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Ausgabe Juni 2014
In mir brennt ein Feuer. Lass dich anstecken! Von Wolf Schneider


Was tun wir nicht alles, weil wir es tun müssen – oder glauben, es tun zu müssen. Das ist leider ein großer Anteil dessen, was wir tun. Kann es sein, dass wir dabei irgendwelchen Irrtümern erlegen sind? Müssen wir das wirklich tun, was wir da tun? Was ist das für eine Angst, was alles passieren könnte, wenn wir es nicht tun? Die Ergebnisse solcher Überlegungen können sehr befreiend sein, vor allem dann, wenn man den Mut hat, ihnen Entscheidungen folgen zu lassen.
Es gibt aber noch einen anderen Ansatz. Der geht so: Frage dich, was du wirklich gerne tust! Erspüre, erforsche, was dein tiefstes Begehren ist, dein innerer Ruf. Was würdest du denn tun, wenn es keine Vorschriften und Erwartungen gäbe, keine Zwänge, kein „Es geht ja nicht anders, wir haben hierzu keine Alternative“? Es sind ja meist soziale Zwänge oder eingebildete Zwänge, was uns da einschränkt, und nicht sowas wie das Gebot, nicht aus dem Flugzeug zu springen, wenn man keinen Fallschirm umgeschnallt hat oder keine Ahnung, wie der zu bedienen ist. Wenn es all diese Zwänge nicht gäbe, was würdest du tun? Brennt da ein Feuer vielleicht auch in dir, dem du schon lange nicht mehr erlaubt hast, hell aufzulodern? Ein Feuer der Leidenschaft, Kreativität, Liebe und Lebensfreude, dein anarchistisches Herz!?

Brennst du für gute Ziele
„Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“, dieser Satz des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horvath hat es in sich. In jedem von uns schlummert etwas, das aufgrund sozialer Rücksichten und Vorschriften noch nicht so recht zur Geltung kommen konnte. Könnte es aber doch, wenn wir nur den Mut dazu hätten! Gewiss gibt es auch Tendenzen, die man besser nicht hemmungslos auslebt, aber auch mit denen kann man umzugehen lernen, ohne sie zu unterdrücken und ins Unbewusste zu verdrängen, wo sie dann ein Eigenleben führen, in der Regel kein gutes. Das meiste in uns aber ist gut und kommt weniger aus kluger Zurckhaltung nicht zur Geltung als aufgrund von Feigheit oder Bequemlichkeit: unser inneres Feuer.
Um zu erkennen, ob dieses Feuer ein gutes ist oder ein zerstörerisches, brauchen wir keine religiösen Vorschriften einzuhalten oder sonst einen Gutmenschenkatalog – es genügt ein freies, intelligentes Handeln im Bewusstsein der Verbundenheit, der connectedness von allem und jedem. Die Flamme der Leidenschaft braucht keine Vorschriften, sondern Intelligenz, Wachheit und das Bewusstsein, dass alles irgendwie miteinander zusammenhängt, dann wirkt sie auf gute Weise. Dann ist sie kreativ, begeisternd, ermutigend und für die Leidenden lindernd oder gar heilsam.
Auch wenn das deutsche Wort „Leidenschaft“ eher nach etwas klingt, das Leiden schafft als davon zu erlösen: Leidenschaftliche, passionierte Menschen sind bereit für ihre Ziele auch Leiden in Kauf zu nehmen. Das sich jedoch im Feuer des Tuns verbrennt durch die Erfüllung, die der tiefe Sinn dieser Tätigkeit dem so Handelnden verschafft.

Fokussiert und gewidmet
Wie wird nun aus Leidenschaft Liebe, Mitgefühl, Empathie? Ich meine, dass dazu das Feuer einer starken Motivation zusammenkommen muss mit tiefer Einsicht in die Zusammenhänge. Keins von beidem darf fehlen: Feuer ohne Einsicht kann vernichten, Einsicht ohne Feuer erlahmt. Und die Einsicht muss eine sein, die Zusammenhänge erkennt zwischen innen und außen, dir und mir, uns und „denen“ – und zwischen dem Gestaltbaren (der Kunst und Kultur) und dem Vorgegebenen (der Natur). Wir brauchen die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen dem, was wir gestalten können und dem Mächtigen, dem wir uns nur hingeben können, weil es stärker ist als wir oder im Einzelfall nicht veränderbar.
Allem schönen Glauben an universelle Resonanzgesetze zum Trotz können wir nur unsere Identität gestalten und zwar durch Fokussierung, Widmung und Rituale. Die Außenwelt können wir durch eben dies nur indirekt gestalten. Fokussierung, Widmung und Rituale gestalten insbesondere unsere Beziehungen, die wiederum unsere Identität ausmachen, also das, was wir sind. Was wir sind, weil wir uns darauf fokussiert haben, uns dem gewidmet und damit identifiziert haben.

Rituale gestalten Identität
Hierzu nun ein paar praktische Beispiele. Es gibt Rituale der Verbindung und des Abschieds, für Aufnahme und Austritt, Beginn und Ende und auch für Statusänderungen innerhalb einer Beziehung, eines Jobs oder sonst einer sozialen Rolle. Wir bemerken diese Änderungen natürlich, aber meist ist uns kaum bewusst, von welchen Ritualen sie geprägt und gestaltet wurden. Vor allem unsere Sprache vollzieht diese Änderungen: „Hiermit sind Sie aufgenommen“ (oder gekündigt, freigesprochen, geschieden, verheiratet) sagt jemand – und damit bist du „ein anderer“. Oft wird das von Gesten oder rituellen Gegenständen begleitet, das kann ein Ring oder ein Stab sein, eine bestimmte Kleidung oder Haartracht oder auch nur ein anderer Tonfall der Stimme. Damit geben wir Versprechen, erneuern sie nach einem Bruch und lösen sie irgendwann wieder auf – gegenüber uns selbst, jemand anders oder einer Gemeinschaft. So können wir unsere Identität und unsere Beziehungen gestalten. Die Außenwelt allerdings können wir nur indirekt gestalten, indem wir uns selbst gestalten. Kreative Wunscherfüllung gibt es nur auf diesem Umweg. Auch wenn ich es noch so „intensiv“ mir wünsche, werden mir allein aufgrund meiner Wünsche keine Flügel wachsen, mein Konto wird sich nicht „einfach so“ füllen, und es werden mir auch keine dritten Zähne wachsen.

Hindernisse anzünden
Erst nachdem wir aus einem naivem Verständnis des Resonanzgesetzes hinausgewachsen sind, entfalten sich die uns tatsächlich möglichen Freiräume der Selbstverwirklichung. Ob wir liebevoll oder gehässig sind, großzügig oder engherzig, ängstlich oder mutig, das können wir beeinflussen. Und das ist es, was uns glücklich oder unglücklich macht. Es ist vor allem der Mut, mit dem wir es wagen, uns dem „Feuer des Herzens“ hinzugeben, was über unser Glück oder Unglück entscheidet, und nicht unsere körperliche Ausstattung oder der Kontostand. Wer leidenschaftlich lebt, mag auf Sicherheit bedachte Menschen erschrecken. Macht nichts. Insgeheim beneiden sie dich wahrscheinlich um dein Feuer. Entfache trotz dieser Sicherheitsmenschen und Bedenkenträger das Feuer in dir und sei dabei klug genug, nicht alles Brennbare für verzichtbar zu halten, sondern erkenne das Entzündbare, Entflammbare, das uns sinnlos einschränkt als solches, dann wirst du nicht nur glücklich sein, sondern als Liebender auch andere glücklich machen können. Glück ist ansteckend. Liebe und Leidenschaft auch.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


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