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Ausgabe Mai 2014
Nach Hause kommen. Von Francine Shapiro

Die Trauma-Therapeutin und Begründerin des EMDR, Francine Shapiro, über unser aller Potenzial zur Heilung. Ein Buchauszug.

„Ich fuhr einen verschneiten Hügel hinauf, als mir der Gang raus-sprang. Das Auto hinter mir wich seitwärts aus und fuhr an mir vorbei, da mein Wagen sofort stehen blieb. Auf meiner Höhe ange-kommen, verzog der Fahrer finster das Gesicht und drohte mir mit der Faust. Als er mich überholte, sah ich an seinem Wagen einen Auf-kleber, auf dem stand: ›Stelle dir eine friedliche Welt vor.‹ Wo fängt diese friedliche Welt denn an? Oder fuhr er den Wagen seiner Frau?“ Dieses Erlebnis schilderte mir eine Kollegin vor etwa einem Jahr in einer E-Mail. Es bringt ziemlich gut auf den Punkt, wo wir als Menschen stehen. Auch wenn wir eine positive Richtung anstre-ben, spielen unsere Emotionen oft nicht mit. Oft ist es uns einfach nicht möglich, der Mensch zu sein, der wir gern wären, und auch die Welt verhält sich nicht so, wie wir es gern hätten. Letzten En-des bestimmt unser tagtägliches Verhalten, ob wir in unserem Le-ben glücklich oder gestresst sind. Hier spielen unsere Selbstwahr-nehmung und unsere Be-reitschaft, die Verantwortung für unsere psychische und kör-perliche Gesundheit zu übernehmen, eine große Rolle.

Anders sein
Wer von uns in der Schule die Erfahrung gemacht hat, einge-schüchtert oder ausgeschlossen zu werden, weil er anders war – zu klein, zu groß, zu dick, Brillenträger, behindert, Klassenerste oder Klassenletzter –, versteht, wie isoliert und allein Menschen sich fühlen können. Die Beleidigungen und Demütigungen können un-ser Vertrauen ins Leben erschüttern und uns endloses Leid besche-ren. Stellen Sie sich vor, wie viel schlimmer das alles ist, wenn Erwachsene sich aufgrund ihrer Machtposition berechtigt fühlen, Eigenschaften, die uns, wenn wir es zulassen, noch immer von unseren Mitmenschen trennen – sei es Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder soziale Herkunft –, negativ zu kommentieren. Ob-wohl die Technologie uns stärker miteinander verbunden hat, jagen die täglichen Nachrichten und die endlosen Kriege auf dieser Welt uns immer noch Angst vor „den anderen“ ein. Auch diese Angst gehört zu den Themen, für die wir in uns selbst Lösungen finden können, ob wir zu den Tätern oder den Opfern gehören. Grundsätz-lich lässt sich sagen, dass wir, wenn wir helfen wollen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, damit bei uns selbst anfangen müssen.

Kate und Terry
Kate hatte man dringend nahegelegt, eine Therapie zu ma-chen. Sie selbst wollte keine Therapie, schon gar nicht bei der kleinen blon-den Frau, die da zur Tür hereinkam. Wie glaubte die denn, ihr hel-fen zu können? Sie war seit 20 Jahren Abtei-lungsleiterin und für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet wor-den. Sie war die erste Afro-amerikanerin, die auf diesen Pos-ten befördert worden war. Aber jetzt verlangte das Leitungs-büro ihres multinationalen Konzerns, dass jede und jeder in ihrer Position eine Prüfung ablegen musste, bei der sie schon zweimal durchgefallen war. Die Firma hatte ihr diese Thera-peutin zugewiesen, und sie konnte sich nicht verwei-gern. Ihre Versagensängste machten ihr zu schaffen, und wenn sie die Hilfe dieser Frau ablehnte, würde sie ihren Chef verärgern. Kate musterte Terry grollend, wusste aber keinen Ausweg. Sie musste ihr einfach sagen, dass sie sich hier im selben Zimmer mit ihr wie eingesperrt fühlte und ihr das überhaupt nicht gefiel.
Terry sagte, sie könne das gut verstehen und mitempfinden. Da die Zeit knapp sei, fuhr sie fort, würden sie sich hier nur auf das kon-zentrieren, was Kate am Bestehen der Prüfung hinderte. Nach einer kurzen Vorbereitung bat Terry Kate, sich darauf zu konzen-trieren, wie es sich für sie anfühlte, „hier im Zimmer eingesperrt zu sein“. Nachdem sie übereingekom-men waren, dass Kate ihre Auf-merksamkeit auf die negative Kognition „Ich fühle mich einge-sperrt“ und die damit einher-gehenden Gefühle richten würde, be-gannen sie mit der Verar-beitung. Das Thema veränderte sich schnell, und Kates nächste negative Überzeugung lautete: „Ich ver-traue dir nicht!“ Terry sagte: „Nehmen Sie das einfach wahr“, und beim nächsten Set von Augenbewegungen sprudelten die Er-innerungen nur so hervor. Bilder und Szenen kamen hoch, in denen Kate all die Vorurteile erlebte, denen sie in ihrem Le-ben begegnet war. Sie reisten noch weiter zurück, und Kate machte dabei keinen Hehl aus ihrem Ärger. Sie war erstaunt, wie viele Beleidigungen sie hatte erdulden und wie viele Hin-dernisse sie hatte nehmen müs-sen, um ihre jetzige Position zu erreichen. Sie erinnerte sich an eine Lehrerin, die ähnlich aus-gesehen hatte wie Terry, und die sie ständig fertiggemacht hatte. Kate wusste noch, dass diese Lehrerin sie „dumm“ ge-nannt und gesagt hatte, „sie werde es nie zu etwas bringen“ – außer vielleicht zur Putzfrau. Die Verarbeitung dauerte schließlich fünf Stunden. Am Ende lag Kates SUD-Wert bei 0, und die positive Kognition „Ich habe eine Wahl“ fühlte sich für sie vollkommen richtig an. Ihr wurde klar, dass sie die Prüfung am fol-genden Wochenende ablegen konnte, obwohl sie sich noch nicht richtig darauf vorbereitet hatte. Sie machte sie und wusste schon vor Mitteilung der Ergebnisse, dass sie nicht bestanden hatte. Doch jetzt erlebte sie das anders. Sie hatte keine Angst mehr und machte sich zuversichtlich daran, sich auf den nächsten Prüfungstermin vorzubereiten, an dem sie auch bestand. Sie zögerte nicht, anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Firma Terrys Unterstützung zu empfehlen. Kate hatte jetzt das Gefühl, dass sie beide sich auf Au-genhöhe begegneten und zusammen anderen helfen konnten.

Wir haben die Wahl
Wenn Schmerz und Ärger auf Vorurteile zurückgehen, hat das im-mer zwei Seiten. Wenn wir andere abwerten oder an den Rand drängen, gehen uns als Gesellschaft die positiven Bei-träge dieser Menschen verloren. Hier stellt sich die grund-sätzliche Frage, ob Sie lieber Teil der Lösung oder Teil des Problems sein möchten. Das heißt, Sie müssen herausfinden, was Sie schmerzt oder ob Sie anderen Schmerz zufügen. Überprüfen Sie einmal, ob Sie Groll, Angst, Scham und Schmerz mit sich herumtragen, und versuchen Sie herauszu-finden, woher diese Gefühle kommen. ...
Wenn Sie sich mit Ihrem inneren Schmerz bislang nie auseinander-gesetzt haben, kann er Sie dazu treiben, grausam, überkritisch und verletzend mit sich selbst und vielleicht auch mit anderen umzuge-hen. Menschen, die in sich ruhen, sind nicht von Angst beherrscht. Sie verurteilen nicht ganze Grup-pen von Menschen in Bausch und Bogen, nur weil einer davon ihnen Schmerz zugefügt hat oder an-dere sie dazu ange-stiftet haben.
Letzten Endes haben wir alle die Wahl. Wir sind Kate alle ähnlich und singen möglicherweise nicht unser eigenes Lied, sondern das von anderen übernommene. Weil ihr selbst so viele Vorurteile ent-gegengebracht worden waren, verhielt sie sich einem Menschen von einer anderen Rasse gegenüber ge-nauso ablehnend, wie sie es erlebt hatte. Durch die Verarbei-tung ihrer Erinnerungen konnte sie ihren Ärger und Groll auf andere loslassen und ihr eigenes System von diesen Giften reinigen. Das machte sie frei für einen größeren Schritt nach vorn, als es ihr bisher möglich gewesen war.

Das Leben willkommen heißen
Wie wir in unserer Arbeit immer wieder gesehen haben, gibt es Gründe für Reaktionen, die wir vielleicht bislang „verrückt“ oder unbeherrscht fanden. Unsere unbewussten Erinnerungs-verbindungen bilden die Grundlage für unsere Probleme wie auch für unsere Fähigkeit, im Leben Heilung und Zufrieden-heit zu finden. Ich hof-fe, die Beispiele und Übungen in die-sem Buch haben Ihnen klarge-macht, dass Sie mit Ihrem Schmerz und Ihrem Wunsch nach Le-bensfreude und Wohlbe-finden nicht alleine sind. Wenn Sie sich weiterhin re-gelmäßig selbst erforschen, begreifen Sie immer bes-ser, was Sie inner-lich steuert. Durch tägliches Üben und Anwenden der Selbst-steuerungstechniken können Sie Ihr Verhalten zuneh-mend be-wusst lenken. Sie wissen jetzt, wenn Sie sich irgendwo blo-ckiert fühlen, dass es Möglichkeiten gibt, diese Hindernisse zu überwinden und ein Leben voll von neuen Möglichkeiten und Po-tenzialen Sie erwartet. Wichtig ist auch, dass Sie dann selbst ent-scheiden können, welche Richtung Sie in Ihrem Leben einschlagen wollen.

Auszug aus: Francine Shapiro, Frei werden von der Vergangenheit – mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Buchtipp:
Francine Shapiro, Frei werden von der Vergangenheit – Trauma-Selbsthilfe nach der EM-DR-Methode, Kösel Verlag 2013, 413 Seiten, 24,99 Euro


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