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Ausgabe Mai 2014
Ein Tiger zeigt den Weg

Peter A. Levine über Trauma-Arbeit und spirituelle Heilung

Ich habe mich in den letzten 35 Jahren mit der Erforschung von Stress und Trauma beschäftigt und Menschen dabei unterstützt, sich von deren Folgen zu erholen. Häufig werde ich gefragt, wie ich mit einem so problematischen Thema wie Trauma arbeiten kann, ohne auszubrennen oder depressiv zu werden. Ich kann dazu sagen, dass es sich in meinem Leben als eine zutiefst stärkende und erbauliche Erfahrung erwiesen hat, die Transformation mitzuerleben, die bei Menschen erfolgt, wenn sie ihr Trauma meistern. Wie kann das sein?



Lassen Sie mich zunächst ein wenig von mir selbst erzählen. Meine Karriere als Wissenschaftler begann Mitte der 60er-Jahre in Kalifornien, in dem radikalen Umfeld der Universität Berkeley, Kalifornien. Während ich die Auswirkungen von gehäuftem Stress auf das Nervensystem erforschte, begann ich zu vermuten, dass die meisten Organismen über eine angeborene Fähigkeit verfügen, sich von bedrohlichen und stressreichen Ereignissen wieder zu erholen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keinerlei Kenntnisse von psychologischen Traumata – dieser Begriff sollte in seiner modernen Form noch weitere 15 Jahre nicht definiert sein.



Ich experimentierte mit unterschiedlichen Stressreduktionstechniken, die von der »neuen« Idee einer Verbindung zwischen Geist und Körper Gebrauch machten. Während dieser frühen Forschungstätigkeit trug sich ein ungewöhnliches Ereignis zu, das die Richtung meiner Arbeit für immer verändern sollte. Ein Psychiater, der meine Forschungstätigkeit zum Thema Stress kannte, bat mich um die Übernahme einer Patientin, die an zahlreichen »psychosomatischen« Störungen wie Migräne, prämenstruellem Syndrom, chronischen Schmerzen, Müdigkeit sowie schweren Panikattacken litt. Der Psychiater war der Ansicht, dass es für diese Patientin gut wäre, entspannen zu lernen.



Als ich mit der Patientin (nennen wir sie Nancy) zu arbeiten begann, lockerte sie sich anfangs. Plötzlich wurde sie ohne Vorwarnung von Panik ergriffen. Erschrocken und ohne die geringste Ahnung, was ich tun sollte, tauchte vor meinem geistigen Auge das flüchtige Bild eines Tigers auf, der zum Angriff bereit war. Es wirkte traumähnlich und ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, woher es gekommen war.



»Nancy, ein Tiger kommt auf Sie zu!«, platzte ich ohne nachzudenken heraus. »Laufen Sie und fliehen Sie zu den Felsen dort. Laufen Sie um Ihr Leben!« Zu meiner Überraschung begann Nancys Körper, sich zu schütteln und zu zittern. Ihre Wangen röteten sich, während sie heftig zu schwitzen anfing. Nach einigen Minuten nahm sie ein paar tiefe, spontane Atemzüge. Diese Reaktion, die für uns beide beängstigend war, lief fast eine Stunde lang in Wellen über sie hinweg. Als sie zu Ende war, erlebte Nancy eine tiefe Ruhe und sagte, sie fühle sich wie »von warmen, prickelnden Wellen« getragen.



Nancy berichtete, dass sie während dieser Stunde mentale Bilder vor sich gesehen hatte, die zeigten, wie sie im Alter von vier Jahren zur Verabreichung einer Äthernarkose für eine Mandeloperation festgehalten wurde. Die Angst zu ersticken, die sie als Kind erlebt hatte – und die sie während ihrer Sitzung bei mir erinnerte und wieder aufsuchte –, war furchtbar. Als Kind hatte sie sich überwältigt und hilflos gefühlt. Nach dieser einen Sitzung bei mir trat eine auffallende Besserung ihrer sämtlichen entkräftenden Symptome ein und sie kam mit ihrem Leben wieder zurecht.



Dieses Erlebnis mit Nancy veränderte den Lauf meines Lebens. Letztendlich eröffnete es mir bei meiner laufenden Forschung neue Zugänge zur Natur von Stress und Trauma, es vertiefte mein Verständnis dafür, auf welche Weise ein Trauma auf den Körper einwirkt, und führte zu einer ganz neuen Behandlungsform für die kräftezehrenden Folgeerscheinungen, die so viele negative und zerstörerische Formen annehmen können.



Die Auswirkungen eines ungelösten Traumas sind mitunter verheerend. Sie können unsere Gewohnheiten und unsere Lebenseinstellung beeinflussen, zu Suchterkrankungen führen und uns schlechte Entscheidungen treffen lassen.



Sie können unser Familienleben und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen belasten. Sie können Auslöser für konkrete körperliche Schmerzen, Symptome und Erkrankungen sein. Und sie können zu zahlreichen selbstzerstörerischen Verhaltensweisen führen. Aber ein Trauma muss keine lebenslängliche Freiheitsstrafe sein.



Ich habe auf der Grundlage meiner Forschungstätigkeit und meiner klinischen Arbeit eine Methode - ein Programm zur Trauma-Heilung in 12 Schritten - entwickelt, die mit Körperübungen und mentalen Übungen dazu beiträgt, den Körper und den Geist von den schwächenden Auswirkungen eines Traumas zu befreien. In den vergangenen 30 Jahren habe ich bei buchstäblich Tausenden von Menschen miterlebt, wie sich ihr Leben veränderte, während sie sich von traumatischen Erlebnissen erholten.



Trauma-Selbstheilung
Wenn Sie das 12-Schritte-Programm durchführen, beginnt Ihr Heilungsprozess bereits am ersten Tag. Wenn Sie weitermachen und das Programm in den kommenden Wochen und Monaten kontinuierlich anwenden, dürften Sie schrittweise einen Heilungsprozess erleben, der Sie dabei unterstützt, Ihren Körper und Ihre Gedanken von den hemmenden Auswirkungen einer traumatischen Erfahrung zu befreien. ...



In nahezu jeder spirituellen Überlieferung wird Leiden als ein Tor zum Erwachen angesehen. In der westlichen Tradition lässt sich diese Verbindung in der biblischen Geschichte von Hiob und ebenso in der dunklen Nacht der Seele in der mittelalterlichen Mystik erkennen. Die transformierende Kraft des Leidens findet ihren vielleicht klarsten Ausdruck in den Vier Edlen Wahrheiten, für die Buddha eintritt. Obwohl Leiden und Trauma nicht identisch sind, können die Erkenntnisse Buddhas zur Natur des Leidens einen mächtigen Spiegel darstellen, wenn Sie die Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen in Ihrem Leben erforschen. Die Grundzüge der Lehre Buddhas bieten uns eine Anleitung zur Heilung von traumatischen Erfahrungen und zur Wiedererlangung eines Gefühls von Ganzheit in unserem Leben.



Mit der ersten der Vier Edlen Wahrheiten lehrt Buddha seine Schüler, dass Leiden ein Teil des Menschseins ist. Wenn wir uns nur darum bemühen, herausfordernde, schmerzhafte Erfahrungen zu vermeiden, gibt es keine Möglichkeit, einen Heilungsprozess in Gang zu bringen. Es ist vielmehr so, dass Verleugnung gerade die Bedingungen schafft, die unnötiges Leiden fördern und verlängern.



Die zweite der Vier Edlen Wahrheiten besagt, dass wir herausfinden müssen, warum wir leiden. Wir müssen den Mut aufbringen, unser Leiden tiefgründig, klar und entschlossen anzusehen. Wir gehen oft stillschweigend davon aus, dass all unser Leiden auf Ereignisse aus der Vergangenheit zurückgeht. In Wirklichkeit rührt unser Leiden jedoch nicht von den Ereignissen her, die das Trauma ursprünglich ausgelöst haben, sondern davon, wie wir mit den Auswirkungen umgehen, die das vergangene Ereignis in der Gegen wart für uns hat.



In der dritten edlen Wahrheit erklärt Buddha, dass Leiden transformiert und geheilt werden kann. Diese Aussage kann denjenigen von uns, die ein Trauma erlitten haben, einen ganz erheblichen Vertrauensvorschuss abverlangen, aber wir sind dazu fähig, uns von einem Trauma wieder zu erholen. Während ich Menschen dabei begleitet habe, von ihrem Trauma zu gesunden, hat die Erfahrung mich gelehrt, dass diese Fähigkeit zur Heilung angeboren ist.



Die vierte edle Wahrheit erklärt, dass wir einen passenden Weg finden müssen, nachdem wir die Ursache unseres Leidens erkannt haben. Ich bin überzeugt davon, dass die von mir entwickelten Übungen, die Sie in dem 12-Schritte-Programm zur Trauma-Heilung kennenlernen, ein Weg sein können, der Sie aus Ihrem Leiden hinausführt und der Ihnen dabei hilft, die einfachen Wunder des Lebens wieder zurückzuerobern.



Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Peter A. Levine, Vom Trauma befreien



Buchtipp: Peter A. Levine, Vom Trauma befreien. Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen, Kösel Verlag 2011, 112 Seiten und CD mit Übungen, 19,95 Euro



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