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Ausgabe Mai 2014
Die Sprache des Körpers. Von Wolf Schneider


Sprechen, das machen wir mit Worten, nicht mit dem Körper. Außer natürlich mit dem Mund, der sagt was, oder mit den Fingern, die geben auf der Tastatur etwas ein. Ansonsten spricht mein Körper nicht, denn wenn er rülpst oder die Gelenke knacken, ist das ja keine Sprache. Oder etwa doch? Psychosomatiker (von griech. psyche für Seele und soma für Körper) sprechen trotzdem von einer „Sprache des Körpers“. Sie meinen damit alles das, was der Körper äußert. Dazu gehören seine Leiden und Krankheitssymptome, aber auch seine gesunden Äußerungen, denn auch bei jeder Krankheit gibt es daneben zugleich Gesundheit: Die Darmflora mag gestört sein, aber die Haut ist rein; du bist kurzsichtig, hast aber eine gute Stimme, und trotz Schnupfen funktionieren deine Nieren. Obwohl wir jeweils dazu neigen, den Fokus auf das Kranke zu richten statt auf das, was funktioniert.

Mehr als nur Worte
Der Körper „spricht“ also in gewisser Hinsicht zu uns. Wenn wir doch nur die Zeichen zu deuten wüssten! So wie Thorwald Detlefsen und Rüdiger Dahlke es einst in ihrem legendären Buch „Krankheit als Weg“ unternommen haben, und viele nach ihnen. Um diese Äußerungen des Körpers als sprachliche Zeichen verstehen zu können, muss man allerdings den Sprachbegriff erweitern. Sprache ist dann mehr als nur dieser Text in der Zeitschrift KGS Berlin, den du gerade liest, und mehr als eine rote Ampel, die dir die Weiterfahrt verbietet oder als die hochdeutschen Worte, die da gerade aus dem Radio quellen. Beim Deuten dessen, was sonst noch Sprache ist, sind die möglichen Missverständnisse allerdings noch weit größer als wir es schon bei den Wortsprachen erleben.

Verdrängte Schmerzen
Warum es sich trotzdem lohnt, auf die Signale des Körpers zu achten und ihnen „Bedeutung“ beizumessen liegt daran, dass uns nicht alles bewusst ist, was unser Organismus weiß. Schmerzhafte Erlebnisse aus der Vergangenheit können im Körper gespeichert sein und dort vitale Prozesse – also die Gesundheit – behindern, ohne dass uns das bewusst ist. Das sind dann die sogenannten „Traumen“ (in der Einzahl „Trauma“, das griechische Wort für Verletzung, im Plural auch Traumata genannt). Unser Bewusstsein enthält das schmerzhafte vergangene Erlebnis nicht mehr; es hat es verdrängt, weil es so weh tat, aber der Körper weiß es noch. Um es heilen zu können, müssen wir uns dem Körper zuwenden und seine Signale verstehen. Manchmal genügt dabei das Verstehen – davon war Sigmund Freud überzeugt und baute die Psychoanalyse darauf auf – manchmal nicht; dann muss das neue, gesunde Verhalten bzw. der gesunde Energiekreislauf erst wieder eingeübt werden.

Der Weg der Heilung
Das seelische Ausheilen der körperlichen und seelischen Wunden, die wir uns im Lauf des Lebens zugezogen haben, braucht seine Zeit. Ein einziges Leben scheint dafür manchmal nicht auszureichen. Viele Menschen verstehen den spirituellen Weg vor allem als einen Heilungsweg, der Verdrängtes wieder hervorholt, damit es nicht im Unbewussten sein Unwesen treibt; der alte Wunden ausheilen lässt, so dass man nun neu handeln kann; der frei macht von Vergangenem, das heute keinen Sinn mehr hat, sondern nur noch behindert. Spiritualität nicht als Weg der Erleuchtung oder himmlischer Ekstasen, sondern als Weg der seelischen Reifung, der zeitweise mehr mit Konfrontation und Schmerzen zu tun hat, als mit Freiheit, Glück und Liebe. Bekommen wir die himmlischen Freuden denn nicht geschenkt, sondern müssen sie uns erst erarbeiten? Und die unter uns, die sich Gesundheit und Glück erst erkämpfen müssen, haben sie das ihrem Karma aus früheren Leben zu verdanken oder – moderner und systemischer gedacht – diversen Verstrickungen im Familiensystem?

Ich bin selbst schuld
Wer trotz Yoga, Meditation und vielfacher Heilungsbemühungen nicht gleich Erfolge erzielt, mag beim Therapeuten, spirituellen Lehrer oder der angewandten Methode die Schuld suchen, oder in einer unspirituellen, oberflächlichen Kultur, einem antispirituellen Zeitgeist, der Kommerzialisierung sogar der edelsten Heilungsangebote – und ganz allgemein im Kapitalismus oder Patriarchat. Oder, ganz brav und spirituell korrekt: bei sich selbst. Dann bin also ich selbst schuld, wenn all das nicht gelingt? Hab ich was falsch gemacht? Bin ich nicht gut genug? Schuldgefühle und Scham setzen ein und verschlimmern die Misere noch. Nun bin ich also nicht nur krank, traumatisiert und psychisch behindert, sondern auch noch selbst dran schuld. Sagen sie es nicht alle, die spirituellen Lehrer und pfeifen es nicht inzwischen sogar die Spatzen von den Dächern: Die Wirklichkeit, die du erlebst, die hast du dir selbst kreiert?

Innen- und Außenwelten
Nein, das kann’s nicht sein. Solche Selbstbeschuldigung kann mit Heilung nicht gemeint sein. Wo bliebe denn da die Liebe, die sie doch alle predigen, die Therapeuten und spirituellen Lehrer? Mich selbst akzeptieren, mich selbst lieben mit allen meinen Schwächen, dort muss ich anfangen. Dann können sich Schwächen in Stärken verwandeln, und um die Sandkörner meiner verletzen inneren Muscheln werden Perlen wachsen. Eine schamanische Krankheit führt mich auf den spirituellen Weg, und der Verwundete wird zum Heiler. Vielleicht passiert das auch mir, in meinem Leben – denken wir doch lieber positiv. Selbstbeschuldigung ist jedenfalls keine gute Lösung. Aller Innerlichkeitspredigten zum Trotz liegen die Ursachen, vom Glück ebenso wie vom Unglück, manchmal doch auch in der Außenwelt.

Zusammenhänge verstehen
Zurück zur Sprache – der Sprache der Worte, Laute und Gesten, der körperlichen Symptome und der Zeichen, mit denen uns das Leben auch im banalsten Alltag zuwinkt, manchmal sehr subtil, dann wieder mit Zaunpfählen. Diese Zeichen deuten zu können ist eine hohe Kunst. Außenweltbeschuldigungen sind einseitig, Selbstbeschuldigungen ebenso. Ursachenforschung ist trotzdem nötig. „Schuld“ ist ja nur ein anderes Wort für Ursache; wenn wir es von der moralischen Ladung befreien, dürfen und können wir durchaus was damit anfangen: Dann kann eine Einsicht „schuld“ sein an dem Glück, dass ich endlich die Zusammenhänge verstehe!

Die Welt spricht zu mir
Dann kann jeder Vorgang, den ich erlebe, zu mir sprechen, auch wenn dabei keine Worte fallen. Das Schnurren meiner Katze spricht zu mir, das Blühen der Bäume in unserem Vorgarten, der Riss in der Wolkendecke, der nach einem Regentag plötzlich das Sonnenlicht durchlässt. Aber auch die Schmerzen in meinem Knie oder Rücken, der Plastikmüll am Straßenrand auf dem Weg zur U-Bahn, der fade Geschmack des kunstvoll verpackten Essens, das ich gerade beim Discounter erstanden habe, weil mir die Zeit fehlt zum Selber-Kochen. Nun spricht nicht nur mein Körper mit mir, sondern auch die ganze körperliche Welt außerhalb davon, von der Peristaltik des Stadtverkehrs bis zum anscheinend grundlosen Lächeln der mir entgegen kommenden Passanten – ich bin angekommen, bei mir, im Weltinnenraum!


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection (www.connection.de) Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.


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