aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe April 2014
Archetypen-Aufstellungen. Keine einfache Sache! Von Peter Orban


Nachdem ich in der Februar Ausgabe der KGSBerlin genügend gewettert habe über Familien-Therapeuten, die in Aufstellungen darauf bedacht sind, die Chromleisten ihres Egos zu polieren, will ich heute eine Chromleiste meines eigenen Egos vorstellen - in der Hoffnung, der Leser findet sie glänzend!
Fangen wir mit dem Titel an: Was ist ein Archetypus? Fast alle reden gern davon, kaum einer hat jemals richtig nachgeschaut. Um hier ein wenig den Nebel zu lüften, möchte ich etwas weiter ausholen. Normalerweise sind wir bei der Familienaufstellung mit den Familien- und Sippen-Mitgliedern vollauf ausgelastet, die Baustellen unseres Lebens zu betrachten und – wenn möglich – zu befrieden. Dabei kann man diejenigen, die zu den Lebens-Systemen der Aufstellung gehören, folgendermaßen beschreiben:
Ich habe mir angewöhnt, diese Beschreibung zu beginnen mit dem Bild eines vielstöckigen Hauses. Bitte, es ist ein Vorstellung, sonst nichts, doch es kann im Inneren dazu dienen, die Seele mit ihren Bewohnern einleuchtend zu illustrieren und die Arbeit, die der Therapeut vollbringen muss, in der richtigen Hierarchie zu zeigen.
Der Eingang zu diesem Haus - das ist der Unterschied zu allen anderen Häusern in der Welt - liegt oben. D.h. die Treppen zu den einzelnen Etagen führen immer tiefer (in das Innere) hinab. Steigt man also die Treppen hinunter, so gelangt man relativ rasch auf eine Etage (nennen wir sie die erste!) und findet hier Zimmer oder Kammern, in denen Gestalten aufbewahrt liegen, die in unserem Leben einen wichtigen Stellenwert haben.

Die erste Etage
Auf der ersten Etage befinden sich die Kammern, in denen unsere Freunde sich aufhalten. Einen großen Raum haben meist die Freunde der Kindheit und mitunter hat der eine oder andere Freund in unserer Seele noch keinen friedvollen Platz. Vielleicht haben wir ihm einmal sehr wehgetan, ihn (mit einem anderen Freund betrogen) oder haben sogar sein Sterben anschauen müssen. (Als er vor meinen Augen überfahren wurde.) Derartiges kann in der Seele zu großen Traumata führen, die in mir weiter arbeiten. Ebenfalls auf dieser Etage leben aufbewahrt (für meine gesamte Lebenszeit) manche TIERE, die – meist durch ihren Tod – für immer eine wunde Stelle hinterlassen. Z.B. Pferde bei jungen Mädchen, ein besonders heikles Kapitel.

Die zweite Etage
Auf der zweiten Etage finden wir, jeweils in eigene Räumen, jene Menschen untergebracht, mit denen wir, da sie unsere Partner waren, sehr viel intimer verkehrten, als das mit Freunden je geschehen ist. Wir hatten Sex mit ihnen, und diese Art der Verbindung hinterlässt in der Regel tiefer greifende Spuren und stellt Bindungen ganz besonderer Natur her. Bindungen, die bleibend sind, wenn auch die reale Beziehung vorbei ist. Hier leben, wenn ich ein heterosexuellen Mann bin, meine Freundinnen, Ehefrauen, Geliebte, manchmal auch die eine oder andere Prostituierte und die Kinder, die mit deinen Partnern gezeugt wurden. Sogar dann noch, wenn sie bereits im Mutterleib oder bei der Geburt starben oder willentlich in einer Abtreibung getötet wurden. (Bin ich schwul, leben hier natürlich auch die männlichen Partner.) Bin ich eine heterosexuelle Frau, so leben auf meiner zweiten Etage die Männer, mit denen ich verkehrte (Freunde, Ehemänner, Geliebte usw.).
Der Eintritt auf diese Etage wird nur gestattet, wenn der sexuelle Akt vollführt worden ist. (Er gilt auch dann, wenn dieser Preis als Vergewaltigung entrichtet wurde.) Wie schon gesagt: Auch die Kinder, die mit diesen Partnern (auch den Vergewaltigern!) gezeugt wurden, haben ihren Platz auf diesen zweiten Etage.

Die dritte Etage
Auf der dritten Etage finden wir alle Menschen, die meine Geschwister genannt werden dürfen, das heißt in deren Adern das Blut mindestens eines meiner Elternteile fließt. Dabei gilt, dass in der Seele keine Halbgeschwister existieren, in der Welt natürlich sehr wohl. Auch Geschwister, die bereits im Mutterleib verstarben, abgetrieben wurden oder die tot zur Welt kamen, zählen auf dieser Etage dazu. Und sie können, wenn sie nicht gesehen oder verleugnet werden, schwer zu heilende Baustellen aufreißen.

Die vierte Etage
Auf der vierten Etage schließlich finden wir den ganzen Pulk unsere Herkunft, seien es die ELTERN, die Geschwister der Eltern (also meine Onkeln und Tanten), frühere Partner der Eltern, die Großeltern, deren Geschwister und ebenfalls frühere Partner. Mitunter muss die Kette der Generationen noch sehr viel weiter in die Tiefe hinab verfolgt werden, wenn es Anlass dazu gibt. Manchmal werden auch noch Täter (wenn einem Familienmitglied Schweres zugefügt wurde) oder Opfer (wenn ein Familienmitglied selbst zum Täter wurde) aufgestellt, weil es ohne sie keine Lösung gibt.

Soweit die bisherigen Suchbewegungen und die Fahndungsergebnisse, die in den letzten 20 Jahren in der Regel sehr erfolgreich waren. Und zu vielen Lösungsschritten in der Seele führen konnten.


Die Archetypen
Es gibt eine fünfte Etage in der Seele, und zwar ziemlich in der Tiefe der Seele, bevölkert von einer Art Wesenheiten. Um dies zu verstehen, müssen wir zu den Geschehnissen greifen, denen C. G. Jung ca. vierzig Jahre lang auf der Spur war. Ich möchte mit einem Zitat beginnen: „Wenn zum Beispiel ein alter, hochverdienter Gelehrter noch mit siebzig Jahren seine Familie stehen lässt und eine zwanzigjährige, rothaarige Schauspielerin heiratet, dann – wissen wir – haben sich die Götter wieder ein Opfer geholt. (...) Diese tiefere Schicht ist das sogenannte kollektive Unbewusste....” Und weiter: „Es ist, mit anderen Worten, in allen Menschen sich selbst identisch und bildet damit eine in jedermann vorhandene, allgemeine seelische Grundlage überpersönlicher Natur. (...) Die Inhalte des persönlichen Unbewussten sind in der Hauptsache die sogenannten gefühlsbetonten Komplexe, welche die persönliche Intimität des seelischen Lebens ausmachen. Die Inhalte des kollektiven Unbewussten dagegen sind die sogenannten Archetypen.” (Carl Gustav Jung, GW Bd. 9/I, 1976: „Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten” )
Anders gesagt: Auf der Tiefe der 5. Etage befinden sich - figurativ gesprochen: in ihren Räumen - Wesenheiten des Menschseins, die (vergleichbar der Astrologie) Themen in sich tragen und dem Menschen diese Themen auch zuführen. Zum Beispiel das Thema der „Zerstörung”, der „Kore”, der „Rover”, die Anima”, der „Animus”, der „alte Weise”, der „Trickster” und so weiter. Diesen Gestalten ist man ebenfalls nur mit Versöhnung beizukommen, doch ist dieser Weg ungleich schwerer zu bewältigen, weil er – erst einmal – eine uralte Feindschaft heraufbeschwört. Diese Gestalten werden vom Aufsteller immer auf einen Stuhl gestellt. Sind sie doch unendlich viel größer als jedes lebende oder tote Familienmitglied. (Rilke: „Der Tod ist groß – wir sind die Seinen...” natürlich ist auch der Tod ein Archetypus.)
Es sind buchstäblich „die Götter”, die hier aus der Seele des Menschen heraufbeschworen werden können.
Und es sind wahrscheinlich auch dieselben Götter, die dann später in den Himmel (oder auf den Olymp oder nach Walhall) hinaufprojiziert wurden: Die Götter aus der eigenen Brust! Diese Gestalten werden in einer Aufstellungsgruppe nur sehr selten aufgestellt und meist nachdem der Klient sein persönliches Unbewusstes (Vater, Mutter, Ehefrauen etc) bereits eingehend betrachtet hat.



Der Autor Dr. Peter Orban führt seit 35 seine therapeutische Praxis „Symbolon“ in Frankfurt/Main.
Er ist Autor zahlreicher Sach- und Fachbücher und leitet Ausbildungen in Aufstellungsarbeit – auch in Berlin.
Er lebt in Frankfurt/Main. Mehr über die Arbeit des Autors auf: www.symbolon.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.