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Ausgabe April 2014
Wir sind nur Übende! Wollen Sie perfekt sein oder glücklich? Von Jochen Meyer


Bin ich noch attraktiv? Wird sich noch einmal jemand in mich verlieben? Genüge ich meinem Partner? Müsste ich interessanter, klüger, unternehmenslustiger sein? Mit Fragen wie diesen können wir uns das Leben so richtig schwer machen. Umgeben von Erwartungen, wie wir zu sein haben und wie unsere Beziehung zu laufen hat. Zu glauben, wir müssten perfekte Liebhaber sein, perfekte Partner und perfekte Eltern für unsere Kinder, bringt nichts als Kummer. Sind wir spirituell unterwegs, haben wir oft noch höhere Ansprüche an uns: Wir müssen jetzt achtsam Liebe machen, jederzeit so bewusst wie möglich kommunizieren, uns emotional öffnen, in Ich-Botschaften sprechen, unsere Aggressionen konstruktiv transzendieren und dabei möglichst gelassen und entspannt bleiben.

Perfekt sein wollen
Oft versuchen wir, verschiedensten und zum Teil widersprüchlichen Erwartungen gerecht zu werden: Denen unserer verinnerlichten Eltern, unserer kollektiv wahnhaften Gesellschaft und eigenen, die uns wie zum Beispiel unser spirituelles Über-Ich einreden, dass wir nach zweieinhalb Jahren Meditationspraxis schon viel weiter sein müssten und keine Beziehungskonflikte mehr haben dürften. Wir versuchen, in unseren Beziehungen Bildern und Mythen zu entsprechen, wie sie die Unterhaltungsindustrie, die Werbung und auch manche spirituellen Ratgeber vorgeben: Bildern vom perfekten Liebespaar, von der perfekten Beziehung, vom perfekten Sex. Wir leben nach den Normen anderer und überprüfen ständig, was wir falsch machen und noch optimieren könnten.
Wir denken in schwarz-weiß-Kategorien und sind pausenlos in einem Geisteszustand, der immer neue Probleme sieht und findet.
Unser Streben nach Perfektion resultiert aus einem tiefen Misstrauen uns selbst gegenüber: Der Angst, nicht zu genügen oder nicht richtig zu sein. Dahinter steht ein fragiles, instabiles Selbst. Indem wir uns ständig verändern wollen, kommen wir nie bei uns an und können uns nicht selbstsicher fühlen. Tief in uns nagt dieses bohrende Gefühl, nicht okay zu sein und bedroht fortwährend unsere innere Existenz.

Das Okay-Gefühl zulassen
Wie wäre es, wenn wir den Spieß einmal umdrehen und uns von jetzt an erlauben, uns okay zu fühlen – und zwar genau mit diesen unangenehmen Gefühlen von Unsicherheit, Angst und Zweifel? Wie wäre es, wenn wir nicht mehr länger hinter einem vermeintlich besseren Bild von uns selbst herrennen und uns stattdessen mit unserer Unsicherheit, unseren Ängsten und Zweifeln annehmen? Wie wäre es, wenn wir aufhören, uns permanent verändern zu wollen und stattdessen einmal innehalten und einfach nur beobachten, was wir gerade fühlen, denken und glauben?
Echtes inneres Wachstum ist Ausdruck eines echten Bedürfnis nach Entwicklung hin zu mehr Freiheit und keine unbewusste Reaktion auf einen inneren Druck, hinter dem unverarbeitete Ängste stecken. Und so beginnt wirkliche Veränderung damit, dass wir den unerwünschten Ist-Zustand anerkennen und annehmen. Erst dann können wir lernen, uns damit okay zu finden, dass wir uns manchmal unsicher fühlen, Fehler machen oder von Ängsten besessen sind. Dabei kann uns die spirituelle Einsicht bestärken, wonach wir alle im tiefsten Innern bereits vollkommen sind, auch wenn wir im alltäglichen Leben jede Menge Mist bauen.
Echtes inneres Wachstum unterscheidet sich von der fixen Idee, sich ständig verändern zu müssen.
Oft ist es hilfreich für das Zulassen des Okay-Gefühls, wenn wir unterscheiden lernen zwischen dem, der wir zu sein glauben – zum Beispiel im Kern schlecht, also nicht-okay und veränderungsbedürftig – und dem, der wir wirklich sind – im Kern zum Guten veranlagt, also okay und entwicklungsfähig. Indem wir erleben, dass wir von verschiedenen Standpunkten auf uns schauen und die Perspektive selber wählen können, erkennen wir leichter, dass wir letztlich immer alles sind: Erfüllte und Unerfüllte, Liebende und Streitende, Erfolgreiche und Scheiternde. Und das ist okay so – wir sind okay so. Nun können wir den Schritt vom entweder–oder zum sowohl–als auch machen: „Entweder wir lieben uns oder wir bekämpfen uns“ hört sich anders an und schafft eine andere Paar-Identität als „wir lieben uns und manchmal bekämpfen wir uns – auch das kommt vor!“ Dieser „Und-Raum“ des sowohl–als auch ermöglicht eine viel flexiblere Sichtweise. Wir sehen uns nun zunehmend als Mitschöpfer unserer Realität und immer weniger als Opfer unserer Umstände. Es fühlt sich definitiv anders an, wenn wir uns als Übende auf unserem Weg durchs Leben sehen und nicht mehr so sehr als wandelnden Problemfall, dem ständig etwas misslingt.

Einander sein lassen schafft Raum zum Atmen
Wenn es im Coaching um die Stärkung des Okay-Gefühls geht, arbeite ich gern mit der Aufstellung innerer Archetypen. Die Klienten nehmen dabei wahlweise die Haltung einer gütigen Mutter, eines wohlwollenden Vaters, eines weisen Alten, manchmal auch die eines Buddha oder eines anderen unterstützenden Wesens ein und betrachten sich dann aus dieser Perspektive selbst. Das führt häufig zu sehr berührenden, vollkommen neuen Einsichten, weil wir alle diese Archetypen in uns tragen und über das innere Wissen dieser Figuren verfügen; unabhängig von den Erfahrungen, die wir mit unseren realen Eltern gemacht haben. Auf einmal hören wir die Stimmen, die unser Bestes wollen, glasklar und ohne jeden Filter; und manchmal spüren wir auch, dass wir im tiefsten Innern diese Stimmen sind.
Lassen wir zu, dass wir okay sind - liebenswert, existenzberechtigt und wertvoll.
Das erweitert unseren Umgang mit uns selbst und wirkt positiv auf unsere Beziehungen. Hören wir auf, immer alles richtig machen zu wollen, dann darf auch unsere Beziehung oder unser Partner unvollkommen sein. Wir rümpfen die Nase nicht länger, wenn er mal wieder spät von der Arbeit kommt. Vielleicht können wir sogar lachen, wenn er eine Beule ins nagelneue Auto fährt, nachdem er das alte jahrzehntelang heil durch den Verkehr gesteuert hat. Wir bemerken, wann wir zwischendurch wieder eng werden und unser innerer Perfektionist auf den Plan tritt. Auch er darf weiter in uns existieren; letztlich verfolgt er ja gute Absichten. Nur erlauben wir ihm nicht mehr, uns zu vergiften – lieber gestatten wir uns und unseren Partnern, unvollkommen zu sein, weil es uns nun einmal nur so gibt. Lieber sind wir unfertig und glücklich als perfekt und gestresst.
Sobald wir uns nicht mehr so antreiben und an unseren Partnern nicht mehr das bemängeln, was wir an uns selbst ablehnen, verändert sich die Atmosphäre in unseren Beziehungen. Lassen wir einander sein, dann erschaffen wir eine Atmosphäre, in der wir Luft zum Atmen haben und uns gern aus freien Stücken weiterentwickeln. Wir befreien uns, wenn wir uns erlauben, Schwächen zu haben und Fehler zu machen. Um so mehr wir uns als Liebende okay fühlen und uns als Übende sehen, desto wohler werden sich auch unsere Partnerinnen und Partner fühlen. Einem Übenden fühlen wir uns eher nah und verbunden; mit ihm machen wir uns gern gemeinsam auf den Weg.

Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. Weitere Infos zu seiner Arbeit auf www.jochen-meyer-coaching.de


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