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Ausgabe Juni 2014
Sex oder Liebe… und wie aus dem „oder“ ein „und“ werden kann. Von Hella Suderow.

Das Feuer des Herzens zu entfachen oder unmittelbar mit der Herzens-Energie zu arbeiten gehört auch zur Praxis der Paar- und Sexualtherapeutin Hella Suderow. Dabei geht es vor allem darum, Sexualität und Achtsamkeit zu verbinden.

Ich erinnere mich noch gut an eine Beziehung, in der mir mein damaliger Partner mitteilte, dass er mich zwar begehren, jedoch nicht lieben würde. Ich könne mich darüber freuen, denn wenn er mich lieben würde, ginge seine sexuelle Lust auf mich verloren. Ich war zutiefst verletzt! Dieses Ereignis liegt nun 25 Jahre zurück und aus meiner heutigen Erfahrung wage ich zu behaupten, dass dieser Mann einfach nur im Kontakt mit einem Dilemma war, das auch heute noch in der Mitte unserer Gesellschaft völlig normal ist, aber nicht ehrlich ausgesprochen wird: der Trennung von Sex und Liebe!
In unserer Arbeit mit Paaren erleben wir es immer wieder, dass nach anfänglicher Verliebtheit die sexuelle Anziehung verloren geht. Nähe und Vertrautheit wachsen, die Lust aufeinander schwindet. Trotz sexueller Befreiung gelingt eine beide Seiten erfüllende körperliche Begegnung in den allerwenigsten Fällen. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielschichtig.
Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die individuelle Paardynamik schauen, sondern Sie, lieber Leser, anregen, einmal folgende Frage in sich zu bewegen:
Was sind meine tiefsten Sehnsüchte, wenn ich mit einem geliebten Menschen Sex habe? Schließen Sie für einen Moment Ihre Augen und lassen Sie die Frage auf sich wirken.
Ich habe diese Frage schon an viele Menschen gerichtet und immer wieder ähnliche Antworten erhalten: Verbundenheit, Geborgenheit, Ankommen, Angenommen sein, Miteinander, Verschmelzung, Entspannung – fügen Sie gern weitere Begriffe hinzu!
Interessant wird es zu erforschen, was genau in uns passiert, wenn sich diese Sehnsucht nach Intimität und Verbundenheit im Sex nicht erfüllt. Ich behaupte, dass die doch eigentlich schönste Sache der Welt ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft geworden ist und dadurch viel an der ihr innewohnenden Magie verloren hat. Wir leben in einer Kultur, in der der Verstand über das Herz gestellt wird. Unsere Welt ist auf Konsum, Leistung, Effektivität und Ziele ausgerichtet. Wir können nicht in dieser Welt bestehen und dann einfach diese Eigenschaften an der Schlafzimmertür ablegen, uns entspannen, unser Herz öffnen und in wunderschönes, einander verbindendes Miteinander eintauchen. Diese Welt hat, ohne dass wir uns meist darüber bewusst sind, Einzug gehalten in unser Liebesleben. Sex ist eine Sache des Verstandes geworden. Wir wollen gut sein im Bett, sind auf ein Ziel, den Orgasmus fixiert, wollen vom anderen die Erfüllung unserer Bedürfnisse haben.
Vielleicht finden Sie sich nicht in dieser Beschreibung wieder oder haben aufgrund dieser Tatsache die Lust am Sex in ihrer Beziehung verloren. Es könnte jedoch durchaus ein spannendes Unterfangen sein, sich der Sexualität mit einem neuen Interesse und Forschergeist zuzuwenden. Denn nur, wenn wir unsere unbewussten sexuellen Muster wirklich mitbekommen, können sich diese verwandeln. Bewusstheit schafft Veränderung und in unserer Sexualität liegt viel Unbewusstes verborgen! Damit sich die sexuelle Energie mit dem Herzen verbinden kann, braucht es eine Bereitschaft, im Hier und Jetzt zu sein. Hierfür ist es unterstützend, langsamer zu werden, zu entspannen, inne zu halten und in sich selbst hinein zu lauschen. Wann werde ich mechanisch, wann fange ich an, auf ein Ziel hinzuarbeiten?
Eine wirklich nährende Verbindung kann sich nur in der Gegenwart ereignen. Wo aber bin ich, wenn ich ein Ziel im Blick habe oder gar mit sexuellen Phantasien beschäftigt bin? Wo, wenn ich etwas erreichen oder vom anderen etwas bekommen möchte?
Es ist an dieser Stelle hilfreich, den mitfühlenden Blick des inneren Zeugen auf unsere sexuellen Gewohnheiten zu richten. Es geht nicht um richtig oder falsch, um gut oder schlecht. Nur über die Anerkennung meiner Konditionierungen kann ich über sie hinaus wachsen. Der Verstand greift gern nach neuen Dogmen, das Herz jedoch urteilt nicht.
Wir Menschen unterliegen wie die Tiere einem Paarungsprogramm, bei dem Liebe keine Rolle spielt. Was uns jedoch von den Tieren unterscheidet, ist unsere Fähigkeit zu Bewusstheit. Nur, wenn wir auch unsere Sexualität mit dieser Fähigkeit verbinden, kann die Liebe wieder Einzug in unsere Betten halten. Der erste Schritt ist also die Bereitschaft, im Sex meditativer zu werden und sich mit dem eigenen Körper zu verbinden. Wir haben gelernt, unsere Aufmerksamkeit auf den Partner zu richten. Dabei verlieren wir leicht den Kontakt zu uns selbst. Es mag wie ein Paradox klingen: Je intensiver und ehrlicher ich im Kontakt mit mir selbst bin, umso tiefer wird die Verbindung zum Du. Dann habe ich wirklich etwas zu teilen, anstatt etwas haben zu wollen. Auf diese Weise öffnet sich in der sexuellen Begegnung ein wunderschöner Raum des Miteinanders, in dem sich nicht nur die Genitalien miteinander verbinden, sondern auch die Herzen.
Um die Qualität einer solchen Verbindung zu erleben, braucht es vor allen Dingen Zeit für die Liebe. Es braucht Inseln jenseits unseres Alltags, in denen wir uns diese Zeit bewusst zugestehen, um eine Tür zu einem neuen Erfahrungsraum öffnen zu können.
Es ist wirklich lohnenswert, sich diese Zeiten zu nehmen, denn wenn aus dem Oder wieder ein wirkliches Und erwächst, wird das ganze Leben entspannter und liebevoller.

Die Autorin Hella Suderow ist Dipl.Psychologin, Paar-und Sexualtherapeutin und leitet gemeinsam mit ihrem Mann, Christian Schumacher, unter anderem Seminare zum Thema Achtsamkeit und Sexualität, Slow Sex nach Diana Richardson. Weitere Informationen und aktuelle Termine unter www.paarweise.info


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