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Ausgabe Juli 2014
Liebe in Bewegung - die Wachheit des Augenblickes. Von Stefan Beier und Berit Lütteke

Die beiden Paar-Therapeuten Stefan Beier und Berit Lütteke laden dazu ein, ganz mit sich selbst und zugleich als Paar lebendig zu sein. In ihrem Beitrag zu ihrem neu erschienenen Buch "System und Körper" fordern sie auf, sich gemeinsam mehr auf "die Dimen

"Was heißt eine wache Beziehung? Wie fühlt sich das in mir an? Wie schaue ich in einer wachen Beziehung in die Welt und zu meinem Partner hin?"
Falls diese Fragen in Ihnen nachklingen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit dafür. In der Begleitung von Paaren wie auch in unserem eigenen Leben können wir unser Bewusstsein dafür schärfen, mit welchem Blick wir auf Beziehung schauen.
Darf Partnerschaft ein Raum sein für ehrliches Hinschauen, für echte Erkenntnis und tiefe Transformation?
Wir laden Paare dazu ein, ihre Liebesbeziehung als tägliche Praxis zu erleben, um wacher zu werden, um über die eigenen Begrenzungen, Muster und Gewohnheiten hinauszuwachsen und sich gegenseitig in ihrem Potenzial zu fördern. Das erfordert ein hohes Maß an Präsenz und Achtsamkeit sowie den Mut zu Verletzlichkeit, Wahrhaftigkeit und Transparenz. Die eigenen, bislang wenig bewussten Anteile werden sichtbarer. Wenn das Aufwachen aus dem Dämmerschlaf der Gewohnheit zur obersten Priorität wird, können wir immer weniger auf die andere oder den anderen projizieren.
Die romantische Vorstellung von Paarbeziehung als intimem, geschlossenem Beziehungsraum, in dem wir ganz füreinander da sind, gleicht metaphorisch eher einem Kreis, in dem wir ein Leben lang Karussell fahren. Wer möchte das? Ein geöffneter Kreis, das Symbol des Zen, erlaubt uns Menschen vielmehr, uns als evolutionäre Wesen zu entfalten: zutiefst aufeinander bezogen und zugleich offen und wach für den Impuls, der aus einer größeren Intelligenz kommt.
Radikal gesehen bedeutet dies auch, nicht nur mich als Person, sondern auch die Beziehung weniger wichtig zu nehmen. Oder anders gesagt, sie nicht primär zu benutzen, um mich selbst zu verwirklichen oder mich und meine Partnerin/ meinen Partner glücklich zu machen, sondern um dem Leben auf allen Ebenen tiefer zu begegnen - als einen Weg zum Aufwachen in ein größeres Bewusstsein. Wenn ich meine Liebesbeziehung in diesen größeren Kontext stelle und in ihr präsent und bezogen bleibe, egal wie angenehm sich das gerade anfühlt, wird sie zum Landeplatz für neue Information, Inspiration und Kreativität. In unserem Verständnis ist dies ein wahrhaftigerer Ausdruck von Liebe als der lebhafte Tauschhandel von Bedürftigkeit und Anerkennung, in dem sich viele Partnerschaften wiederfinden.

"Economy of Love"
Eine große Antriebskraft in unseren Beziehungen sind unbefriedigte Bedürfnisse, die in der persönlichen Geschichte ihren Ursprung haben. Wenn uns diese nicht bewusst sind, beginnen wir aus ihnen heraus zu handeln, empfinden dies als unseren authentischen Ausdruck und erwarten von unserem Partner deren Erfüllung. Im Gegenzug erfüllen wir seine Bedürfnisse und ernten dafür Anerkennung. Das Ganze nennen wir Liebesbeziehung.
Die unausgesprochenen Verträge, die wir dafür miteinander schließen, nennt Thomas Hübl "Economy of Love". Das befriedigt uns eine Weile, ist aber letztlich nicht wirklich erfüllend, weil sich hier nicht zwei Erwachsene mit ihrem ganzen Potenzial treffen, sondern zwei Kinder, die ihre ungenährten oder verletzten Anteile heilen wollen.
"Welche Verträge und Vereinbarungen habe ich in meiner Partnerschaft geschlossen?" "Wie sieht der "Tauschhandel" in meiner Beziehung aus und wieso haben wir uns darauf geeinigt?"
Solange wir im Aktions-Reaktions-Muster gefangen sind, leben wir von der Energie des Handels, der schnellen Befriedigung. Erst wenn Platz wird für Spüren und Gewahrsein, entziehen wir diesem Kreislauf das Futter. Wir brauchen die Kompetenz der Stille ...
Für den Alltag in einer Liebesbeziehung heißt das auch, dass Gefühle ihren authentischen Ausdruck suchen und in ihrer Essenz wahrgenommen werden wollen. Sie können ein Wegweiser sein zu nichtintegrierten Anteilen einer Person oder zu tatsächlichen Unstimmigkeiten im Beziehungsleben, die der Veränderung bedürfen. Dies unterscheiden zu lernen, ist eines der wichtigsten Ziele von Paartherapie und -beratung. Die Wachheit, die es dafür braucht, kann man üben. Vor allem aber bedarf es der Bereitschaft, die Beziehung als Wachstumsraum ohne Bedingungen und Kontrolle anzuerkennen und nicht meine Partnerin/ meinen Partner auszubremsen, wenn es unbequem wird.

Der eigene Weg - auch als Therapeut/in
Die "Transparente Kommunikation nach Thomas Hübl®" erfahren wir als eine allen Menschen innewohnende Fähigkeit. Sie ist ein Schatz, der umso leichter zu bergen ist, je mehr man sich auf sie einlässt. Für die therapeutische Arbeit bedeutet sie eine enorme Erweiterung des Horizontes, weil sie alles, was passiert, in einen umfassenderen Bewusstseinsraum stellt und mit Präsenz füllt. [...] In diesem größeren Kontext können Erkenntnis- und Heilungsprozesse tiefer und wesentlich effektiver verlaufen.
Was braucht es dafür? Die Kunst ist, den reichen Schatz an Erfahrung und Handwerkszeug verfügbar zu haben und zugleich vollkommen loszulassen. Jeden Moment alles gehen zu lassen und uns radikal einzulassen auf die Tatsache, dass wir nichts wissen. Auch wenn das zunächst einfach klingen mag, fordert es uns in unserem ganzen Sein heraus. Wollen wir Klienten in den Raum von Nichtwissen begleiten, kommen wir mit ihnen unweigerlich an Punkte, wo es keine Wegweiser mehr gibt.
An dieser Schwelle spüren sie sehr genau, ob wir kontrahieren und auf Bekanntes zurückgreifen oder ob wir vollkommen präsent mit ihnen bleiben, offen und durchlässig, und ob wir bereit sind, den überpersönlichen Raum an Möglichkeiten zu betreten. In diesem Moment gibt es nichts zu tun, sondern vielmehr eine Erfahrung zuzulassen, die unser Verstand gewöhnlich zu verhindern versucht in seinem Bemühen um Sicherheit. Jenseits der persönlichen Filter und Konditionierungen verwandeln wir uns in einen immer klareren Spiegel. Unsere subtil-energetische Wahrnehmung wird zu einem laserscharfen Schwert und ermöglicht einen Dimensionssprung in der Differenzierung, Verfeinerung und Präzision unserer Arbeit. [...]
Um andere wirklich in die Wachheit des Augenblicks zu begleiten, sind wir gefordert, diese Kompetenz in unserem eigenen Leben zu etablieren. Indem wir selbst uns tief einlassen und verankern im Nichtwissen, können wir uns als Teil von etwas viel Größerem erfahren und begreifen - einer schöpferischen Intelligenz, die durch jeden von uns wirkt.

Aus: Wienands, A. (Hg.) (2014). System und Körper, S. 98-103, Vandenhoeck & Ruprecht.mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Berit Lütteke begleitet als Psychologin, systemische Therapeutin und Coach Einzelne, Paare und Familien; langjährige Mitarbeit im Team von Thomas Hübl; WE CHANGE-Leadership-Trainerin
Stefan Beier arbeitet als Körper- und Bewegungstherapeut in eigener Praxis sowie als Seminar-leiter; Gründer der Agentur für Männer eG; langjährige Mitarbeit im Team von Thomas Hübl


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