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Ausgabe April 2014
Yoga - Ein Geschenk für Geist und Körper. Von Anna Trökes


Die alten Yoga-Sutren beschreiben uns Yoga als einen gangbaren Weg, der uns allmählich ermächtigen soll, die Struktur, die Denk- und Handlungs-Muster unseres „Mentals“ (mental: geistiger Bereich, Geist) zu erkennen und alles das, wodurch wir uns Leid erschaffen, nach und nach hinter uns zu lassen. Dieser Weg besteht aus einer ganzheitlichen Übungspraxis, der Sadhana (wörtl. Übung, Methode), die vor allem am Geist ansetzt, aber auch intensiv den Atem und den Körper als Ort der Erfahrung mit einbezieht.
Der Weg wird als Ashtanga-Yoga bezeichnet, was meist als „achtgliedriger Yoga-Weg“ (von ashta = acht und anga = Glied) übersetzt wird. Das Bild der acht Glieder lässt an eine Kette denken, in der alle acht Glieder ineinander greifen und jedes Glied ein integraler und unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen ist. Das bedeutet, dass jedes Glied gleich wichtig ist, woraus folgert, dass sie nur in einer Übungspraxis, die alle Glieder umfasst, ihre volle Wirksamkeit entfalten können.
Die acht Übungsthemen „stellen eine Umschulung des Verhaltens dar, das sich an sechs verschiedene Ebenen unserer Persönlichkeit richtet“ (Sriram, a.a.O., S.91). Der Weg führt uns dabei schrittweise von außen nach innen, wobei sich jeder „Schrittstein“ als Übungsfeld entfaltet. Die Themen sind:

Yama – unser Umgang mit unserer Umwelt
Niyama – unser Umgang mit uns selbst
Asana – unser Umgang mit unserem Körper
Pranayama – unser Umgang mit unserem Atem
Pratyahara – unser Umgang mit unseren Sinnen
Dharana – unser Umgang mit unserer Konzentrationsfähigkeit
Dhyana – unser Umgang mit der Verinnerlichung und Versenkung, also der Meditation
Samadhi – unser Umgang damit, zu tiefstem Verständnis und zu vollkommener Loslösung zu gelangen

Die Entwicklung unserer Persönlichkeit auf diesem Yoga-Weg geschieht nicht linear, sondern vielmehr spiralförmig, und zwar dergestalt, dass wir im Laufe des Lebens in immer neuen Runden dieselben Themen durchlaufen – nur auf einer anderen Ebene, nämlich der, die von der bisher integrierten Übungspraxis und Einsicht durchdrungen ist. In dieser Weise beeinflussen sich die Übungsfelder ständig untereinander, wodurch es möglich wird, dass sich unsere Persönlichkeit auf dem Yoga-Weg gleichmäßig und harmonisch zu entwickeln vermag.

Kriya Yoga
Am Beginn des zweiten Kapitels des Yoga-Sutras gibt Patañjali entscheidende Hinweise darauf, durch welche Qualitäten sich unsere Übungspraxis auszeichnen sollte. „Unsere Yogapraxis muss drei Qualitäten vereinigen: Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen“ (II.1) heißt es in der Übersetzung von T. K. V. Desikachar (T. K.V. Desikachar: Über Freiheit und Meditation. Das Yogasutra des Patanjali, Petersberg 1997, S.57). Kriya kommt von der Wortwurzel kri = handeln und bedeutet „praktisches Tun“ (Desikachar) „reinigende Handlung“ (Sriram) bzw. „heilige Handlung“ und „Tat“ (Deshpande). Es geht also darum, dass wir unsere Yoga-Praxis so gestalten, dass sie besonnen, bewusst, an unsere Themen angepasst und hingebungsvoll ist. Die drei Qualitäten heißen auf Sanskrit Tapas, Svadhyaya und Ishvara pranidhana und sollen im Weiteren einer genaueren Betrachtung unterzogen werden.

Tapas
Wie wir gesehen haben, wurde der Begriff Tapas bereits seit vedischer Zeit als zentral zur Beschreibung davon angesehen, wie wir üben sollten. Unter den vielen möglichen Bedeutungen des Wortfeldes Tapas schälen sich im Kontext des Kriya-Yoga besonders folgende Übersetzungen heraus: „heiß sein, intensiv sein, scheinen, erhitzen“, „Brennen, Leidenschaft, Verzicht“, aber auch „mit uneingeschränktem Einsatz“ (Sriram, a.a.O., S. 95), „Enthaltsamkeit, Ernst und Entschlossenheit“ (Sriram, a.a.O., S. 95) oder „Klarheit fördernd“ (Desikachar, a.a.O., S.57).
Wer sich auf den Yoga-Weg begibt, soll also „darauf brennen“, „Feuer und Flamme sein“ für seine Praxis und die daraus resultierenden Erkenntnisse. Diese innere Einstellung, die sich auf Begeisterung gründet, lässt den Menschen „voller Leidenschaft mit Bereitschaft zum Verzicht (auf anderes)“ üben. Er wird seine Praxis „ernst und entschlossen“ angehen und „uneingeschränkten Einsatz“ zeigen. Durch diese mentale Ausrichtung wird Klarheit entstehen über das, was im Leben wirklich wichtig ist und in welche Prozesse man seine Energien fließen lässt. Tapas beschreibt also einen Menschen, der sich „mit Haut und Haaren“ und mit ganzem Herzen vollständig dem Prozess verschrieben hat, den der Yoga in ihm auslösen wird, und der bereit und willens ist, sich in diesem Prozess klären und wandeln zu lassen.

Svadhyaya
Der Begriff Svadhyaya knüpft unmittelbar an diese Ausrichtung an.
Sva heißt „selbst“ und adhyaya „lernen, studieren“, aber auch „das, was vor einem steht“. Im Kontext des Kriya-Yoga hat Svadhyaya die Bedeutung von „über sein eigenes Selbst lernen“„Selbststudium, sich (sich) selbst nähern“ oder einfach „Selbstreflexion“. Das ist ein Unterfangen, das einer außerordentlich großen Achtsamkeit bedarf, da jeder Mensch dazu neigt, sich unter dem Eindruck seiner bisherigen Erfahrungen und Prägungen und aller damit verbundenen Selbstannahmen zu betrachten. Folglich besteht, so Deshpande, „die einzige Möglichkeit, über uns selbst zu lernen, darin, das Spiel der vrittis zu beobachten, wie sie als Reaktionen auf alles, was den Geist berührt, entstehen. Wenn man sie beobachtet, lernt man, was sie antreibt, wohin sie führen, usw.“ (Deshpande/Bäumer, a.a.O., S. 86). Durch unablässige Beobachtung und Achtsamkeit lernen wir zu verstehen, wie unser Geist strukturiert ist und nach welchen Gesetzen er sich angewöhnt hat, vollkommen automatisch und autonom zu funktionieren. Wir begreifen, in welchen Reiz-Reaktions-Mustern wir uns gefangen halten und können erfahren und fühlen lernen, wie es ist, wenn uns plötzlich „etwas reitet“, also irgend ein innerer Antrieb, ein Gefühl oder ein Gedanke uns leitet, während unser Körper diesen unbewussten Befehlen Folge leisten muss. Mittels dieser Erkenntnis können wir uns wieder selbst ermächtigen, die Impulse zu zügeln und zu beherrschen. Svadhyaya meint also in der konkreten Umsetzung, dass wir unser eigenes Gewordensein möglichst neutral und unvor-eingenommen betrachten und dann aufhören, uns damit zu identifizieren. Dadurch verlieren die Vrittis ihre Kraft, immer wieder Unruhe und Spannung im Geist zu erzeugen, so dass das citta langsam klar und stabil werden kann.

Ishvara pranidhana
Im Yoga-Sutra erschafft Patañjali mit dem Konzept des Ishvara ein eigenständiges „Gottesbild“. Der Begriff Ishvara meint in der indischen Kultur zum einen „das Göttliche, das Mächtige“ (Sriram, a.a.O., S. 53ff ), also das höchste und damit abstrakteste Prinzip, andererseits aber auch die Idee eines persönlichen Gottes, mit dem jeder in Beziehung treten kann. Letztlich geht es dabei um die Erfahrung des Göttlichen im eigenen Inneren. Auf welcher tiefen Erkenntnis dieses Konzept beruht, erläutert Deshpande folgendermaßen:
„Der Weg der Gotterkenntnis lässt alle Begriffe von Gott beiseite, die im Osten und Westen vorherrschen. Die begriffliche Methode ist im Grunde der Vorstellung verhaftet und nicht existentiell oder real. Gegenstand des Yoga sind aber nicht widerstreitende Begriffe, Ideen, Ideologien und systematische Gedankenstrukturen oder Theorien, ob theologisch oder profan, sondern der Mensch, der alle diese traumhaften Gebilde erzeugt.
Daher kann Gott existentiell nicht irgendetwas über und außerhalb des Menschen sein oder der ‚Andere‘ dem Menschen gegenüber. ‚Er‘ muss etwas sein im Inneren des menschlichen Wesens selbst, dessen sich der Mensch aufgrund der dicken Schichten von Konditioniertheit, die er seit unvorstellbaren Zeiten angesammelt hat, nicht bewusst ist. Diese Sutren (Sutren zu Ishvara in YS, I, 23-28) beabsichtigen vor allem, den Menschen zu befähigen, sich wesentlich und intensiv jenes besonderen ‚Etwas‘ bewusst zu werden, das in ihm pulsiert und das er unbestimmt ‚Gott‘ nennt.“ Das Yoga-Sutra stellt uns Ishvara vor als „die Quelle allen Wissens“, als ‚Erster unter allen Gurus‘ (I.26), als der ‚Meister der Meister‘ und damit auch als das dem Menschen eingeborene unhinterfragbare Wissen um die höchste Wirklichkeit. Gotteserkenntnis heißt damit auch im Yoga-Sutra, Gott in sich zu finden.
Da Gott ohne Eigenschaften, allumfassend und ewig ist, lässt er sich nicht vermittels der alltäglichen Vrittis erfahren, sondern nur in dem Nirodha-Zustand, der frei von allen Prägungen, Konzepten und Vorstellungen ist. Das wird sogar von der Wurzelbedeutung des Wortes pranidhana angedeutet. Es ist ein zusammengesetzes Wort aus dem Präfix pra und nidhana. Nidhana bezeichnet einen Ort, wo etwas niedergelegt wird, und pra heißt ‚intensiv‘. Ishvarara pranidhana heißt daher: der Raum – die Leere – voll von der Intensität des Seins, in dem Gott west.“ (Deshpande/Bäumer, a.a.O., S.87
Bezogen auf unsere Übungspraxis bedeutet die Ausrichtung auf Ishvara pranidhana, dass wir unsere Perspektive daran ausrichten, immer wieder vollkommen in diesen Raum göttlichen Seins in uns einzutauchen und uns an unser innerstes Wissen anzuschließen. Gleichzeitig legt uns das Konzept des Ishvara, dessen Bewusstsein immer rein und klar ist, nahe, uns an diesem Leitbild zu orientieren. Da wir Menschen aber dazu neigen, normalerweise aus unserem konditionierten und begrenzten Bewusstsein heraus die Welt zu erfahren und entsprechend zu handeln, heißt es auch, die eigenen Grenzen anzuerkennen und sich der Führung dieses „obersten Lehrers“ anzuvertrauen. Desikachar legt uns in diesem Zusammenhang nahe, die Folgen der Handlungen unseres begrenzten Geistes „mit Offenheit anzunehmen“, während Sriram uns rät, „dem Unvorhersehbaren gegenüber offen zu sein“ und unseren „Eigenwillen (nicht) überzubewerten.“ Aus diesem Grunde wird Ishvara pranidhana auch häufig als der Hinweis gedeutet, sich mit all seinem Tun „dem Höchsten hinzugeben“ und zu versuchen, sich ganz auf seine Reinheit und Klarheit einzuschwingen.
Ein Mensch, der versucht, die Motive seines Handelns (Kriya-Yoga) immer wieder zu hinterfragen (svadhyaya), um dieses Handeln dann voller Enthusiasmus (tapas) immer wieder dem Göttlichen hinzugeben (Ishvara pranidhana), der wird Gleichmut erfahren.

Auszug aus „Die kleine Yoga-Philosophie“ mit freundlicher Erlaubnis des Verlages O.W.Barth Verlag, 2013


Die Autorin Anna Trökes ist seit fast vierzig Jahren Yoga-Lehrerin. Sie zählt zu den erfahrensten und bekanntesten Yogalehrern Deutschlands. Sie unterrichtet bereits seit 1974 Yoga und ist Autorin von mehr als 20 Yoga-Publikationen. Seit 1983 leitet sie Yogalehr-Ausbildungsgänge für den BDY und lehrt als Ausbildungs-Dozentin beim BDY, der SYG, dem BÖY, der VHS, dem Kneipp-Bund und privaten Ausbildungsschulen für die Fächer Hatha-Yoga, Pranayama, Meditation, Yoga-Philosophie, medizinische Grundlagen, Unterrichtsgestaltung und Sprecherziehung für Yogalehrer. Sie lebt in Berlin.

Buchtipp:
Anna Trökes, Die kleine Yoga-Philosophie: Grundlagen und Übungspraxis verstehen, gebundene Ausgabe, 368 Seiten, EUR 22,99, Verlag O.W. Barth



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