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Ausgabe Juni 2014
Leidenschaft des Herzens. Der Liebe Tiefe geben. Von Jochen Meyer


Nichts gegen guten Sex und leidenschaftliche Nächte. Doch um so länger ich in einer Beziehung lebe, desto klarer wird mir zu meinem eigenen Erstaunen: Wir sind mehr als unsere Leidenschaften und wir haben einander mehr zu geben als unser Begehren und unsere Lust aufeinander. Viel mehr.
Wie oft haben wir das erlebt: Starke körperliche Anziehung, Begehren und Begehrtwerden, das Hochgefühl der sexuellen Vereinigung. Das Feuer der Leidenschaft als treibende Kraft, die uns zusammenbringt und den Beginn einer Beziehung markiert. Einer Beziehung, die wir im Rausch der Gefühle für eine große Liebe halten. Was wir auch erlebt haben: Dass die Leidenschaft abkühlt, die Faszination für den anderen nachlässt und es irgendwann losgeht mit Streitigkeiten, Machtkämpfen und Konflikten. Dass es anstrengend wird, wo vorher alles leicht war. Dass wir an uns arbeiten müssen, wenn wir eine gute Beziehung hinbekommen wollen. Und dass es in der Liebe offenbar um mehr geht als um Begehren, Lust und Leidenschaft.

Verschmelzung als Egotrip
Doch wie schmerzhaft sind die Erfahrungen, die wir machen müssen, um zu diesen Einsichten zu gelangen – und wie lange brauchen wir dafür! Mit welcher -Naivität starten wir im Elan der ersten, jugendlichen Liebe! Wir sind uns sicher: „Nur mit dir kann ich glücklich werden! Nur du kannst mich ganz machen!“ Gierig verschlingen wir einander, wenn wir zusammen sind und verzehren uns vor Sehnsucht, wenn wir getrennt sind. Sprachmuster wie diese deuten darauf hin, dass wir von regressiven Motiven getrieben werden: Wir wollen zurück an die Mutterbrust, mit dem anderen symbiotisch verschmelzen und von der Liebe des Geliebten genährt werden: Der andere soll uns erfüllen! Wir wollen zurück und nicht nach vorn. Doch dieser Weg führt in die Sackgasse. Irgendwann realisieren wir, dass andere unsere Löcher nicht stopfen können und wir nicht ihre. Irgendwann erkennen wir, dass das, was wir bislang für Liebe gehalten haben, gar keine ist, sondern der zum Scheitern verurteilte Versuch, andere für unsere Bedürfnisbefriedigung zuständig zu machen. Tyrannisch wie trotzige Kleinkinder fordern wir von unseren Partnern, dass sie uns emotional versorgen und unser Leben in Ordnung bringen. Immer wieder versuchen wir, auf Kosten anderer zu leben und glücklich zu werden. Immer wieder vermeiden wir notwendige Wachstumsschritte hin zu wirklicher Autonomie. Wir drücken uns davor, Verantwortung zu übernehmen für unser Leben und selbst für unser Glück, für die Erfüllung unserer Bedürfnisse und unser emotionales Gleichgewicht zu sorgen.
So lernen wir auf schmerzhafte Weise, dass eine starke sexuelle Anziehung kein Garant für eine gute Partnerwahl ist. Wir erkennen, dass toller Sex keine Grundlage für eine stabile Beziehung ist und dass wir dafür noch ganz andere Fähigkeiten brauchen. Und auch aus spiritueller Sicht sind leidenschaftliche Beziehungen nicht erstrebenswert. Eine leidenschaftliche körperliche Beziehung wird nicht als Ziel spiritueller Verwirklichung gesehen. Vielmehr sehen gerade Traditionen wie der tantrische Buddhismus, welche Lust und sexuelle Energie bejahen, die Herausforderung in der Überwindung der sexuellen Gier. Nicht die hemmungslos besitzergreifende Vereinnahmung des Sexualpartners, sondern die überindividuelle Vereinigung mit der universellen kosmischen Energie als solcher wird angestrebt. Nicht Verschmelzung als Egotrip, sondern wirkliches Aufgehen im Hier und Jetzt soll erreicht werden.
Solange wir unsere Liebesbeziehungen an ein immerwährendes Fortbestehen körperlichen Leidenschaften knüpfen, entziehen wir ihnen eine stabile Basis. Betrachten wir sexuelles Begehren als Voraussetzung für Liebe, müssen wir die Verbindung in Frage stellen, sobald das Verlangen nachlässt. Zweifellos spricht die leidenschaftliche Liebe starke Sehnsüchte und tief in uns verwurzelte Bilder an: Von Erfüllung und Geliebtwerden, von intensiven Gefühlen und einem Leben in Ekstase. Doch so sehr wir uns unseren Leidenschaften hingeben und uns dabei verzehren, irgendwann wird der aufregendste Sex langweilig, irgendwann erschöpft sich das Feuer, irgendwann wird aus Leidenschaft Leiden. Wir beginnen zu ahnen, dass es noch etwas anderes geben muss.

Das Begehren ausdehnen
Wollen wir unsere Liebesbeziehungen auf eine stabilere Basis stellen, so tun wir gut daran, wenn wir das Feuer der Leidenschaften über das Körperliche hinaus erweitern. Wir stoßen in neue Bereiche vor, wenn wir unser Begehren darauf richten, dass wir unseren Partner in seinem gesamten Wesen lieben. Wenn wir unser Herz dafür entflammen, dass wir unser Verbundensein auf geistiger, seelischer und körperlicher Ebene vertiefen. Unseren Partner lieben, solange wir ihn körperlich attraktiv finden, das ist leicht. Was aber geschieht, wenn er weniger begehrenswert erscheint, zum Beispiel weil er älter wird? Was lieben wir dann noch an unserem Partner? Hier kommen neue Dimensionen von Liebe ins Spiel, etwa Zuneigung, Vertrautheit oder Verbundenheit. Ich empfinde es als Ausdruck von Autonomie und innerer Freiheit, wenn ich nicht mehr auf sexuelles Begehren angewiesen bin und dies nicht mehr der eigentliche Grund unseres Zusammenseins ist. Um so länger ich in Beziehung bin, desto mehr interessieren mich die seelischen Dimensionen von Liebe und Partnerschaft – Leidenschaften des Herzens. Ich sehe bei mir und vielen Paaren in meinem Umfeld die Transformation von leidenschaftlich-verzehrenden in partnerschaftlich-erfüllende Liebesbeziehungen, in denen gegenseitige Achtung, Vertrautheit und starke Zusammengehörigkeitsgefühle ebenso verbindende Kräfte sind wie das körperliche Begehren – manchmal sogar stärkere. Und ich sehe, wie sich dabei unsere Fähigkeiten zu lieben erweitern.
Leidenschaften des Herzens – das bedeutet für mich zum Beispiel, dass ich mich immer wieder bewusst dafür entscheide, meine Partnerin zu lieben. Dass ich lerne, sie wirklich ganz zu lieben und sie nicht länger aufspalte in angenehme Teile, die ich liebe, und in unangenehme, die ich kritisiere. Es bedeutet, dass ich sie immer mehr in ihrem Sosein akzeptiere – einzigartig, wie sie nun mal ist. Die Leidenschaft unserer Herzen ermöglicht uns, dass wir einander bejahen und unserer Liebe Tiefe geben. Diese Kraft in unseren Herzen sagt ein immer größeres „Ja“ zum Partner – nicht nur, weil wir einander sexuell begehren, sondern weil wir immer mehr ineinander sehen. Doch dafür müssen wir bereit sein und wirklich genau hinsehen, unsere Partner einmal ungeschminkt anschauen, was auch immer sich dann zeigen mag.
Wir können unterschiedliche Bewusstseinsstufen der Liebe erkennen, wenn wir uns der Frage stellen: „Wozu dienst du mir?“ Liebe ich meine Partnerin, weil es mich aufwertet, wenn ich von einer attraktiven Frau begehrt werde? Weil es sich gut anfühlt, wenn wir scharf aufeinander sind und innere Wunschbilder von heißem Sex damit erfüllt werden? Oder liebe ich dich, weil ich wirklich mit dir in Kontakt sein und mich tatsächlich auf dich einlassen will? Wir können uns fragen, ob unser Partner uns zu etwas dienen soll oder ob wir ihm dienen – ob wir zu seiner Entfaltung beitragen und ihn zum Blühen bringen. Vielleicht stellen wir fest, dass beides in uns ist, altruistische und egoistische Motive. Und dann können wir uns für die Liebe entscheiden, ganz bewusst, indem wir uns dazu entschließen, dass wir noch gebefähiger werden. Nur so kommen wir über die Marktplatzebene hinaus, auf der ich dir nur dann meine Liebe gebe, wenn du mir deine gibst und umgekehrt. Erst dann kann ich dich lieben, wenn ich mich dafür entscheide – und nicht, wenn ich etwas von dir kriege. Schaue ich dich mit liebevollen Augen und der Kraft meines Herzens an, dann sehe ich dich als liebevolles und auch liebesbedürftiges Wesen, das sich nach einem unterstützenden, bestärkenden Partner sehnt. Dann verspüre ich den Wunsch, dir ein solcher Partner zu sein. Dann folge ich meinem Auftrag, dir das Leben leichter zu machen. Ich erkenne einen tieferen Sinn in unserem Zusammensein und beschäftige mich nicht mehr so sehr damit, was ich von unserer Beziehung kriege, sondern was ich ihr geben und wie ich sie noch schöner machen kann.

Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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