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Ausgabe März 2014
Heilkunst, Zwischen Wissen und Vertrauen. Von Wolf Schneider


Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Drastischer kann man das Bedürfnis nach Gesundheit kaum proklamieren. Ebenso in dem, was wir einander zum Geburtstag wünschen, zeigt sich dieser Vorrang: Gesundheit ist der am häufigsten geäußerte Geburtstagswunsch. Und da wir hier schon bei den höchsten Prioritäten sind – wenn Paulus im 1. Korintherbrief sagt „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, setzt er dann die Liebe höher als die Gesundheit? Wärst du lieber krank und geliebt oder gesund, aber keiner liebt dich? Und selbst wenn das entschieden werden könnte, bliebe doch noch die Frage, ob nicht diejenigen, die lieben, vom Leben mehr gesegnet sind als die, die geliebt werden.

Prioritäten setzen
Was ist mir, dir und uns am wichtigsten? Diese Frage zu stellen ist nicht nur Gedankenakrobatik. Dass einer auf dem Sterbebett bereut habe, zu wenig Zeit im Büro oder am Computer verbracht zu haben, das habe sie noch nicht erlebt, schrieb kürzlich eine britische Krankenschwester, die viele Menschen in den Tod begleitet hatte. Wenn uns Krankheiten erwischen, bereuen wir jedoch oft, einem gesunden Leben nicht rechtzeitig den Vorzug gegeben zu haben. Der Gesundheit hohe Priorität einzuräumen – und damit meine ich hier nicht Askese, sondern ein lust- und liebevolles Leben – ist zudem eine liebevolle Hinwendung zum eigenen Körper, den wir damit als Tempel unserer Seele würdigen und so befähigen, nicht nur sich selbst helfen zu können, sondern auch anderen.

Flucht ins Extreme
Viele der neuen Gesundheitskulte allerdings sind kein Ausdruck von Liebe dem eigenen Körper gegenüber. Ihn zu Höchstleistungen zu trimmen, ihn im Fitnessstudio fitter und schöner zu stylen, um im Wettbewerb mit anderen besser dazustehen, ist kein Ausdruck von Liebe. Ab dem Punkt, wo die Leistung mehr zählt als das gute Körpergefühl, dient ein solcher Sport nicht mehr der Gesundheit. Zwischen Lethargie und Leistungssport gibt es eine gute Mitte, die sehr viel gesünder ist als die Extreme.
Der Grund, warum wir zu oft die Mitte scheuen, scheint mir zu sein, dass man „sich“ als Person in der Mitte nicht so gut spürt. Man hat dort zwar Gefühle und Empfindungen, spürt sich aber nicht als etwas Besonderes, als herausragend anders oder gewinnend. In der Mitte zu sein ist gewissermaßen langweilig. Um dem zu entfliehen, zerren uns diverse Süchte zu den Extremen hin. Dem kann man sich allerdings durch Sensibilisierung widersetzen. Feinfühliger werden, genauer im Erkennen und Unterscheiden. Die Ernährung, die Körperhaltung, die geistige Haltung, die Art der Bewegung, alles das lässt sich verfeinern, und das tut der Gesundheit gut. Auch Disziplin ist gut, aber es sollte eine liebevolle Disziplin sein und nicht eine, die den Körper oder die geistige Mittelmäßigkeit verabscheut. Mäßigkeit ist nur dann langweilig, wenn man die Bewegungen um die Mitte herum nicht genau genug wahrnimmt.

Kreisen um die Mitte
Auf jeden Fall ist Meditation gut für die Gesundheit, und auch hier gibt es solche und solche Ansätze. Ein Sich-hinein-fallen-Lassen in eine wohltuende Mitte ist gegenüber disziplinarischer Strenge der bessere Weg. Beim Sitzen in der stillen Meditation wird immer der aufrechte Oberkörper betont, weil die Atmung dann freier fließt und der Haltungsapparat weniger angestrengt ist. Diese aufrechte Haltung aber kann man angestrengt zu erreichen versuchen oder durch ein schwingendes Suchen und Austarieren der Mitte. Leicht um die Körpermitte zu schwingen, bis die Bewegungen dabei kaum mehr zu merken sind, ist ein besserer Weg zur aufrechten Haltung als rigide Disziplin.
So ähnlich kann man auch mit den eigenen Süchten umgehen, wozu ich jetzt mal auch alle schlechten Angewohnheiten zähle. Der Versuch, diese Angewohnheiten durch Disziplin zu bändigen gelingt kaum jemand, die Rückfälle nach all den strengen Diäten zeigen das. Eine Verfeinerung des Empfindens dafür, wie eine Zigarette schmeckt oder das fünfte Glas Bier, und was für ein Körpergefühl das hinterlässt, vermeidet Rückfälle. Als mir vor 37 Jahren in einem chinesischen Restaurant auf der Insel Penang in Malaysia während der Beschäftigung mit den asiatischen Bewusstseinswegen auf einmal klar wurde, dass ich kein Fleisch essen muss, fiel diese Gewohnheit einfach von mir ab. Ich habe seitdem nie wieder Appetit auf Fleisch gehabt, und auch nicht auf Fisch oder Geflügel.

Auf der Flucht vor dem Schlechten
Gesundheit als Flucht vor Krankheit zu verstehen hat ebenfalls keine guten Chancen. Zum einen fixiert einen das auf die Krankheit, und man züchtet damit Symptome, die man ohne diese Fokussierung der Aufmerksamkeit nicht hätte. Zum anderen ist das so was wie der Versuch, durch übermäßige Fixierung auf das Jäten einen Garten frei vom Unkraut zu bekommen. Ein Garten, der nur Pflanzen enthielte, die wegen ihrer Schönheit oder ihres Nutzens dort angepflanzt wurden, wäre ein langweiliger Garten, ein Biotop ohne Wildheit und ohne große Vielfalt. Auch unser Körper ist ähnlich einem Garten voller Kleinstlebewesen. Die meisten davon schaden uns nicht, sondern sind sogar Symbionten, die wichtig sind für unsere Gesundheit: Im Körper eines erwachsenen Menschen wohnen etwa 100 Milliarden endosymbiontische Bakterien mit einem Gesamtgewicht von circa zwei Kilogramm.
Insofern macht auch ein übertriebenes Entgiften und Entschlacken keinen Sinn. Der größte Teil der Detox-Industrien ist ein Nutznießer des weit verbreiteten Gefühls innerlich schlecht zu sein und ist eher psychologisch zu erklären als medizinisch. Schmutz ist nicht an sich schlecht – es kommt nur darauf an, wo sich die Substanz oder die Lebewesen befinden und wie viel/e davon; das A&O ist auch hier wieder mal die Dosierung.
Schließlich wird der Tod sowieso eines Tages alle unsere Gesundheitsprobleme erledigen. Bevor es soweit ist, dürfen wir genießen, was da ist und uns zur Verfügung steht und sollten uns nicht mit dem befeinden, was eines Tages stärker sein wird als unsere Gesundheit.

Weisheit
Jeder Heiler und jeder weise Mediziner wird zugeben, dass es nicht der Arzt oder Heiler ist und auch nicht das Medikament oder die Methode, was hilft, sondern es sind die Selbstheilungskräfte in uns, was uns gesunden lässt. Trotzdem sind die Einflüsse von außen nicht zu verachten, denn sie können diese Selbstheilungskräfte anstoßen. Und manchmal ist es tatsächlich eine Substanz, die eine Wirkung hat: So helfen gegen Skorbut keine Visualisierungen, keine Mantren, Gebete oder Räucherungen und auch keine Verabschiedung eines eventuell vorhandenen Mangelbewusstseins oder schlechten Karmas, sondern das Verabreichen von Vitamin C, in welcher Form auch immer, circa 100 mg pro Tag.
Leider sind die meisten anderen Krankheiten etwas komplizierter, aber auch dann hilft in der Regel die richtige Kombination von profundem Sachwissen mit Vertrauen in die angewandten Methoden – in sich selbst und die Personen und Umstände, die helfen können. Die richtige Mitte zwischen Wissen und Vertrauen nennen wir manchmal Weisheit.

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien.
Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. www.connection.de
Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.


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