gabriel Limaco bei Bekannten von Bekannten in Bonn getroffen. Nach Deutschland waren sie gekommen, weil die Kogi ein großes Kaffee-Projekt gestartet haben. Sie waren auf der Suche nach geeigneten Partnern, die gemeinsam mit ihnen den Kaffee vermarkten. Nun trinke ich zwar gerne Kaffee, hatte jedoch bis zu diesem Tag von Kaffeeanbau oder –verarbeitung keinerlei Ahnung. Und dennoch ging ich nach ihrem Vortrag auf sie zu und bot meine Hilfe an. Der Gedanke, mal wieder was ganz anderes zu beginnen, faszinierte mich. Dieses Gefühl der Spannung, wenn man noch nicht genau weiß, wohin die Reise geht, man aber genau spürt, dass da etwas im Entstehen begriffen ist, macht das Leben aufregend.

Im Weltenhaus Nu-Hué
Den ganzen Tag verbringen die Teilnehmer an einem heiligen Platz im Freien und sprechen. Nach den Abendessen folgt täglich bis in den frühen Morgen die Fortsetzung des Treffens im Nu-hué, dem Weltenhaus, zu dem nur die Männer Zutritt haben. Dort sitze ich im Dunkeln mit 150 Indianern, die sich auf vier kleine Feuer und weitere Kreise und Bänke verteilen. Die vier Feuer stehen für die vier Himmelsrichtungen, für vier Gottheiten, für männlich und weiblich und vieles mehr. Das Haus selbst entspricht dem Weltenmodell der Kogi. Vier Oberwelten spiegeln sich in durch Balken angedeuteten Ebenen im Dach, der Boden ist unsere mittlere Welt und unterhalb des Erdbodens spiegelt sich das Haus im Geiste, so dass dort die vier Unterwelten zu finden sind. Ihre astronomischen Fähigkeiten erkennt man an kleinen Details. So fällt der Sonnenstrahl durch eine besondere Konstruktion an der Spitze des Dachs mittags am Tag der Sonnenwende genau auf eine bestimmte Feuerstelle und wandert dann die nächsten sechs Monate exakt bis zur gegenüber liegenden Feuerstelle. So webt der Sonnenstrahl durch sein Hin und Her das Leben.
Die Atmosphäre im Haus ist magisch, die Schatten tanzen an der Wand. Einmal ist es fast dunkel, dann flackert wieder eines der Feuer auf. Meine Augen tränen vom beißenden Qualm. Ich fühle mich um einige Tausend Jahre zurück versetzt, als unsere Vorfahren noch in Höhlen lebten und nach der Jagd um das Feuer saßen und Geschichten erzählten. Die Worte verstehe ich nicht, doch aus ihnen spricht viel Weisheit und Kraft. Ich fühle mich durchaus angenommen, niemand gibt mir das Gefühl, hier nicht hinzugehören. Während ein Kogi zu einem wichtigen Thema spricht, lauschen die anderen diszipliniert seinen Worten. Irgendwann antwortet einer, bis jeder, der etwas zu sagen hat, gesprochen hat.
Die Kogi nehmen sich Zeit für ihre Entscheidungen. Jeder, der etwas beitragen kann, hat das Recht zu sprechen. Konsens entwickelt sich aus der Darstellung aller Standpunkte, irgendwann kristallisiert sich eine gemeinsame Lösung heraus. Dies ist gelebte Partizipation, wobei die Mámus und Ältesten hierarchisch immer höher stehen als die anderen. Was sie sagen, ist wichtiger und oft entscheidend. Diese Macht konnten sie über die Jahrhunderte bewahren, weil sie absolut integer und selbstlos denken und handeln. Fast alle Mámus leben vorbildhaft bescheiden und leben voll und ganz für ihre Vision des Lebens im Einklang mit der Natur. Was ein Mámu sagt, ist Gesetz, weil es voller Weisheit ist und aus dem Herzen kommt. Jeder Kogi weiß, dass er recht spricht. Zum Abschluss fasst einer der Alten das Gespräch zusammen. Fortwährend machen sie dabei Gebrauch von ihrem Poporro.

Der Poporro
Dieser Poporro ist ein kleiner, ausgehöhlter Kürbis mit langem Hals, der mit aus ganz bestimmten Muscheln gebranntem Kalk gefüllt ist. Durch einen Stab holt der Kogi den Kalk aus dem Poporro heraus und nimmt ihn in den Mund. Der Kalk reagiert mit den im Mund befindlichen gerösteten Kokablättern und manchmal einer klebrigen Substanz aus Tabak. Die Wirkung ist aufputschend, die Kogi haben eine enorme Ausdauer und benötigen extrem wenig Schlaf. Der Poporro hat viele Bedeutungen auf mehreren Ebenen. So steht der Kürbis für das Weibliche, der Stab für das Männliche. Der Kalk ist männlich und steht wiederum für das Meer, aus dem die Muscheln kamen. Die Kokablätter sind weiblich und symbolisieren auch die Erde, auf der sie wachsen.
Immer wieder reiben die Kogi während des Treffens den gelb gefärbten Speichel dann am Kürbishals ab, bis sich über Tage und Monate dort eine harte gelbe Calcitschicht bildet. In der Vorstellung der Kogi ist diese Schicht die Materialisation der während des meditativen Kauens der Kokablätter gedachten Gedanken. Gute Gedanken lassen einen perfekten Poporro erwachsen.

Die Botschaft der älteren Brüder
Die Kogi sind die gewissenhaften Hüter einer Tradition, Philosophie und Art des Denkens, das in nahezu allen anderen Gegenden der Erde ziemlich gründlich durch die Ausbreitung unserer eigenen, westlichen Kultur ausgerottet wurde. Begünstigt durch die politische Situation in Kolumbien, wodurch kaum jemand es bis vor wenigen Jahren wagte, die Sierra zu bereisen, gelang es ihnen zwischen Drogen, Terror und Militär, ihren Lebensraum zu erhalten. Sie selbst bezeichnen sich als die Älteren Brüder. Ich – genauso wie Sie, liebe/r Leser/in – bin einer der Kleinen Brüder, die vor langer Zeit das Land der Kogi über das große Wasser verlassen haben. Noch heute sehen sich die Kogi als Hüter der Erde. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, muss ihre Kultur überleben. Nur dann können sie die Erde retten.

Ihre Botschaft und Bitte, die ich weitergeben soll, ist:
„Wir sind da, um dieses Gebirge zu beschützen, denn so beschützen wir die Erde und die Welt. Alle Gebirge liegen im Sterben, denn der Kleine Bruder zerstört sie, indem er Kohle und Öl daraus hervorholt und die Erde überwärmt. Wir sind dafür nicht verantwortlich, aber wir leiden darunter. Wir sind die Großen Brüder, es liegt in unserer Verantwortung, über die Erde und die Welt zu wachen. Wir müssen das Gleichgewicht bewahren, und wir führen dafür die ganze spirituelle und geistige Arbeit aus. Wir sind traurig, zu sehen, dass nicht alle Menschengruppen das tun, was sie tun sollten, um die Erde zu achten. Wir brauchen den Kleinen Bruder, damit er uns hilft. Ihr müsst die Erde und die Welt verstehen lernen. Der Kleine Bruder muss uns helfen, unsere Erde wieder zurückzuerhalten. Helft uns, das Herz der Welt zu schützen!“

Lesen Sie im nächsten Heft den 3. Teil meines Erfahrungsberichtes über Krankheit und Spiritualität der Kogi und wie der Schamane meinen Rücken behandelt.


Der Autor Oliver Driver ist Bauingenieur, Organisationsentwickler, Coach und Autor. Er beschäftigt sich mit Tiefenökologie, Prozessen für nachhaltigen Wandel, indigenem Wissen, Schamanismus und nun auch Kaffee. www.oliver-driver.de

Wer sich für das Projekt interessiert, findet auf www.kalashe.com die Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen, Ideen zu teilen, zu spenden – und natürlich den Kaffee zu erwerben.

Máma José Gabriel Limaco in Deutschland zu Gast bei Oliver Driver: im Oktober 2014


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