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Ausgabe Mai 2014
Liebe und Heilung. Von Bruce D. Perry und Maia Szalavitz

Buchauszug: Bruce D. Perry und Maia Szalavitz: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde.

Wie wichtig Beziehungen für die Heilung seelischer Traumata sind, dringt erst langsam ins allgemeine Bewusstsein. Der US-amerikanische Kinder-psychiater und Traumatherapeut Bruce D. Perry kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die wichtigsten Heilungserfahrungen im Leben von traumatisierten Kindern nicht in der Therapie selbst stattfinden. Ein Auszug aus seinem neuen Buch.

Ein Trauma und unsere Reaktion darauf lässt sich außerhalb des Kontexts menschlicher Beziehungen nicht verstehen. Ob Menschen ein Erdbeben überlebt haben oder wiederholte Male sexuell missbraucht worden sind, das Wichtigste ist, wie sich diese Erfahrungen auf ihre Beziehungen auswirken – zu den Menschen, die sie lieben, zu sich selbst und zur Welt. Die traumatischsten Aspekte aller Katastrophen betreffen die Zerrüttung menschlicher Beziehungen. Und das gilt vor allem für Kinder. Von Menschen verletzt zu werden, die uns lieben sollten, von ihnen im Stich gelassen zu werden, der Beziehungen beraubt zu werden, die uns erlauben, uns sicher und geschätzt zu fühlen und menschlich zu werden – das sind zutiefst zerstörerische Erfahrungen. Menschen sind unvermeidlich soziale Wesen, deshalb drehen sich die schlimmsten Katastrophen, die uns zustoßen können, um den Verlust von Beziehungen. Infolgedessen geht es bei der Heilung von einem Trauma und von Vernachlässigung ebenfalls um Beziehungen – um das Wiederherstellen von Vertrauen, das Wiedererlangen von Zuversicht, die Rückkehr zu einem Gefühl von Sicherheit und die Wiederverbindung mit der Liebe. (…) Heilung und Gesundung sind ohne dauerhafte, liebevolle Beziehungen zu anderen nicht möglich – selbst mit den besten Medikamenten und Therapien der Welt. Im Kern entscheidet die Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten darüber, ob eine Therapie wirkt, und nicht primär ihre oder seine Methoden oder klugen Worte. All die Kinder, die im Anschluss an unsere Behandlung letztendlich aufblühten, taten dies aufgrund eines starken sozialen Netzwerks, das sie umgab und unterstützte. Kinder wie Peter, Justin, Amber und Laura wurden durch die Menschen um sie herum geheilt: ihre Familien, ihre Freunde, all die Menschen, die sie respektierten, die ihren Schwächen und Verletzlichkeiten gegenüber tolerant waren und die ihnen geduldig beistanden, während sie neue Fertigkeiten ausbildeten. (…) Sie alle stellten die wichtigste Therapie zur Verfügung, die diese Kinder jemals erhielten. Weil das, was sie am meisten brauchten, ein reiches soziales Umfeld war, eines, dem sie angehören konnten und in dem sie geliebt wurden.
Misshandelte und missbrauchte Kinder brauchen in erster Linie eine gesunde Gemeinschaft, um den Schmerz, den Kummer und den Verlust zu dämpfen, der durch ihr frühes Trauma verursacht worden ist. Alles, was die Anzahl und die Qualität der Beziehungen dieser Kinder steigert, unterstützt ihre Heilung. Beständige, geduldige, sich wiederholende und liebevolle Fürsorge ist das, was ihnen hilft. (…) Innerhalb der gegenwärtig bestehenden Systeme ist es jedoch außerordentlich schwierig, effektive Hilfe anzubieten, weil genau die Kinder einem Trauma gegenüber am verletzlichsten sind, die mit der geringsten Wahrscheinlichkeit eine gesunde und unterstützende Familie und Gemeinschaft haben. Gesunde Gemeinschaften sind aus sich heraus häufig genau das, was zwischenmenschliche traumatische Ereignisse (wie häusliche Gewalt und andere Gewaltverbrechen) von vornherein verhindert. Deshalb erhöht der Zusammenbruch der sozialen Beziehungen, der in unserer hochmobilen Gesellschaft üblich ist, die Verletzlichkeit eines jeden Einzelnen.

Eine gesündere Gesellschaft aufbauen
Wenn wir erfolgreich gesunde Kinder großziehen wollen, Kinder, die eventuellen traumatischen Ereignissen gegenüber Spannkraft besitzen – wobei ungefähr 40 Prozent aller Kinder mindestens eine potenziell traumatische Erfahrung machen werden, bevor sie erwachsen sind –, müssen wir eine gesündere Gesellschaft aufbauen. Das Wunderbare an unserer Spezies ist, dass wir imstande sind, zu lernen. Unser Gedächtnis und unsere Technologien erlauben uns, von der Erfahrung derjenigen zu profitieren, die vor uns kamen. Aber diese Technologien, selbst diejenigen, die eigentlich dafür gedacht sind, uns zusammenzubringen, halten uns gleichzeitig zunehmend voneinander fern. Die moderne Welt hat die fundamentale biologische Einheit des menschlichen Soziallebens durcheinandergebracht und in vielen Fällen aufgegeben: die erweiterte Familie. Der Zusammenbruch der Kleinfamilie ist sehr betont worden. Ich halte jedoch in vielen Fällen die erweiterte Familie für genauso wichtig. (…) Unzählige Generationen lang lebten Menschen in kleinen Gruppen, die aus 40 bis 150 Menschen bestanden. Die meisten von ihnen waren eng miteinander verwandt und lebten gemeinschaftlich. Noch um das Jahr 1500 setzte sich die durchschnittliche Familiengruppe in Europa aus annähernd 20 Personen zusammen, deren Leben auf einer alltäglichen Basis eng miteinander verbunden waren. Um 1850 war diese Zahl von Menschen, die in enger Nachbarschaft miteinander lebten, jedoch auf 10 gesunken und um 1960 herum waren es nur noch fünf. Im Jahr 2000 betrug die durchschnittliche Größe eines Haushalts weniger als vier Personen und schockierende 26 Prozent der Amerikaner leben allein.

Heilungsfaktor Liebe
Jahrelang haben Fachleute aus dem Bereich der psychischen Gesundheit Menschen beigebracht, dass sie auch ohne soziale Unterstützung psychisch gesund sein können, dass »keiner dich lieben wird, wenn du dich nicht selbst liebst«. Frauen wurde gesagt, dass sie keine Männer brauchen und umgekehrt. Menschen ohne jegliche Beziehungen wurden für ebenso gesund angesehen wie diejenigen, die viele hatten. Diese Ideen widersprechen der fundamentalen Biologie der menschlichen Spezies: Wir sind soziale Säugetiere und hätten ohne tief verbundenen und voneinander abhängigen menschlichen Kontakt niemals überleben können.
Die Wahrheit ist, dass man sich selbst nicht lieben kann, wenn man nicht geliebt worden ist und geliebt wird. Die Fähigkeit zu lieben kann nicht in Isolation gebildet werden.
Eltern können mit einfachen Mitteln eine familiäre Atmosphäre schaffen, die die Biologie respektiert. Sie können zum Beispiel in Bezug auf Medien und Technik Grenzen setzen, indem sie regelmäßig gemeinsame Mahlzeiten einrichten und währenddessen Telefon, Fernseher und Computer ausschalten. Außerdem können sie Verhaltensweisen vorleben, die die Bedeutung von Beziehungen, Einfühlsamkeit und Freundlichkeit im Zusammensein mit anderen Menschen betonen, seien dies Verwandte, Nachbarn, Ladenbesitzer oder andere, denen sie im Alltag begegnen. Auch die Schule braucht Veränderung. Unser Bildungssystem hat sich geradezu besessen auf die kognitive Entwicklung konzentriert und die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse von Kindern fast völlig außer Acht gelassen. (…) Das Gehirn eines Kindes braucht mehr als Worte und Lektionen und organisierte Aktivitäten: Es braucht Liebe und Freundschaft und die Freiheit zu spielen und zu träumen. Wenn Eltern das wissen, ist es ihnen vielleicht eher möglich, dem sozialen Druck zu widerstehen und anzufangen, Schulen in eine sinnvollere Richtung zu drängen.
Damit ein Kind freundlich, großzügig und einfühlsam wird, muss es auch so behandelt werden. Bestrafung kann diese Qualitäten weder hervorbringen noch Vorbild dafür sein. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich gut benehmen, müssen wir ihnen zwar Grenzen setzen, aber wir müssen sie auch gut behandeln.
Ein Kind, das mit Liebe erzogen wurde, möchte die Menschen in seinem Umkreis glücklich machen, weil es erlebt, dass sein Glück sie ebenfalls glücklich macht; es fügt sich nicht einfach nur, um Strafe zu vermeiden.
Die Arbeit mit Kindern, die ein frühes Trauma erlitten haben, erfordert zwei Dinge, die in unserer modernen Welt häufig Mangelware sind: Zeit und Geduld. Traumatisierte Kinder neigen zu überaktiven Stress-Reaktionen, die sie aggressiv, impulsiv und bedürftig machen können. Solche Kinder sind schwierig, sie regen sich leicht auf und lassen sich schwer beruhigen. Sie überreagieren mitunter auf die geringste Neuerung oder Veränderung und sind oftmals nicht in der Lage zu denken, bevor sie handeln. Ehe sie überhaupt zu irgendeiner Art von dauerhafter Veränderung ihres Verhaltens fähig sind, müssen sie sich sicher und geliebt fühlen. Viele Behandlungsprogramme und andere Interventionen gehen es jedoch leider verkehrt herum an: Sie verfolgen einen strafenden Ansatz und hoffen, Kinder zu gutem Verhalten zu bringen, indem sie Liebe und Sicherheit erst wieder herstellen, wenn die Kinder sich »besser« benehmen.
Belastete Kinder leiden immer in irgendeiner Form an Schmerz – und Schmerz macht Menschen gereizt, ängstlich und aggressiv. Nur geduldige, liebevolle, beständige Fürsorge heilt; es gibt hier keine kurzzeitigen Wunderkuren. Das gilt für ein drei- oder vierjähriges Kind genauso wie für einen Jugendlichen. Nur weil ein Kind älter ist, bedeutet das nicht, dass ein strafender Ansatz angemessener oder wirksamer ist. Bedauerlicherweise neigt das System auch hier nicht dazu, diesen Umstand zu erkennen. Stattdessen tendiert es zu »schnellen Lösungen« und wenn diese fehlschlagen, gibt es lange Strafen. Wir brauchen Programme und Hilfsmittel, die anerkennen, dass Strafe, Entzug und Druck diese Kinder retraumatisieren und ihre Probleme nur verschlimmern.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Buchtipp:
Bruce D. Perry und Maia Szalavitz: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde.
Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können. Aus der Praxis eines Kinderpsychiaters,
Kösel Verlag 2013, 336 Seiten, 21,99 Euro


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