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Ausgabe Juli 2014
Die Evolution des Herzens. Von Shai Tubali

Der spirituelle Lehrer Shai Tubali hat die kognitive Methode ‚The White Light Expansion‘ entwickelt und veröffentlichte in Deutschland auch ein Buch über „Chakren: Die sieben Energiekörper der Seele“. Hier beschreibt er, was wir in unseren Beziehungen ler

Wir stellen uns gerne vor, dass wir eine gewisse geistige Reife haben, aber in Beziehungen stellen wir doch immer wieder peinlich berührt fest, wie unreif wir sein können. Jeder von uns kann sich an gewisse Momente in Beziehungen erinneren, in denen er sich erstaunlich unvernünftig verhalten hat. Wie ist es möglich, dass wir es in anderen Bereichen unseren Lebens schaffen, zumindest nach außen hin vernünftig und stabil zu wirken, in Beziehungen aber werden wir scheinbar leicht Opfer unserer eigenen Unvernunft?
Es gibt dafür einen einfachen Grund: Beziehungen stellen den wirklichen Grad unserer emotionalen Reife auf die Probe. Das hat eine gute Seite:

Beziehungen sind eine hervorragende Plattform, auf der man reifen kann.

Wir verweigern uns aber meistens einem tieferen Reifeprozess und bleiben mehr oder weniger diejenigen, die wir sowieso schon sind: Wir erwarten, dass der andere sich in jemanden verwandelt, der genau so ist, wie wir ihn wollen und unsere Bedürfnisse erfüllt. Wenn das nicht passiert, zeigt sich das kleine Kind, das wir immer noch sind – extreme verletzlich, allzu bedürftig, auf aggressive Weise fordernd. Wir fallen in einen infantilen Zustand zurück, in dem wir das Zentrum des Universums sind, während alle anderen sich um uns drehen, und zwar nur als Reflektionen und Projektionen unserer selbst. Aus irgendeinem Grund ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass man sich in Beziehungen fast peinlich unreif benimmt. Aber so kann das Herz sich nicht weiterentwickeln. Diese Entwicklung kann man einfach in einem dreistufigen Modell darstellen.
Im ersten Stadium können wir die eigenständige Existenz des anderen nicht wirklich anerkennen. Die andere Person ist wie ein Spiegel der eigenen Wünsche und Erwartungen, und wenn diese enttäuscht werden, kämpfen wir gegen diese Spiegelung. Wir ‚lieben‘ eine Projektion, und wenn wir uns streiten, ist es so, als würden wir ein Fantasiewesen anschreien, das auf einmal sein eigenes Leben haben will und unserer Kontrolle entwischt ist. Dies ist ein emotionales Stadium, das in Kindheit und Jugend begonnen hat und das sich, wie wir in Krisenmomenten merken, seither nicht wirklich weiterentwickelt hat.
Im zweiten Stadium lernen wir den anderen anzuerkennen. Wir lernen schätzen, dass der andere ein eigenständiges, unabhängiges System ist. Jetzt gibt es den anderen, seine ‚Andersartigkeit‘ ist nicht mehr nur eine Projektion unseres Gehirns. Er oder sie ist tatsächlich real, mit seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen, Erwartungen und Prozessen. Wir können ihn nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen (auch wenn wir es manchmal vielleicht noch versuchen).
In diesem Stadium gibt es zwei Unterstufen. In der ersten begreift das Herz, was Kompromisse wirklich bedeuten. Jede Beziehung ist ein Prozess, der Kompromisse zwischen unterschiedlichen Wünschen und Wegen bedeutet. Bei dieser reifen und schönen Form eines Kompromisses lernt man, seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche manchmal aufzugeben, und zwar ohne Bitterkeit, und mit einer tiefgehenden Anerkennung des anderen. Kompromisse sind hier nicht nur eine realistische Notwendigkeit, sie bedeuten tiefen Respekt und sogar Liebe.
Im zweiten Unterstadium entwickelt sich ein ganzheitliches Herz. Das Herz lässt jede Form von Projektion auf den anderen völlig los. Andere Menschen sind nicht mehr nur eine Leinwand, auf die wir unsere inneren Filme projizieren. Wir übernehmen die volle Verantwortung für unsere eigene seelische und emotionale Erfüllung und Beziehungen werden völlig gewaltfrei.
Im dritten Stadium verschwindet der andere wieder. Obwohl dies scheinbar dem ersten Stadium ähnelt, gibt es dafür nun einen anderen Grund: Das nunmehr ganzheitlich Herz entwickelt sich weiter zum erwachten Herz.
In diesem Stadium transzendiert das Herz die Dualität von Beziehungen und erkennt die Einheit, jenen Ort, an dem es keine Grenze mehr zwischen ‘mir’ und dem ‘anderen’ gibt. Dieses Stadium schließt das erste Stadium ein, in dem wir gelernt haben, unsere eigenen Bedürfnisse anzuerkennen, und auch das zweite Stadium, in dem wir lernten, die Andersartigkeit des anderen zu schätzen und ein unabhängiges Herz entwickelten. Diese beiden Merkmale sind also ganz da, aber im dritten Stadium fällt das persönliche Zentrum aus Wünschen und Bedürfnissen weg, es verschwindet die Idee einer Beziehung an sich. Wenn es kein Ich gibt, gibt es auch keinen anderen. Das Herz erfährt eine große, universelle Liebe, die wie eine enorm große Sonne scheint, alle menschlichen Beziehungen sind nur ihre blassen, vergänglichen Strahlen.
In diesem Modell können wir einen bestimmten Fluss sehen: Im ersten Stadium gibt es den anderen nicht, im zweiten Stadium erkennen wir ihn an und im dritten Stadium gibt es den anderen scheinbar wieder nicht. Manchmal versuchen wir, das zweite Stadium zu überspringen und sofort in das dritte Stadium der Einheit überzugehen.
Das ist besonders typisch auf dem spirituellen Weg, wo abstrakte Ideale uns begeistern, aber es geschieht auch in Eheschließungen, bei denen wir uns scheinbar zu einer unzerstörbaren ‘Einheit’ verbinden. Die Wahrheit ist, dass wir niemals das dritte Stadium erreichen können, wenn wir nicht die Reife des zweiten Stadiums erlangen. Die Tatsache, dass wir dieses zweite Stadium vermeiden, ist die einzige und wirkliche Quelle von Konflikten in Beziehungen. Wir leiden, aber wir verstehen nicht, warum wir leiden.
Es ist ein weiser Schritt, die Realität des eigenen narzisstischen und abhängigen Herzens anzuerkennen. Aber das ist nicht leicht, da wir an einem Selbstbild festhalten, das uns davon abhält. Dank dieses Selbstbilds geben wir fast immer den narzisstischen und unreifen Tendenzen der anderen die Schuld. Er oder sie ist immer noch unreif und kann uns nicht wirklich lieben – anders als wir selbst, natürlich. Wenn wir anderen nicht mehr die Schuld geben (auch das ist ein Merkmal eines unreifen Herzens) haben wir Raum, die Lauterkeit unseres eigenen Herz genauer zu betrachten.
Eine einfache und gesunde Übung besteht darin, die Andersartigkeit aller Dinge anzuerkennen. Wir können uns täglich daran erinnern, dass es außerhalb von uns Dinge und Wesen gibt, die objektiv als andere existieren, sie sind nicht nur Reflektionen unsere eigenen Gedanken und Gefühle. Der Sonnenuntergang, eine Blume, unsere Lieben sind andere Welten, nicht nur Werkzeuge für unsere eigene Erfüllung. Fühle die Andersartigkeit, die außerhalb deiner Grenzen existiert. Jenseits dieser Grenzen wartet die wahre Liebe, die unser Ego nie zu fassen mag.

Der Autor Shai Tubali stammt aus Israel, ist international tätig und lebt in Berlin. Er hat die kognitive Methode ‚The White Light Expansion‘ entwickelt und veröffentlichte in Deutschland die Bücher „White light – Reise zur Glückseligkeit“ (Kamphausen) und „Chakren: Die sieben Energiekörper der Seele“ (Neue Erde). Er wurde in der in yogischen ‚Nityananda‘-Tradition eingeweiht und ist Experte für Chakren und Kundalini. Weitere Infos zur Arbeit des Autors auf www.thewhitelight.de


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