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Ausgabe Februar 2014
Familienaufstellung, Eine einfache Sache? Von Dr. Peter Orban


Manchmal will es scheinen, als sei das Familienstellen eine Angelegenheit, die der Therapeut relativ leicht aus dem Ärmel schüttelt. Es sieht so selbstverständlich aus, so, als veranlasse der Therapeut die Stellvertreter zu bestimmten Tanzschritten – und schon gehe es dem Klienten, seinen Kindern und Ehefrauen deutlich besser.
Besonders Therapeuten sind dafür anfällig, wenn sie zwei Wochenenden, nachdem sie bei Bert Hellinger (oder einem seiner Schüler) zugebracht haben, in sich die Sätze zu entdecken: “So einfach ist das? Das kann ich auch!” Und schon ergänzen sie auf ihrem Messingschild vor der Tür die Worte “Psychologischer Familienaufsteller”.
Natürlich ist es nicht nett, so über Kollegen herzuziehen. Sie mögen in ihrer sonstigen Praxis ausgezeichnete Therapeuten sein, doch als Familienaufsteller sollten sie sich nicht verkleiden. Es gehört nämlich mehr dazu. Vor allem gehört dazu, dass sie mindestens vier- oder fünfmal selbst die Gestalten ihrer eigenen Seele aufgestellt und angeschaut haben. Bei einem Kollegen, der die Dynamiken der Seele ansatzweise verstanden hat.
Vor einigen Monaten saß ein renommierter Therapeut in meiner Beratung und machte mir als erstes deutlich, er stelle ja auch auf. Ich wusste von ihm, er ist ein guter Therapeut, der schon mehr als 45 Jahre Berufspraxis auf dem Buckel hatte. Er ist etwas älter als 70. Sein Leben, so sagte er, sei im Moment vollständig aus den Fugen, besonders in den Partnerschaften (er verwendete den Plural) funktioniere es hinten und vorne nicht und gerade die neue Frau, die er seit 2 Jahren sehr liebe, scheint bereits ihre Koffer zu packen. Er war verzweifelt!
Auf meine Frage, wie es denn seinen vorherigen Frauen ging, er habe das ja sicher schon aufgestellt. (Wenn man die Wahrheit über seine Partnerschaften wirklich wissen will, gibt es nur einen Weg: Man gehe in eine Familienaufstellung und stelle 5 oder 6 seiner wichtigsten Partner einmal als Stellvertreter sich gegenüber – vielleicht ein erstes Mal im Leben. Man selbst wird auch von einem Stellvertreter dargestellt. Und man schaue sich an, wie diese Menschen, mit denen ich einmal intim und sehr vertraut war, mich heute wahrnehmen. Ob sie mich achten oder heute eher verachten?)
Die Antwort des älteren Kollegen: Ich habe das nicht aufgestellt. Ich habe überhaupt noch nie etwas Eigenes aufgestellt. Weißt du (Therapeuten duzen sich), ich bin seit mehr als 40 Jahren in diesem Geschäft. Das kann ich mir getrost schenken.
Ich sagte ihm, dass ihn ich gern zu seinen Frauen (im Inneren) begleiten würde. Und dass ich mir einbilde, etwas über die Versöhnung mit früheren Lebenspartnern zu verstehen. Als aber im anschließenden Gespräch deutlich wurde, dass ihm auf Anhieb 15 Partnerinnen einfielen, die noch keinen guten Platz in seiner Seele hatten, und er zu jeder dieser Frauen in seinem Inneren gehen müsse, um dort eine Wiedergutmachung herzustellen – wenn das denn möglich wäre – sagte er: Ja, er denke darüber nach und wir verabschiedeten uns freundlich.
Worauf will ich hinaus?
Das Ausüben von Familienaufstellungen erfordert vom Therapeuten eine ziemlich genaue Kenntnis der Dynamiken, die im Inneren der Seele Bewegungen erzeugen. Bewegungen, die den Menschen in die Krankheit hinab führen, und ebenso Bewegungen, die ihn in die Heilung wieder hinauf begleiten. Es ist dies keine Wissenschaft, es ist eine Kunst. Es ist eine hohe Kunst, die man niemals vollständig beherrschen wird, die den Therapeuten in einen immerwährenden Lernprozess hinein verwickelt.
Eine Kunst, die man lernen kann? Wie sollte das gehen? Nun, diese Kunst hat damit zu tun, dass man in seiner eigenen Ausbildung ein Gefühl dafür bekommt, was es bedeutet, den richtigen “Punkt” zu treffen. Wenn man selbst eine Aufstellung leitet, geht es zuallererst darum, den einen “Punkt” (für diese Aufstellung) zu suchen. Es findet nämlich in jeder Aufstellung eine Suchbewegung statt, eine Art Fahndung. Dieses Bild hat Ähnlichkeit mit einem, das vor zweieinhalb tausend Jahren Archimedes uns gegeben hat: “Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann (und einen langen Hebel) und ich hebe dir die Erde aus den Angeln.”
Ein Beispiel mag das erläutern: Ein Mann, 50 Jahre alt, stört es schon lange sehr, dass er nirgends ein Zuhause findet. In den letzten 5 Jahren ist er acht Mal umgezogen. Er wünscht sich, endlich einmal anzukommen. Er ist unterwegs, auf der Suche. Erschwerend ist diese Suche dadurch, dass er selbst Familienaufsteller ist und sein Leben schon etliche Male aufgestellt hat. Der Mann hatte einen Bruder, der mit 6 Jahren beim Spielen tödlich verunglückt ist (da war der Klient erst 2 Jahre alt), doch auch diesen Bruder hatte er schon zweimal aufgestellt und war mit ihm “im Frieden”. Nach einer längeren Suche, der Therapeut wollte schon aufgeben, stellt sich folgender “Punkt” in den Vordergrund: Die Familie des Klienten war aus der DDR (noch während des Mauerbaus, der Klient war 5) mit sehr wenig Habseligkeiten bei Nacht und Nebel in den Westen geflüchtet und hatte sich dort erfolgreich ein neues, wohlbehütetes Leben aufgebaut. Der Klient konnte studieren, wurde Psychologe und ein erfolgreicher Aufsteller.
Alle waren zufrieden. Nur einer – in der Seele des Klienten – nicht: Der ältere Bruder der auf dem Friedhof in Halle zurück gelassen werden musste! Er war der “Punkt”!
Wie mag es sich (im Inneren des Klienten) für seinen toten 6jährige Bruder anfühlen, mutterseelenallein in heimatlicher und doch fremder Erde zu liegen? Niemand besucht das Grab, niemand spricht mit ihm usw.
Die Quintessenz einer jeden Aufstellung, so auch in dieser, liegt immer darin, dass der Therapeut jedes Mal aufs Neue auf die Suche gehen muss! Und den Hebel an einem Ort ansetzen muss, der in keinem Lehrbuch steht.
Heutige Therapeuten machen es sich mitunter ziemlich leicht: Sie suchen nicht nach einem “Punkt”.
Sie kreieren einen Punkt. Nehmen wir beliebige Therapeuten: Sie greifen in ihr therapeutisches Füllhorn und stellen – ziemlich unabhängig vom Anliegen des Klienten – der eine die beiden Großmütter (bei einem weiblich Klienten) oder die beiden Großväter (bei einem männlichen Klienten) auf. Der Zweite nimmt gewohnheitsmäßig den einen oder anderen Engel (Schütze-Aszendenten nehmen auch gern Erzengel) als “Punkt”. Ein Dritter holt eine oder zwei erdgebundene Seelen aus seinem Köcher, die um den Klienten herumschwirren mögen (oder in ihm) und stellt diese auf. Wenn das noch nicht zu Zufriedenheit führt, stellt der wahre Aufstellungs-Meister noch ein schamanisches Krafttier dazu.
Das ist – mit Verlaub – keine Familienaufstellung, das ist esoterisches Kasperletheater – jedenfalls keine ernsthafte therapeutische Arbeit.



Dr. Peter Orban führt seit 35 seine therapeutische Praxis „Symbolon“ in Frankfurt/Main.
Er ist Autor zahlreicher Sach- und Fachbücher und leitet Ausbildungen in Aufstellungsarbeit – auch in Berlin.
Mehr darüber auch auf: www.symbolon.de


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